Zwei Tage später rief Seidel an.
Sie hatte mit der Tierärztin und Selin gesprochen.
Der Stoffrest war vorerst nur ein Fundstück, das untersucht werden musste.
Doch die Nachbarin meines Vaters hatte auf ihrer Kamera einen Lieferwagen gesehen, der kurz vor Sonnenaufgang in der Straße gehalten hatte.
Auf den Aufnahmen war eine Person zu erkennen, nicht aber ihr Gesicht.
„Wir prüfen Kennzeichen und Anfahrtsweg“, sagte Seidel.
„Bitte ziehen Sie noch keine Schlüsse.“
Ich saß am Küchenfenster meiner Wohnung und sah auf den Regen.
Drei Jahre lang hatte ich nach einer Gewissheit gesucht.
Nun bekam ich endlich Antworten auf kleine Fragen und musste feststellen, dass jede davon eine größere aufwarf.
Britta kam am Nachmittag vorbei.
Sie brachte einen Hefekuchen mit, den niemand anrührte.
Ich zeigte ihr eine Kopie von Leas Brief.
Sie las lange schweigend.
„Sie hat sich Sorgen um eine Frau namens Margot gemacht“, sagte Britta.
„Woher weißt du das?“
„Lea hat sie ein paar Mal erwähnt. Sie sagte, Margot sei nach dem Tod ihres Mannes völlig allein gewesen und hätte plötzlich Formulare unterschreiben sollen.“
Britta erinnerte sich nicht an einen Nachnamen.
Aber sie wusste, dass Lea damals als freiwillige Besucherin in einer Einrichtung außerhalb von Hannover geholfen hatte.
Es sei kein richtiges Pflegeheim gewesen, eher ein betreutes Haus mit einigen Wohnungen.
„Warum erzählst du das jetzt erst?“, fragte ich.
Britta ließ die Hände in ihren Schoß sinken.
„Weil ich das Gefühl hatte, deinem Vater etwas versprochen zu haben. Er sagte, du würdest dich in Gefahr bringen, wenn du dich weiter einmischst.“
„Und hast du ihm geglaubt?“
„Ich wollte ihm glauben.“
Ihre Antwort tat weh, gerade weil sie ehrlich war.
Ich hatte so lange allein gesucht, dass ich den Unterschied zwischen Schweigen und Lüge nicht mehr leicht erkannte.
Am Abend stand mein Vater vor meiner Tür.
Er hielt einen Umschlag und sah älter aus als noch am Sonntag.
„Das sind die Namen der Projekte, deren Rechnungen ich damals geprüft habe“, sagte er.
Ich nahm den Umschlag nicht sofort.
„Warum jetzt?“
„Weil ich zum ersten Mal verstanden habe, dass mein Schweigen niemanden schützt.“
Er nannte den Geschäftsführer des damaligen Vereins: Ralf Brenner.
Brenner hatte mehrere Kooperationen mit privaten Betreuungsdiensten vermittelt und meinem Vater erklärt, sämtliche Vollmachten seien ordnungsgemäß geprüft.
Lea hatte Zweifel geäußert.
Sie hatte die Namen zweier älterer Menschen genannt, deren Unterschriften ihr verdächtig vorkamen.
Mein Vater hatte sie gebeten, die Anschuldigungen zurückzunehmen, bis er die Rechnungen überprüfen konnte.
„Sie sagte, die Zeit hätten die Menschen nicht“, erinnerte er sich.
„Was hast du getan?“
„Ich habe Brenner angerufen und erzählt, was sie herausgefunden hatte.“
Die Welt wurde nicht plötzlich still.
Ich hörte einen Bus draußen anhalten, Schritte im Treppenhaus, das Summen meines Kühlschranks.
Alles ging weiter, während ich begriff, was er gesagt hatte.
„Du hast ihren Namen genannt?“
Er nickte.
„Ich dachte, wir könnten das intern klären. Am nächsten Tag war Lea wütend auf mich.“
Ich setzte mich auf den Flurboden, weil ich nicht wusste, wohin mit meinem Körper.
Er blieb an der Tür stehen.
„Ich habe der Polizei gesagt, dass wir über ihren Einsatz gestritten haben“, fuhr er fort.
„Aber nicht, dass ich Brenner vorher informiert hatte.“
„Du hast ihnen die Verbindung genommen, die sie hätten überprüfen können.“
„Ja.“
Es war das erste eindeutige Ja, das ich von ihm hörte.
Es war zugleich das schrecklichste.
Ich bat ihn, die Unterlagen unmittelbar an Seidel zu geben.
Er sagte, das habe er vor seinem Besuch bereits getan.
Dann fragte er, ob er bleiben dürfe.
Ich wusste nicht, ob ich ihm verzeihen konnte.
Ich wusste nicht einmal, ob ich mich mit ihm in einem Raum aufhalten wollte.
„Nicht heute“, sagte ich.
Er nickte und ging, ohne sich zu verteidigen.
Am nächsten Morgen fragte Seidel mich nach Margot.
Der Name war in einer alten Liste ehrenamtlicher Kontakte aufgetaucht.
Margot Hansen hatte damals in einem betreuten Wohnhaus in Wunstorf gelebt.
Sie war inzwischen verstorben.
Seidel prüfte, ob eine frühere Betreuerin oder Angehörige noch Auskunft geben könne.
Am späten Nachmittag meldete sich jemand bei der Polizei, der die Suchmeldung aus den Nachrichten wiedererkannt hatte.
Eine ehemalige Mitarbeiterin des Wohnhauses erinnerte sich an Lea und an den großen Hund.
Lea habe oft vor dem Gebäude gewartet, weil Hunde nicht überall hinein durften.
„Und es gab noch etwas“, sagte Seidel am Telefon.
Ich hielt den Hörer fester.
„Die Frau erinnert sich, dass Lea in der Woche vor ihrem Verschwinden häufig mit einer jüngeren Kollegin gesprochen hat. Diese Kollegin hat die Einrichtung kurz darauf verlassen.“
„Kennen Sie ihren Namen?“
„Ja. Wir versuchen, sie zu erreichen.“
Zum ersten Mal seit Jahren gab es jemanden, der Lea kurz vor ihrem Verschwinden möglicherweise persönlich etwas anvertraut hatte.
Ich konnte nur hoffen, dass die Frau noch bereit war, darüber zu sprechen.
Ob diese frühere Mitarbeiterin wusste, wohin Lea ging, erfahren Sie in Teil 5.













