Am Montagmorgen wartete ich vor dem Haus meines Vaters, bis er die Tür öffnete.
Er sah aus, als hätte er nicht geschlafen.
Seine Hemdsärmel waren ungleich hochgekrempelt, und auf dem Flur roch es nach kaltem Kaffee.
„Du schon wieder“, sagte er.
„Ich will die blaue Schachtel sehen.“
Er hielt meinen Blick aus.
„Welche Schachtel?“
„Papa.“
Er wich zur Seite.
Im Arbeitszimmer stand der Schrank offen.
Die Schachtel war nicht mehr dort, wo ich sie am Vortag gesehen hatte.
Ich spürte eine kurze, lähmende Enttäuschung.
Dann fiel mir auf, dass auf dem Schreibtisch eine rechteckige Stelle im Staub fehlte.
„Du hast sie herausgenommen.“
„Ich habe aufgeräumt.“
„Gestern wolltest du alle Unterlagen gemeinsam mit mir ansehen. Heute hast du plötzlich aufgeräumt?“
Er setzte sich, als brauche er die Lehne des Stuhls.
„Britta redet zu viel.“
„Also weißt du, was ich meine.“
Die Türklingel unterbrach uns.
Draußen stand Kommissarin Seidel mit einem Kollegen, den sie als Herrn Kramer vorstellte.
Sie waren nicht gekommen, um mein Elternhaus zu durchsuchen.
Sie wollten Fragen zum Hund stellen und den genauen Ort sehen, an dem ich ihn gefunden hatte.
Mein Vater antwortete korrekt, aber so knapp, dass jeder Satz wie ein abgegebener Gegenstand wirkte.
Seidel fragte, wann er Fiete zuletzt sicher gesehen habe.
„Kurz vor Leas Verschwinden“, sagte er.
„Und haben Sie gestern oder heute jemanden am Grundstück bemerkt?“
„Nein.“
„Gibt es eine Kamera?“
„Nicht mehr. Die alte Anlage funktioniert seit Jahren nicht.“
Ich erinnerte mich, dass die Nachbarin gegenüber eine neue Türklingelkamera installiert hatte.
Als ich das erwähnte, nickte Seidel nur und notierte es.
Die Ermittlerin war sorgfältig darin, aus einem Hinweis noch keine Erklärung zu machen.
Nachdem die Beamten gegangen waren, ließ mein Vater endlich den Kopf sinken.
„Du wirst nie aufhören“, sagte er.
„Nicht, solange Lea verschwunden ist.“
Er stand auf, ging in die Küche und kam mit der blauen Blechschachtel zurück.
Er stellte sie zwischen uns auf den Tisch.
An einer Ecke war die Farbe abgesplittert.
Ich kannte sie seit meiner Kindheit: Mutter hatte darin alte Fotos und Postkarten aufbewahrt.
„Ich hätte sie dir früher zeigen sollen“, sagte er.
Meine Finger zitterten, als ich den Deckel anhob.
Oben lagen drei Postkarten, ein ausgebleichtes Foto meiner Mutter und ein kleiner brauner Umschlag.
Auf ihm stand in Leas Handschrift: Für Hanna, falls ich mich nicht melden kann.
Ich konnte den Umschlag nicht sofort öffnen.
Mein Vater sah auf seine Hände.
„Sie hat ihn zwei Tage vor ihrem Verschwinden hiergelassen“, sagte er.
„Und du hast ihn versteckt?“
„Ich dachte, ich würde sie damit schützen.“
„Wovor?“
Er antwortete nicht.
Ich öffnete den Umschlag.
Darin lag ein einzelner, dicht beschriebener Zettel.
Lea schrieb, dass sie Unterlagen zu einer privaten Pflegestelle für ältere Menschen geprüft habe.
Sie habe bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit zufällig bemerkt, dass mehrere Unterschriften auf Einwilligungsformularen nicht zu den Angaben der betroffenen Personen passten.
Es ging um Geld, Vollmachten und Menschen, die kaum jemanden hatten, der für sie nachfragte.
Am Ende stand: Ich weiß nicht, ob ich mich irre. Wenn ich mich länger nicht melde, frag Papa, warum er mir geraten hat, die Sache ruhen zu lassen. Und bitte kümmere dich um Fiete.
Ich las den letzten Satz dreimal.
„Sie hat ausdrücklich geschrieben, dass ich nachfragen soll“, sagte ich.
„Ich weiß.“
„Du hast mich trotzdem drei Jahre glauben lassen, sie sei einfach weggegangen.“
Er strich mit dem Daumen über eine Kerbe im Tisch.
„Es gab damals Drohungen“, sagte er.
„Anrufe. Einen Mann, der vor dem Haus gewartet hat.“
„Warum hast du das nicht der Polizei erzählt?“
„Ich habe es erzählt. Aber nicht alles.“
Ich legte den Brief vor ihn.
„Was heißt nicht alles?“
„Lea hat jemanden aus dem Verein verdächtigt, in dem ich früher gearbeitet habe.“
Mein Vater war Buchhalter gewesen, später ehrenamtlicher Kassenprüfer eines regionalen Hilfsvereins.
Ich wusste, dass er Rechnungen für Pflegeprojekte kontrolliert hatte.
Nie hatte ich diese Arbeit mit Leas Verschwinden verbunden.
„Hast du Unterlagen unterschrieben?“, fragte ich.
„Ja. Ohne sie richtig zu prüfen.“
Der Satz fiel schwerer, als ein Geständnis in einem Film fallen würde.
Er war klein und unvollständig, aber er veränderte alles.
Seidel nahm den Brief am Nachmittag entgegen und ließ ihn als mögliches Beweismittel dokumentieren.
Sie versprach keine schnelle Lösung.
Sie wollte herausfinden, welche Dokumente Lea überprüft hatte, wer Zugang dazu besaß und ob es nach ihrem Verschwinden entsprechende Meldungen gegeben hatte.
An diesem Tag besuchte ich Fiete im Tierheim.
Die Tierärztin hatte ihn gewaschen und versorgt.
Er fraß langsam aus einer Schüssel, hob aber bei meiner Stimme sofort den Kopf.
Ich setzte mich vor sein Gehege und erzählte ihm von Lea, obwohl ich wusste, dass er meine Worte nicht verstehen konnte.
Als Selin nach uns sah, trug sie eine kleine durchsichtige Tüte.
„Das war in seinem verfilzten Fell am Hals“, sagte sie.
„Die Tierärztin hat es beim Untersuchen entdeckt und für die Polizei gesichert.“
In der Tüte lag ein kurzer Rest roten Stoffes, fest verknotet.
Auf einer Seite erkannte ich einen winzigen gestickten Buchstaben.
Ein L.
Ich erinnerte mich sofort an Leas rote Regenjacke.
Sie hatte ihren Anfangsbuchstaben selbst in den Kragen genäht, nachdem wir in der Schule einmal dieselbe Jacke verwechselt hatten.
Das Stück Stoff bewies nicht, wo Lea war.
Es bewies auch nicht, dass sie noch lebte.
Aber es verband den Hund mit einem Gegenstand, der ihr gehörte.
Und damit wurde aus einer Erinnerung eine Spur, die überprüft werden konnte.
Was der rote Stoffrest über Fietes Weg verrät, lesen Sie in Teil 4.













