Niemand sagte zuerst etwas. Ich hörte ein leises Klirren, weil Anja ihr Glas zu fest auf den Tisch stellte. Thomas saß vor den Briefen, die Augen auf einen Fleck in der Tischdecke gerichtet. Ich hatte mir über Jahre vorgestellt, wie schmerzhaft es wäre, wenn Leo meine Karten ungelesen zurückschickte. Jetzt begriff ich, dass er womöglich auf eine Nachricht von mir gewartet hatte, während ich darauf wartete, dass er sich meldete.
„Sag es noch einmal“, bat ich Thomas.
Er hob den Kopf. „Katrin, bitte. Wir müssen das nicht vor allen ausbreiten.“
„Du hast es vor allen begonnen. Aber ich frage dich nicht für die Gäste. Ich frage dich, damit ich verstehe, was du deinem Sohn gesagt hast.“
Thomas rieb sich die Stirn. „Er war fünfzehn. Es ging ihm nicht gut. Er fragte, weshalb du dich nicht meldest. Ich sagte, du wolltest Abstand. Ich dachte, das wäre leichter für ihn.“
„Leichter als was?“
„Als ihm zu sagen, dass ihr euch auseinandergelebt habt.“
„Wir haben uns nicht auseinandergelebt. Du hast mir erklärt, ich würde ihn verletzen, wenn ich schreibe.“
Anja stand auf. Sie räumte weder Geschirr ab noch ging sie zur Tür. Sie stellte sich nur neben meinen Stuhl, als müsste sie sich entscheiden, auf welcher Seite eines unsichtbaren Grabens sie bleiben wollte.
„Thomas“, sagte sie, „als Leo sechzehn wurde, hast du mir erzählt, Katrin hätte ihm nicht einmal gratuliert. Ich habe ihr damals Vorwürfe gemacht. Weißt du das noch?“
Ich erinnerte mich. Anja hatte an einem Weihnachtsabend gesagt, Kinder vergäßen so etwas nicht. Ich war rot geworden und hatte Thomas später gefragt, ob er erklären könne, warum ich nicht anrufen durfte. Er hatte versprochen, sich darum zu kümmern. Danach sprach Anja das Thema nicht mehr an.
„Ich wollte die Familie zusammenhalten“, murmelte er.
„Welche Familie?“, fragte Anja.
Die Gäste waren keine Jury, und ich wollte sie nicht zu einer machen. Ich sagte, wir sollten den Abend beenden. Einige verabschiedeten sich mit unbeholfenen Umarmungen, andere schlichen fast lautlos hinaus. Eine Freundin fragte, ob sie bleiben solle. Ich verneinte, obwohl mir die Knie weich wurden. Anja blieb trotzdem. Zum ersten Mal war ich dankbar, dass sie nicht auf eine höfliche Antwort hörte.
Als die Wohnung leer war, sammelte Thomas die Gläser ein. Er stellte sie in die Küche, als könnte man mit dieser alltäglichen Bewegung den Abend wieder zusammensetzen. Ich nahm die Umschläge vom Tisch und legte sie in ihre Schachtel. Keiner davon war ein Beweis dafür, dass ich Leo eine gute Stiefmutter gewesen war. Aber sie bewiesen, dass die Geschichte, die Thomas über mich erzählt hatte, nicht stimmte.
„Hast du Leo damals auch gesagt, Marion verbiete den Kontakt?“, fragte ich.
Thomas zögerte. „Manchmal wollte Marion keine zusätzlichen Gespräche. Die Übergaben waren schon schwierig genug.“
„Das ist nicht dasselbe wie ein Verbot.“
„Ich habe das so verstanden.“
„Du hast heute eben erklärt, was du selbst zu Leo gesagt hast. Verstecken wir uns jetzt nicht hinter Marion.“
Er antwortete nicht. Vielleicht hatte er zum ersten Mal keine passende Erklärung. Vielleicht suchte er nur nach einer besseren.
Anja holte ihren Mantel, blieb jedoch im Flur stehen. „Ich kann Marion anrufen, wenn du möchtest“, sagte sie zu mir.
„Nein. Zuerst Leo. Ich will nicht wieder hinter seinem Rücken über ihn sprechen.“
Der Satz überraschte mich selbst. Jahrelang hatte ich Leo als den kleinen Jungen im Flur gesehen, dem Erwachsene Entscheidungen abnahmen. Inzwischen war er siebenundzwanzig. Er durfte selbst bestimmen, ob er mit mir reden wollte. Auch darüber, ob er die Briefe jemals lesen würde.
Thomas kam zurück. „Du wirst ihn gegen mich aufbringen.“
„Er hat seit Jahren seine eigene Meinung über dich. Du hast sie heute selbst zitiert.“
„Du kennst nicht die ganze Geschichte.“
„Dann erzähl sie mir, ohne mir wieder vorzuschreiben, was ich tun darf.“
Er schwieg. Ich merkte, wie vertraut mir dieses Schweigen war. Bisher hatte es bedeutet, dass ich nachgab, damit der Abend nicht im Streit endete. Dieses Mal setzte ich mich an den Küchentisch, bis er endlich sprach.
„Ich hatte Angst, dass er irgendwann gar nicht mehr zu mir kommen wollte“, sagte er. „Wenn er mit dir allein telefonierte, erzählte er dir Dinge, die er mir nicht sagte. Ich fand, das stand mir als seinem Vater zu.“
Es war ein kleiner Satz. Keine große Enthüllung über Geld, keine verborgene Vereinbarung, keine fremde Person mit einem geheimen Auftrag. Nur ein erwachsener Mann, der die Zuneigung seines Sohnes wie etwas behandelte, das ihm jemand wegnehmen konnte.
„Du hättest dich darüber freuen können“, sagte ich.
„Vielleicht. Damals konnte ich es nicht.“
Ich fragte, ob er Leo nach dem Gespräch mit fünfzehn Jahren jemals die Wahrheit gesagt habe. Thomas schüttelte den Kopf. Dann wandte er ein, es sei doch längst zu spät gewesen. Ich dachte an die siebzehn Umschläge in meiner Hand. Für jede zusätzliche Lüge hatte es offenbar einen neuen Zeitpunkt gegeben, an dem Wahrheit unmöglich schien.
Anja ging kurz nach Mitternacht. Sie drückte meine Schulter und sagte, sie würde nichts weitererzählen, was Leo nicht selbst erfahren wolle. Thomas verschwand im Schlafzimmer. Ich blieb im Wohnzimmer sitzen, vor mir das Telefon und Leos Nummer. Ich schrieb eine Nachricht, löschte sie und begann erneut.
Ich wollte ihm nicht die Schachtel entgegenhalten, als müsse er darin meine Unschuld entdecken. Ich wollte auch nicht mit dem Satz anfangen, sein Vater habe uns belogen. Leo schuldete mir keinen Prozess über die Vergangenheit.
Schließlich schrieb ich: „Hallo Leo, hier ist Katrin. Ich weiß, dass seit sehr langer Zeit kein Kontakt zwischen uns besteht. Ich habe damals vieles nicht hinterfragt und bereue das. Wenn du irgendwann mit mir sprechen möchtest, würde ich zuhören. Falls nicht, respektiere ich das. Du musst nicht antworten.“
Ich las die Nachricht drei Mal und schickte sie ab. Die zwei kleinen Häkchen erschienen nicht sofort. Ich legte das Handy neben mich, ging ins Bad und wusch mir das Gesicht. Als ich zurückkam, leuchtete der Bildschirm. Leo hatte geantwortet.
„Ich habe eine Frage“, stand dort. „Warum hast du Papa damals geglaubt und nicht mich gefragt?“
Ich wusste, dass ich darauf keine kurze, saubere Antwort hatte. In Teil 3 erzähle ich, was ich Leo schrieb und warum er mich trotzdem treffen wollte.













