Die ehemalige Mitarbeiterin hieß Miriam Krüger.
Sie wohnte inzwischen in einer kleinen Stadt bei Bremen und arbeitete in einer Apotheke.
Seidel sagte mir, dass die Polizei mit ihr sprechen würde und ich sie nicht selbst kontaktieren sollte.
Ich tat, was mir am schwersten fiel.
Ich wartete.
Ich ging arbeiten, kaufte Lebensmittel und beantwortete Nachrichten, die nichts mit meiner Schwester zu tun hatten.
Abends saß ich jedoch vor dem alten Foto, auf dem Lea Fiete auf dem Arm hielt, obwohl er dafür längst zu groß war.
Sie lachte in die Kamera, als wollte sie uns beweisen, dass man manche Dinge nur versucht, weil sie unmöglich erscheinen.
In derselben Woche durfte Fiete das Tierheim in eine betreute Pflegestelle verlassen.
Er brauchte regelmäßige Medikamente und Zeit, um wieder Kraft aufzubauen.
Selin fragte, ob ich ihn besuchen wolle.
Ich fuhr hin, brachte eine weiche Decke und setzte mich eine Stunde zu ihm auf den Boden.
Diesmal lag er neben mir, ohne nervös zur Tür zu sehen.
„Was hast du erlebt?“, fragte ich ihn.
Sein Atem wurde ruhig.
Ich streichelte sein Ohr und sah die halbmondförmige Narbe.
Drei Jahre waren an ihm vorbeigegangen, aber das kleine Zeichen war geblieben.
Am Freitag meldete sich Seidel.
Miriam hatte bestätigt, dass Lea Unterlagen kopiert und von Ungereimtheiten bei mehreren Vollmachten gesprochen hatte.
Sie habe Angst gehabt, dass einem Bewohner sein Geld entzogen werde.
Miriam sagte außerdem, dass Lea eine Frau gesucht habe, die zuvor als Betreuerin für Margot eingesetzt gewesen sei.
Diese Frau nannte sich damals Eva Hartung.
„Ist sie noch dort beschäftigt?“, fragte ich.
„Nein. Wir ermitteln ihren aktuellen Aufenthaltsort.“
Miriam erinnerte sich an den Tag, an dem Lea plötzlich nicht mehr erschien.
Am Abend davor habe Lea erklärt, sie wolle sich mit jemandem treffen, der ihr Originalunterlagen zeigen könne.
Ein Treffpunkt oder eine Uhrzeit sei nicht genannt worden.
„Hat Miriam sie danach gesehen?“
„Nein. Aber sie hat etwas aufbewahrt.“
Es war ein gewöhnlicher kleiner Notizzettel.
Lea hatte darauf geschrieben: Nicht nur Brenner. Es geht um die Stellvertretung. Eva kennt den zweiten Schlüssel.
Ich fragte, wofür dieser Schlüssel sein sollte.
Seidel wusste es noch nicht.
Sie versicherte mir lediglich, dass die Ermittler den Hinweis prüften.
An diesem Abend lud Britta mich zum Essen ein.
Wir saßen an ihrem Küchentisch, während draußen ein Gewitter aufzog.
Sie hatte meine Mutter besser gekannt als jeder andere Mensch.
Ich wollte wissen, wie sie mit der Ungewissheit über Lea umgegangen wäre.
„Sie hätte sich mit dir gestritten“, sagte Britta.
„Und danach wäre sie trotzdem mit dir zur Polizei gefahren.“
Ich lachte zum ersten Mal seit Tagen.
Dann weinte ich.
Britta stellte keine Fragen.
Sie schob nur eine Serviette über den Tisch und wartete.
„Ich weiß nicht, was ich fühlen soll, wenn Papa wieder anruft“, sagte ich.
„Du musst noch gar nichts entscheiden.“
„Er hat Lea verraten.“
„Er hat einen schweren Fehler gemacht. Und er hat ihn drei Jahre lang verschwiegen. Du darfst ihm beides sagen.“
Als mein Telefon vibrierte, lag tatsächlich eine Nachricht meines Vaters auf dem Display.
Er schrieb, dass er ein zweites Mal bei Seidel gewesen sei.
Er habe ihr die Namen zweier Vereinsmitglieder genannt, die damals Zugang zum Archiv hatten.
Er wolle nichts mehr zurückhalten.
Ich antwortete nicht sofort.
Aber ich löschte die Nachricht auch nicht.
In den folgenden Tagen überprüfte die Polizei die alte Vereinsstruktur.
Brenner war nach dem Ende einer Kooperation in eine andere Region gezogen.
Ein Teil der Bücher war digital erhalten geblieben.
Bei einigen Zahlungen fanden sich tatsächlich Unstimmigkeiten, die andere Behörden nun prüften.
Es war ein wichtiger Schritt, aber noch immer keine direkte Spur zu Lea.
Dann erhielt ich die Nachricht, dass bei einer früheren Mitarbeiterin des Vereins persönliche Unterlagen gesichert worden waren.
Unter ihnen befand sich eine Kopie von Leas Ausweis.
Daneben lag eine handschriftliche Notiz mit einem Datum, das nur wenige Tage nach Leas Verschwinden lag.
„Was bedeutet das?“, fragte ich Seidel.
„Wir wissen es noch nicht. Aber es legt nahe, dass ihre Daten nach dem Vermisstenzeitpunkt verwendet wurden.“
Eine Kopie war kein Lebenszeichen.
Jemand konnte sie ohne Leas Wissen benutzt haben.
Trotzdem war das Datum unerträglich nah an der Frage, die mich nachts wach hielt.
Hatte Lea nach ihrem Verschwinden noch versucht, sich zu schützen, oder hatte jemand ihre Identität für andere Zwecke benutzt?
Was hinter dem Datum auf der Ausweiskopie steckt, lesen Sie in Teil 6.













