Wir trafen uns am nächsten Nachmittag auf derselben Bank im Park. Leo hatte den Umschlag in einer durchsichtigen Hülle mitgebracht. Ich erkannte sofort die Zahl fünfzehn auf der Vorderseite. Damals hatte ich lange vor diesem Geburtstag überlegt, ob ich einen kurzen Brief oder eine gewöhnliche Karte schreiben sollte. Nun lag das Papier in seinen Händen, und ich konnte keinen einzigen Satz mehr ändern.
„Du schreibst hier“, begann Leo, „dass du nicht weißt, ob ich mich über einen Anruf freuen würde. Und dann: Vielleicht denkst du, ich hätte dich vergessen. Das stimmt nicht. Ich weiß nur nicht, ob ich mich melden darf.“
Er faltete den Brief nicht zusammen. Er sah mich an.
„Du hast also gewusst, dass etwas nicht stimmt?“
Ich wollte sofort widersprechen. Ich hatte nichts gewusst, sagte eine Stimme in meinem Kopf. Thomas hatte mir doch immer versichert, dass er Leo schützen wollte. Aber der Brief vor uns zeigte, dass ich gezweifelt hatte. Ich hatte den Zweifel nur nie zu Ende gedacht.
„Ich habe es geahnt“, sagte ich. „Nicht, dass Thomas dich belügt. Aber dass meine Gründe, dir nicht zu schreiben, vielleicht nicht deine Gründe waren. Ich habe mich an seine Erklärung gehalten, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte.“
„Du hättest mich fragen können.“
„Ja.“
Leo strich mit dem Daumen über den Rand des Papiers. „Ich habe mich gefragt, ob diese Briefe vielleicht mehr für dich waren als für mich. Du konntest jedes Jahr etwas Nettes schreiben und danach sagen, du hättest es versucht. Ohne dass ich überhaupt die Möglichkeit hatte zu antworten.“
Die Worte schmerzten, weil ich sie nicht widerlegen konnte. Ich hatte die Briefe oft geschrieben, um Leo nahe zu sein. Aber nach jedem Umschlag hatte ich auch das Gefühl gehabt, wenigstens etwas getan zu haben. Dieses Gefühl hatte mich vor der Erkenntnis geschützt, dass ich tatsächlich nichts unternahm, was ihn erreichen konnte.
„Manchmal waren sie auch für mich“, sagte ich. „Ich wollte mir beweisen, dass ich dich nicht vergessen hatte. Es war leichter, das Papier zu füllen, als dir die Chance zu geben, mich zurückzuweisen.“
Leo nickte langsam. „Danke, dass du das sagst.“
Er fragte, ob ich ihn überhaupt kontaktiert hätte, wenn Thomas am Hochzeitstag geschwiegen hätte. Ich erzählte ihm von dem Zettel mit seiner Nummer, der bereits drei Tage vor der Feier neben unserem Telefon gelegen hatte. Ich sagte auch, dass ich nicht wisse, wann ich den Mut zum Anruf gefunden hätte. Leo lächelte traurig. „Wenigstens versuchst du jetzt nicht, die Vergangenheit hübscher zu machen.“
Wir blieben noch eine Stunde im Park. Er stellte Fragen zu einzelnen Karten und erzählte mir, an welche Geburtstage er sich kaum erinnerte. Einmal fragte er nach dem Hund, der mir bei einem Spaziergang gefolgt war. Ich erzählte, wie ich vergeblich versucht hatte, sein Halsband zu lesen, bevor sein Besitzer um die Ecke kam. Leo lachte über meine Beschreibung des völlig unbeeindruckten Tieres. Danach war es wieder still, aber die Stille bedeutete nicht, dass wir fertig waren.
Einige Tage später schrieb Thomas seinem Sohn. Leo zeigte mir die Nachricht erst, nachdem er selbst entschieden hatte, sie zu lesen. Thomas entschuldigte sich darin ausdrücklich für die Behauptung, ich wolle keinen Kontakt, und dafür, Leo von mir ferngehalten zu haben. Er schrieb, dass seine Eifersucht und seine Angst nach der Scheidung keine Entschuldigung seien. Zum ersten Mal versprach er nicht, dass alles wieder gut werde. Er sagte nur, er werde Leos Entscheidung über den weiteren Kontakt respektieren.
„Ich werde ihm nicht sofort antworten“, sagte Leo.
„Das musst du nicht“, erwiderte ich und merkte, dass ich den Satz inzwischen nicht mehr wie eine Anweisung benutzte. Er war einfach wahr.
Thomas und ich trafen uns in den folgenden Wochen mehrmals, um praktische Dinge zu besprechen. Rechnungen, Möbel, der gemeinsame Mietvertrag und zwanzig Jahre Gewohnheiten ließen sich nicht mit zwei Koffern sortieren. Manchmal wurde er vorwurfsvoll, manchmal zeigte er mir einen aufrichtigen Schmerz, mit dem ich schlecht umgehen konnte. Ich sagte ihm, dass ich unsere Ehe nicht unverändert fortsetzen könne. Ich wollte die Trennung. Er versuchte nicht mehr, Leo als Argument dagegen zu benutzen. Ob er dauerhaft gelernt hatte, Verantwortung zu tragen, konnte ich nicht beurteilen. Das musste ich auch nicht entscheiden, um meine eigene Entscheidung zu treffen.
Nach drei Monaten zog ich in eine kleine Wohnung mit einem Balkon. Die Freundin, bei der ich untergekommen war, half mir beim Auspacken. Als ich die ersten Tomatenpflanzen aufstellte, musste ich darüber lachen, dass ich es schon wieder versuchte. Ich dachte an das Gespräch an der Alster, in dem Leo gefragt hatte, ob sie noch immer im August eingingen. Diesmal beschloss ich, ihm im August ein Foto davon zu schicken, ganz gleich, ob sie gediehen oder nicht.
Wir sahen uns nicht jede Woche. Manchmal schrieb er nur einen Satz, manchmal vergingen zehn Tage. Einmal sagte er ein Treffen ab, und ich bemerkte, wie die alte Angst in mir aufstieg: Vielleicht wollte er mich doch nicht in seinem Leben. Früher hätte ich mich daraufhin für Monate zurückgezogen. Nun antwortete ich, dass wir gern einen anderen Tag finden könnten. Zwei Stunden später schlug er einen Sonntag vor. Es war keine große Geste. Gerade deshalb bedeutete es mir viel.
An einem windigen Wochenende brachte Leo das alte Foto mit, das ich ihm inzwischen überlassen hatte. Er hatte es in einen schlichten Rahmen gesetzt. Auf der Rückseite stand in seiner Handschrift das Datum unseres ersten Ausflugs. Wir gingen an einen freien Platz nahe der Elbe, wo man den Himmel sehen konnte, und versuchten zum zweiten Mal in unserem Leben, einen Drachen steigen zu lassen. Leo hatte einen billigen, roten Drachen gekauft. Beim ersten Versuch verfing sich die Schnur. Beim zweiten hob er ab, fiel wieder und blieb im Gras liegen.
„Wir sind nicht besser geworden“, sagte Leo.
„Vielleicht ein kleines bisschen“, antwortete ich.
Er lachte. Wir setzten uns nebeneinander, um die Schnur zu entwirren. Es gab keine Gäste, vor denen ich mich rechtfertigen musste, und keinen Vater, der erklärte, was Leo angeblich fühlte. Der Junge von damals war nicht zurückgekehrt. Vor mir saß ein erwachsener Mann, dessen Vertrauen ich nicht einfordern konnte, sondern im Alltag verdienen musste.
Als wir uns verabschiedeten, fragte Leo, ob wir uns am nächsten Wochenende wiedersehen könnten. Ich sagte ja. Er ging ein paar Schritte, drehte sich um und erinnerte mich daran, ihm ein Bild von den Tomaten zu schicken, falls sie den Sommer überlebten. Ich versprach es, ohne daraus eine große Sache zu machen.
Zu Hause stellte ich die leere Schachtel in meinen Schrank. Die Briefe waren nicht mehr meine heimliche Geschichte. Und der nächste Satz an Leo musste nicht bis zu seinem Geburtstag warten.
[ ENDE.]
Früher lagen siebzehn Umschläge in meiner Schublade, und ich nannte das Geduld. An manchen Tagen nahm ich einen davon in die Hand, um mir zu versichern, dass ich einen Jungen nicht vergessen hatte. Als ich den ersten Brief nicht abschickte, glaubte ich, ihn vor einer unangenehmen Entscheidung zu schützen. Viel später begriff ich, dass ich auch mich selbst vor einer Antwort schützen wollte. Ich hatte so lange auf den richtigen Augenblick gewartet, dass ich den nächsten Schritt immer jemand anderem überließ. Noch heute muss ich mich manchmal überwinden, eine einfache Nachricht zu schreiben. Die Schachtel ist inzwischen leer. Die Jahre, in denen ich nichts gefragt habe, bleiben trotzdem Teil meiner Geschichte.













