Ich wollte sofort nach Norden fahren.
Ich wollte vor dem Haus von Paul Reimers stehen, die Tür öffnen und alles sehen, was er zurückgelassen hatte.
Doch Seidel erklärte mir ruhig, dass die Familie des Verstorbenen und die Polizei zuerst die Unterlagen ordnen müssten.
Eine Adresse in einem Buch war noch kein Beweis dafür, dass Lea dort lebte.
„Wenn Sie auf eigene Faust losfahren, erschweren Sie uns vielleicht die Gespräche“, sagte sie.
Ich stellte die Schlüssel wieder auf den Tisch.
Am folgenden Morgen fuhr ich stattdessen zu Fiete.
Er lag in einem sonnigen Fleck vor der Terrassentür seiner Pflegestelle.
Als ich hereinkam, stand er mühsam auf und kam zu mir.
„Du weißt etwas, was ich nicht weiß“, murmelte ich.
Er drückte seine Stirn gegen meine Hand.
Vielleicht war das seine einzige Antwort.
Die Verwandte von Paul Reimers hieß Jana.
Sie hatte ihrem Onkel regelmäßig Lebensmittel gebracht und erzählte Seidel, dass vor ungefähr drei Jahren eine junge Frau mit einem Hund bei ihm untergekommen sei.
Paul habe gesagt, die Frau brauche Ruhe und sichere Menschen um sich.
Er habe nichts weiter erklärt.
Später sei die Frau fortgegangen, Fiete aber bei ihm geblieben.
„Warum?“, fragte ich.
„Jana wusste es nicht“, sagte Seidel.
„Aber sie hat einen Brief gefunden.“
Der Brief war an Paul adressiert und offenbar nie abgeschickt worden.
Die Verfasserin bedankte sich dafür, dass er sich um den Hund kümmere.
Sie schrieb, sie könne ihn an ihrem neuen Wohnort nicht halten.
Sie hoffe, eines Tages selbst nach ihm zu sehen.
Der Brief trug eine Unterschrift: L.
„Ist das Leas Schrift?“
„Wir prüfen es.“
Seidel ließ mich nicht in das Haus, aber sie bot mir ein Gespräch in der Dienststelle an.
Dort erklärte sie, was die Ermittler inzwischen mit ausreichender Vorsicht zusammenführen konnten.
Eva Hartung hatte Lea kurz vor deren Verschwinden dabei geholfen, Kopien verdächtiger Unterlagen zu sichern.
Beide hatten befürchtet, dass Brenner die Originale verschwinden lassen würde.
Es hatte einen Streit und Drohungen gegeben.
Lea hatte sich daraufhin zeitweise aus ihrem gewohnten Umfeld zurückgezogen.
„Aber warum hat sie mich nicht angerufen?“, fragte ich.
Seidel legte ihre Hände auf den Tisch.
„Das wissen wir noch nicht. Wir möchten nicht so tun, als könnten wir ihre Entscheidungen erklären, bevor wir sie selbst gehört haben.“
Ich nickte, obwohl ich am liebsten geschrien hätte.
Drei Jahre lang war jeder Gedanke an Lea mit dem Bild einer Katastrophe verbunden gewesen.
Jetzt stand die Möglichkeit im Raum, dass sie für einen Teil dieser Zeit gelebt und sich bewusst nicht gemeldet hatte.
Die Erleichterung darüber machte die Verletzung nicht kleiner.
„Ist sie noch am Leben?“, fragte ich schließlich.
Seidel sah mich lange an.
„Wir haben eine aktuelle Spur. Ich kann Ihnen erst dann mehr sagen, wenn sie überprüft ist.“
Am selben Abend kam mein Vater zu mir.
Er brachte nichts mit.
Keine Unterlagen, keine Erklärung, keinen Kuchen, wie er es früher nach einem Streit getan hatte.
„Ich muss dir etwas sagen, bevor du es von anderen hörst“, begann er.
Er berichtete, dass Lea am letzten Abend vor ihrem Verschwinden noch einmal bei ihm gewesen sei.
Sie habe ihm erzählt, dass sie die Stadt für einige Tage verlassen wolle.
Sie habe ihm nicht gesagt, wohin.
Er habe versucht, sie aufzuhalten.
„Ich habe sie beschuldigt, die Familie zu zerstören“, sagte er.
„Dabei war ich derjenige, der ihre Bedenken weitergegeben hatte.“
„Hat sie dir gesagt, dass sie nie wiederkommen will?“
„Nein. Sie hat gesagt, sie müsse erst einmal sicher sein, wem sie vertrauen kann.“
Ich ging ans Fenster.
Draußen spielte jemand mit einem Kind auf dem Gehweg.
Das Kind stolperte, stand wieder auf und lief weiter.
„Und als sie nicht zurückkam, hast du daraus gemacht, dass sie verschwunden ist, ohne einen Grund zu hinterlassen.“
„Ja.“
„Du wusstest trotzdem nicht, wo sie war?“
„Nein. Ich schwöre es dir.“
Ich wusste nicht, ob sein Schwur noch etwas bedeutete.
Aber ich wusste, dass er diesmal keine neue Geschichte erfand, um sich unschuldig erscheinen zu lassen.
Er stand zu seiner Schuld, und das war ein Anfang, nicht ihre Tilgung.
Eine Woche darauf rief Seidel am frühen Nachmittag an.
Sie sagte, die Polizei habe eine Frau erreicht, die sich in den vergangenen Jahren an verschiedenen Orten aufgehalten und zuletzt unter einem anderen Nachnamen gearbeitet habe.
Die Frau habe bestätigt, dass sie Lea Vogt sei.
Ihre Identität müsse noch formal überprüft werden; derzeit gebe es aber keinen Grund, die Angabe für falsch zu halten.
Ich hörte die Worte, ohne sie sofort begreifen zu können.
„Kann ich sie sehen?“
„Wir haben ihr mitgeteilt, dass Sie nach ihr suchen. Sie entscheidet, ob und wann sie Kontakt aufnehmen möchte.“
Ich presste die freie Hand auf meinen Mund.
Lea konnte entscheiden.
Allein diese Möglichkeit war größer als alles, was ich mir in den vergangenen Jahren zugestanden hatte.
Zwei Tage später kam eine kurze Nachricht von einer Nummer, die ich nicht kannte.
Hanna. Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll. Aber wenn du magst, treffen wir uns. Bring bitte Fietes Foto mit. Lea.
Ich las sie immer wieder.
Dann antwortete ich mit zitternden Fingern.
Ich komme. Und wir haben Zeit.
Nach drei Jahren hatte ich endlich eine Stimme auf der anderen Seite des Schweigens.
Doch beim Wiedersehen würde ich auch hören müssen, warum diese Stimme so lange verstummt war.
Was Lea mir nach drei Jahren sagte, lesen Sie im abschließenden Teil 8.













