Mein Vater antwortete nicht.
Er ließ die Leine los, als hätte sie ihm plötzlich die Hand verbrannt.
Fiete trat einen Schritt zurück und lehnte seinen Kopf gegen mein Knie.
„Sie kennen diesen Hund“, sagte ich.
„Ich kannte ihn vor drei Jahren“, erwiderte mein Vater.
Selin sah mich fragend an, und ich merkte, dass sie nicht wusste, ob sie uns allein lassen sollte.
Sie fragte, ob sie den Hund für eine Untersuchung nach hinten bringen dürfe.
Ich nickte, bevor mein Vater widersprechen konnte.
„Eine Sache noch“, sagte ich zu Selin.
„Bitte notieren Sie, wo und wann wir ihn gefunden haben. Falls die Polizei danach fragt.“
„Natürlich. Und er bleibt vorerst hier, bis wir alles geklärt haben.“
Es fiel mir schwer, Fiete durch die Tür verschwinden zu sehen.
Selin ging langsam, damit seine schwachen Hinterbeine mitkamen.
Er blickte zweimal zurück.
Ich erinnerte mich, wie Lea ihm beigebracht hatte, auf ein leises Pfeifen zu ihr zu laufen.
Damals hatten wir auf einer Wiese gesessen und uns über ihre schlecht getroffenen Töne lustig gemacht.
Jetzt ließ mich schon diese Erinnerung kaum atmen.
Mein Vater setzte sich auf einen Plastikstuhl.
Seine Hände lagen flach auf seinen Knien.
„Du hast den Hund erkannt, bevor ich seinen Namen gesagt habe“, sagte ich.
„Du hast nicht einmal gefragt, was ich mit der Narbe meine.“
„Ich wusste, worauf du hinauswillst.“
„Woher?“
„Weil du seit drei Jahren aus jedem Zufall eine Spur machst.“
Ich hätte ihm beinahe geglaubt, wenn er mir dabei in die Augen gesehen hätte.
Stattdessen beobachtete er die Tür, hinter der Fiete verschwunden war.
„Hast du ihn in der Zeit gesehen?“, fragte ich.
„Nein.“
Sein Nein kam einen Augenblick zu spät.
Ich sagte, dass ich noch am selben Tag die Polizei informieren würde.
Er rieb sich die Stirn.
„Bitte nicht wieder diese Leute im Haus.“
„Ein verschwundener Hund taucht nach drei Jahren an deinem Gartentor auf. Das ist kein gewöhnlicher Zufall.“
„Hanna, du weißt nicht, was du damit auslöst.“
Zum ersten Mal sprach er nicht davon, dass ich mir etwas einbildete.
Ich nahm mein Telefon heraus und rief die Nummer an, die ich trotz aller erfolglosen Monate nie gelöscht hatte.
Kriminalhauptkommissarin Nora Seidel hatte die Vermisstensache zuletzt betreut.
Eine Kollegin verband mich schließlich mit ihr.
„Frau Vogt“, sagte Seidel.
Ihre Stimme war nüchtern, aber ich hörte das Wiedererkennen darin.
Ich erklärte, dass Fiete identifiziert worden war und dass ich seinen Fundort bezeugen konnte.
Seidel bat mich ausdrücklich, nicht selbst nach möglichen früheren Besitzern zu suchen und nichts an dem Tier zu verändern.
Sie wollte die Unterlagen des Tierheims sichern und sich die genauen Umstände ansehen.
„Ist Ihr Vater bei Ihnen?“, fragte sie.
Ich schaute zu ihm hinüber.
Er hatte sich abgewandt.
„Ja.“
„Dann bleiben Sie beide bitte erreichbar.“
Als ich auflegte, stand mein Vater bereits an der Eingangstür.
„Ich fahre“, sagte er.
„Ich komme nicht mit.“
Er drehte sich langsam um.
„Du willst wegen eines Hundes nicht nach Hause?“
„Ich will erst wissen, was gestern und heute passiert ist. Und warum du Angst hast.“
„Angst“, wiederholte er bitter.
„Du glaubst, du kennst mich.“
„Dann hilf mir, dich zu verstehen.“
Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder und ging.
Durch die Scheibe sah ich ihn lange neben seinem Wagen stehen, bevor er einstieg.
Selin brachte mir wenig später ein Formular und eine Tasse Wasser.
Fiete sei stark abgemagert, erklärte sie, aber nicht akut lebensbedrohlich verletzt.
Die Tierärztin wolle nach Parasiten, Gelenkproblemen und alten Verletzungen schauen.
Eine Aufnahme ins Tierheim sei fürs Erste sinnvoll.
„Darf ich ihn besuchen?“, fragte ich.
„Wir halten Sie auf dem Laufenden. Die Polizei wird vielleicht auch mit Ihnen sprechen.“
Ich bedankte mich.
An meinem Mantel hing ein einzelnes helles Hundehaar.
Ich ließ es dort.
Vor dem Gebäude rief mich meine Tante Britta an.
Sie war die jüngere Schwester meiner verstorbenen Mutter und einer der wenigen Menschen, die nach Leas Verschwinden noch manchmal nach ihr fragten, ohne sofort das Thema zu wechseln.
„Dein Vater hat gerade angerufen“, sagte sie.
„Er klang, als hätte er einen Geist gesehen.“
„Wir haben Fiete gefunden.“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich, wie eine Tür geschlossen wurde.
„Wo?“, fragte Britta.
„Vor Papas Gartentor.“
Sie atmete scharf ein.
„Hanna, was hast du im Haus deines Vaters gesucht?“
Die Frage traf mich unvorbereitet.
Ich erklärte ihr, dass wir die Unterlagen meiner Mutter sortieren wollten.
Ein Stapel Briefe, Versicherungen, die alte Mappe mit den Fotos.
„War auch die blaue Dokumentenschachtel dabei?“, fragte sie.
Ich erinnerte mich an eine Blechschachtel mit abgeplatzter Farbe, die immer im Arbeitszimmer gestanden hatte.
Mein Vater hatte sie noch vor dem Frühstück in einen Schrank gestellt.
„Ich glaube schon. Warum?“
Britta schwieg so lange, dass ich ihren Namen sagte.
„Weil Lea kurz vor ihrem Verschwinden etwas hineingelegt hat“, antwortete sie schließlich.
„Und weil dein Vater damals darauf bestanden hat, dass niemand darüber spricht.“
Ich stand reglos auf dem Parkplatz.
Autos rollten an mir vorbei, irgendwo bellte ein Hund.
„Was hat Lea hineingelegt?“
„Das weiß ich nicht“, sagte Britta.
„Aber ich weiß, dass deine Schwester an dem Abend mit ihm gestritten hat.“
Ich hatte drei Jahre lang geglaubt, den letzten Streit meiner Schwester mit unserem Vater zu kennen.
Jetzt erfuhr ich, dass es einen anderen gegeben hatte.
Einen, von dem mir niemand erzählt hatte.
Wenn ich verstehen wollte, weshalb Fiete ausgerechnet vor unserem alten Gartentor aufgetaucht war, musste ich herausfinden, was in jener blauen Schachtel lag.
Welche Spur Lea darin hinterlassen hatte, erfahren Sie in Teil 3.













