Das Datum auf der Ausweiskopie ließ mich tagelang nicht los.
Ich schrieb es in mein Notizbuch und legte es wieder weg.
Dann holte ich das Buch heraus und starrte erneut darauf, als könnten sich die Ziffern beim dritten oder vierten Lesen verändern.
Seidel war vorsichtig.
Sie erklärte, dass die Kopie aus einem Ablageordner von Eva Hartung stammte.
Der Ordner enthielt unter anderem Unterlagen für vorübergehende Unterkünfte.
Es sei noch nicht nachweisbar, wer die Kopie angefertigt oder verwendet habe.
„Aber Eva ist gefunden worden?“, fragte ich.
„Wir haben Kontakt zu ihr aufgenommen. Mehr kann ich Ihnen derzeit nicht sagen.“
Ich ging nach dem Gespräch eine Stunde durch Hannover, ohne ein Ziel zu haben.
An einer Ampel sah ich eine junge Frau mit einem großen Hund.
Sie zog ihn freundlich von einer Pfütze weg.
Für einen kurzen Moment war ich so sicher, Lea zu sehen, dass ich ihren Namen rief.
Die Frau wandte sich um.
Sie war mir vollkommen fremd.
Zu Hause wartete eine Nachricht meines Vaters.
Er fragte, ob er mir etwas geben dürfe, das er bisher nicht zu zeigen gewagt hatte.
Ich wollte nicht allein zu ihm fahren und bat Britta, mitzukommen.
Er legte einen Umschlag auf den Küchentisch.
Darin lag eine Postkarte ohne Absender.
Auf der Vorderseite war ein See im Winter zu sehen.
Hinten stand lediglich: Kümmere dich um Hanna. Lass sie ihre Ruhe finden.
Kein Name.
Kein Datum außer dem Poststempel, der mehr als zwei Jahre zurücklag.
„Warum hast du das versteckt?“, fragte ich.
„Weil ich dachte, sie könnte von Lea sein.“
„Du dachtest, meine Schwester lebt, und hast mir nichts erzählt?“
„Ich war nicht sicher. Ich hatte Angst, dir Hoffnung zu machen, die sich wieder in Luft auflöst.“
„Du hast nicht für mich entschieden, weil ich zu schwach war“, sagte ich.
„Du hast für mich entschieden, weil du deine eigenen Fehler nicht ansehen wolltest.“
Er senkte den Blick.
Britta sagte nichts.
Die Karte lag zwischen uns wie ein Stein.
Ich nahm sie nicht mit nach Hause.
Ich bat meinen Vater, sie an die Polizei zu übergeben.
Er rief Seidel in unserer Gegenwart an.
„Ich habe noch etwas zurückgehalten“, sagte er ins Telefon.
„Und ich möchte es Ihnen jetzt geben.“
Nach dem Anruf blieb er sehr still.
„Ich habe mich immer für den Vernünftigen in unserer Familie gehalten“, sagte er schließlich.
„Deine Mutter hätte mich ausgelacht.“
„Mama hätte dich gefragt, warum du ihren Töchtern nicht vertraust.“
Es war der erste Satz, auf den er keine Ausrede fand.
Am nächsten Tag teilte Seidel mir mit, dass die Handschrift auf der Karte geprüft werde.
Gleichzeitig ergab sich aus den Unterlagen eine neue Spur: Eva Hartung hatte über mehrere Monate ein kleines Haus am Rand der Lüneburger Heide angemietet.
Die Adresse war nicht geheim, aber offenbar nie mit Leas Fall verbunden worden.
„Glauben Sie, Lea war dort?“, fragte ich.
„Wir versuchen genau das festzustellen.“
Fiete wurde unterdessen kräftiger.
Seine Pflegestellenbetreuerin, Frau Möller, erzählte, dass er beim Geräusch einer bestimmten alten Fahrradklingel sofort zur Tür gelaufen sei.
Es war eine unwichtige Beobachtung, und gerade deshalb blieb sie mir im Gedächtnis.
Lea hatte an ihrem Fahrrad eine Klingel mit einem ungewöhnlich hellen Ton gehabt.
Seidel bat Frau Möller, den Hund bis auf Weiteres nicht an andere Menschen zu vermitteln.
Eine solche Entscheidung musste das Tierheim mittragen.
Ich war erleichtert, dass wir uns über seine Zukunft noch nicht sofort entscheiden mussten.
Eine Woche später kamen zwei Informationen beinahe gleichzeitig.
Die Handschriftenprüfung der Karte war nicht eindeutig, aber einzelne Merkmale passten zu Vergleichsproben von Lea.
Und in der Nähe des Hauses in der Heide hatte eine Nachbarin sich an einen Schäferhund-Mischling mit einer alten Verletzung am Ohr erinnert.
Sie wusste nicht mehr, wie die Frau hieß, die ihn ausführte.
Sie erinnerte sich aber an eine Besonderheit: Die Frau habe nie ihren ganzen Namen genannt.
Manchmal sei sie wochenlang nicht zu sehen gewesen, während ein älterer Mann den Hund versorgt habe.
Der Mann hieß Paul Reimers.
Er war vor wenigen Wochen gestorben.
Sein Haus stand unweit der damaligen Unterkunft.
Bei dem Namen Paul Reimers hob sich etwas in mir, das ich nicht Hoffnung nennen wollte.
Vielleicht nur die Ahnung, dass der Hund nicht zufällig nach Hannover zurückgekommen war.
Kurz danach rief Seidel noch einmal an.
Eine Verwandte von Reimers habe sich gemeldet, nachdem die Polizei nach dem Hund gefragt hatte.
Sie hatte einen Schlüsselbund und ein kleines Adressbuch aus seinem Nachlass gefunden.
Auf einer Seite stand ein Vorname, der mich beim Hören zusammenzucken ließ.
Lea.
Daneben stand kein Nachname, sondern die Notiz: Wenn Fiete nicht mehr bei mir bleiben kann, weiß sie, wohin er gehört.
Ob diese Notiz uns tatsächlich zu Lea führen würde, erfahren Sie in Teil 7.













