Als ich am Samstag nach Hause kam, saß Thomas im Wohnzimmer. Der Fernseher lief ohne Ton. Er fragte nicht, wie es Leo ging. Zuerst wollte er wissen, ob ich etwas Schlechtes über ihn erzählt hätte. Ich zog meinen Mantel aus und dachte daran, wie viele Gespräche in unserer Ehe mit seiner Angst vor dem Urteil anderer begonnen hatten.
„Ich habe gesagt, was ich weiß“, antwortete ich. „Und ich habe ihm gesagt, was ich falsch gemacht habe.“
„Du tust, als wäre ich ein Ungeheuer.“
„Nein. Ich versuche zu verstehen, warum du uns beide belogen hast.“
Er schaltete den Fernseher aus. Ich fragte ihn nach dem Foto mit dem Drachen. Thomas sah zur leeren Stelle im Flur, obwohl dort schon seit Jahren ein anderes Bild hing. Schließlich ging er zum Sideboard, öffnete eine Schublade und nahm einen braunen Umschlag heraus.
Das Foto lag darin, flach und unbeschädigt. Der Wind hatte Leos Haare zerzaust. Thomas stand hinter uns, mit offenem Mund vor Lachen. Ich hielt die Drachenschnur wie eine Person, die nicht wusste, wohin damit. Es war ein glücklicher Augenblick gewesen, und das Foto hatte nichts getan, um ihn weniger wahr zu machen.
„Warum hast du es versteckt?“, fragte ich.
„Leo hat dich schon einmal danach gefragt“, sagte ich. „Damals hast du behauptet, du wüsstest nicht, wo es geblieben ist.“
„Ich konnte nicht zugeben, dass ich es selbst weggenommen hatte.“
Thomas setzte sich auf die Sofakante. „Weil Leo mir später vorgeworfen hat, dass alles gespielt gewesen sei. Er sagte, früher hätten wir wenigstens zusammen gelacht. Ich konnte das Bild nicht mehr sehen.“
„Dann hättest du mit ihm darüber reden müssen.“
„Jeder Versuch endete im Streit.“
„Hat er dich gebeten, das Foto abzuhängen?“
Thomas schüttelte den Kopf.
Ich fragte, ob Leo das Foto damals hatte sehen wollen. Thomas sagte, sein Sohn habe sich nur nach einem Beweis dafür gesehnt, dass nicht jeder schöne Tag nachträglich zur Lüge erklärt werden müsse. „Und trotzdem hast du es weggenommen?“, fragte ich. Thomas antwortete nicht. Ich begriff, dass ich oft so lange nach den richtigen Worten gesucht hatte, bis überhaupt keine mehr gefallen waren. Bei Thomas war es anders gewesen: Er hatte gewusst, welche Worte nötig waren, und war vor ihnen ausgewichen.
Ich legte das Bild auf den Tisch, nicht zu den Briefen, sondern neben meine Schlüssel. Zum ersten Mal fiel mir auf, dass es in dieser Geschichte nicht nur um versäumte Geburtstage ging. Thomas hatte immer wieder unangenehme Dinge aus dem Blick geräumt. Zuerst eine Karte, dann einen Anruf, schließlich ein Foto. Er hatte Ruhe geschaffen, indem er entfernte, was ihn an ungelöste Fragen erinnerte.
„Du hast Leo erzählt, ich wollte ihn nicht sehen“, sagte ich. „Du hast mir erzählt, er wollte mich nicht sehen. Wann genau hast du beschlossen, dass du für uns beide antworten darfst?“
Er versuchte erst, die Frage als ungerecht abzutun. Dann sagte er, nach der Scheidung habe er jede Veränderung in Leos Verhalten als Ablehnung empfunden. Marion habe eigene Regeln gehabt, Leo habe lieber bei ihr geschlafen, und bei unseren gemeinsamen Ausflügen habe der Junge häufig meine Hand gesucht. Thomas habe nicht einmal einen Kindergeburtstag ertragen, an dem Leo zuerst mich ansah, wenn etwas schiefging.
„Du warst diejenige, bei der er keine Angst hatte, etwas falsch zu machen“, sagte er leise. „Bei mir wollte er immer wissen, ob ich enttäuscht bin.“
Ich hätte mich von dieser Erklärung geschmeichelt fühlen können. Stattdessen machte sie mich traurig. Thomas hatte eine Möglichkeit gehabt, seinen Sohn besser kennenzulernen. Er hatte die Nähe zwischen uns als Beweis dafür gelesen, dass für ihn selbst weniger übrig bleiben würde.
„Du hast ihn nicht behalten, indem du mich ausgeschlossen hast“, sagte ich. „Du hast nur dafür gesorgt, dass er uns beiden misstraut.“
Thomas machte die Augen zu. Ich wusste nicht, ob er mir zustimmte oder nur keine weiteren Worte hören wollte. Diesmal war es mir gleichgültig. Ich nahm das Foto und ging ins Gästezimmer.
Am nächsten Morgen schrieb ich Leo, dass ich Thomas nach dem Bild gefragt hätte. Ich erklärte ihm, dass es noch existiere und er es gern bekommen könne. Leo antwortete: „Lass es erst mal bei dir.“ Später fügte er hinzu: „Du darfst mit meiner Mutter sprechen, wenn du Fragen hast. Sag ihr nur bitte, dass ich Bescheid weiß.“
Ich rief Marion an. Allein das Wählen ihrer Nummer kostete mich mehr Mut, als ich zugeben wollte. Wir hatten uns seit vielen Jahren nicht persönlich gesprochen. Als sie meinen Namen hörte, hielt sie kurz inne. Ich fragte nicht nach alten Streitigkeiten. Ich erzählte ihr zuerst, was Thomas vor den Gästen gesagt hatte, was er später zugegeben hatte und was ich selbst versäumt hatte.
„Ich dachte immer, du hättest dich zurückgezogen“, sagte Marion schließlich.
„Thomas sagte mir, du wolltest keinen Kontakt.“
„Ich wollte klare Absprachen über die Wochenenden. Thomas hat sie dauernd geändert. Aber ich habe nie verlangt, dass du Leo nicht anrufst.“
Wir schwiegen beide. Ich hatte mir jahrelang vorgestellt, Marion sei diejenige, die mich von ihrem Sohn fernhalten wollte. Sie hatte umgekehrt angenommen, ich hätte keine Geduld mehr mit den Schwierigkeiten einer Patchworkfamilie. Keine von uns hatte nachgefragt. Thomas hatte sich zwischen unsere Annahmen gestellt, aber unsere Bequemlichkeit hatte ihm dort Platz gelassen.
„Leo hat mich mit fünfzehn gefragt, ob etwas mit ihm nicht stimmt“, sagte Marion. „Er meinte, die Leute verschwänden irgendwann immer. Ich habe ihm gesagt, dass nicht jede Entscheidung von Erwachsenen etwas mit einem Kind zu tun hat. Ich wusste damals nicht, wie wörtlich das war.“
Ich stellte das Telefon auf Lautsprecher, weil meine Hand zitterte. Marion erzählte nicht weiter aus Leos Privatleben. Sie sagte nur, er habe lange gebraucht, um sich nicht für die Enttäuschungen seines Vaters verantwortlich zu fühlen. Ich versprach, ihm keine neue Verantwortung aufzubürden.
„Wir beide hätten miteinander reden müssen“, sagte Marion.
„Ja.“
„Und er muss entscheiden dürfen, was jetzt passiert.“
Nach dem Gespräch stand ich in der Küche und sah auf den Stapel ungesendeter Umschläge. Die Briefe waren keine Rückfahrkarte in Leos Kindheit. Sie konnten weder einen Geburtstag wiederholen noch die Jahre zwischen damals und heute auslöschen. Aber jetzt gab es zum ersten Mal eine Möglichkeit, sie nicht nur als meine heimliche Entschuldigung aufzubewahren.
Am Abend kam eine Nachricht von Leo. „Ich habe darüber nachgedacht. Ich möchte die Briefe sehen. Alle siebzehn. Nicht vorher öffnen und nichts aussortieren. Kannst du das?“
Ich sah zur Schachtel im Regal. Manche Briefe hatte ich seit dem Schreiben nicht mehr gelesen. In Teil 5 erzähle ich, warum es schwieriger war, Leo die Wahrheit in die Hand zu geben, als sie an unserem Hochzeitstag auszusprechen.













