Ich holte die Schachtel aus dem Regal und stellte sie auf den Küchentisch. Dort hatte ich sie über Jahre immer wieder geöffnet, um einen weiteren Brief hinzuzulegen. Nun sollte jemand anderes sie mitnehmen. Der Gedanke machte mir Angst. Ich fürchtete nicht, dass Leo die Umschläge wegwerfen würde. Ich fürchtete, dass er sie ernst nahm und darin las, wie passiv ich geblieben war.
Eine Karte aus seinem zwölften Lebensjahr lag schief zwischen den anderen. Ich erkannte meine Handschrift auf dem Umschlag, den kleinen Knick am Rand, den ich damals mit dem Fingernagel geglättet hatte. Ich hätte sie gern geöffnet, um mich zu vergewissern, dass ich nichts Peinliches schrieb. Dann dachte ich an Leos eindeutige Bitte. Nicht öffnen. Nichts aussortieren. Ich schloss die Schachtel.
Wir verabredeten uns für Mittwoch vor einem kleinen Park in Eimsbüttel. Leo wartete schon, als ich ankam. Ich reichte ihm die Schachtel mit beiden Händen. Er nahm sie entgegen und stellte sie auf die Bank zwischen uns.
„Du musst sie nicht heute lesen“, sagte ich.
„Das weiß ich.“
„Und wenn du sie nie lesen willst, ist das auch in Ordnung.“
„Katrin.“ Er sah mich ernst an. „Du musst nicht bei jedem Satz dazusagen, dass ich frei entscheiden darf. Ich verstehe, was du meinst.“
Mir wurde heiß im Gesicht. Ich hatte ihn jahrelang nicht gefragt, was er wollte. Jetzt war ich so bemüht, ihm nichts aufzudrängen, dass ich kaum noch einen einfachen Satz sagen konnte.
„Entschuldigung“, sagte ich.
Leo nickte. Wir saßen eine Weile nebeneinander. Dann legte er die Hand auf die Schachtel.
„Ich weiß nicht, was ich darin finden will“, sagte er. „Vielleicht nur einen Beweis, dass es nicht an mir lag.“
„Es lag nicht an dir.“
„Du weißt aber auch, dass das nicht alle Fragen beantwortet.“
„Ja.“
Er erzählte mir, dass er als Jugendlicher in seinem Zimmer manchmal auf das Telefon gestarrt habe. Marion habe ihn gefragt, ob er jemanden anrufen wolle. Er habe nein gesagt. Er wollte nicht um die Aufmerksamkeit von jemandem bitten, der ihn angeblich nicht mehr sehen wollte. Ich hörte zu und spürte den Drang, ihm noch einmal zu erklären, was Thomas mir gesagt hatte. Diesmal ließ ich die Erklärung unausgesprochen. Leo kannte sie bereits. Was er mir erzählte, brauchte keinen Widerspruch.
„Ich war wütend auf dich“, sagte er. „Und dann auf mich, weil ich trotzdem wollte, dass du anrufst.“
„Das tut mir leid.“
„Ich will nicht, dass du mich wieder zu dem Jungen machst, der damals auf einen Anruf gewartet hat. Ich bin heute jemand anderes.“
„Das sehe ich“, sagte ich. „Aber ich muss dich erst kennenlernen.“
Er lächelte nicht. Doch er widersprach auch nicht. Als wir uns verabschiedeten, nahm er die Schachtel mit. Ich bot ihm nicht an, sie zu tragen. Ich fragte nicht, wann er sie lesen würde. Ich ging zu Fuß nach Hause und merkte erst nach mehreren Straßen, dass ich zum ersten Mal seit unserer Hochzeit eine Entscheidung nicht mit Thomas besprochen hatte.
Zu Hause stand er im Flur. Er sah meine leeren Hände und verstand sofort, wo die Briefe waren.
„Du hast sie ihm gegeben“, sagte er.
„Er hat darum gebeten.“
„Damit hast du mich vor ihm vollständig bloßgestellt.“
„Du hast ihm gesagt, ich wollte keinen Kontakt. Die Briefe ändern nichts daran, dass du das gesagt hast.“
Thomas ließ sich auf den Flurhocker sinken. „Was soll ich denn noch tun? Ich habe doch zugegeben, dass ich gelogen habe.“
„Du hast vor mir zugegeben, dass du gelogen hast. Hast du Leo auch um Entschuldigung gebeten?“
„Er reagiert nicht auf meine Anrufe.“
„Dann schreib ihm. Ohne eine Antwort zu verlangen. Und sag ihm, was du getan hast, ohne Marion oder mich dafür verantwortlich zu machen.“
Thomas sah mich an, als hätte ich eine Strafe vorgeschlagen. Vielleicht war eine Entschuldigung ohne die Aussicht auf sofortige Vergebung für ihn schwerer als jede Auseinandersetzung. Ich begriff, dass ich ihm dabei nicht helfen konnte, indem ich wieder zwischen ihm und Leo vermittelte.
Am Abend rief ich die Freundin an, die nach unserer Feier angeboten hatte, bei mir zu bleiben. Sie hörte zu, während ich zum ersten Mal aussprach, dass ich vorerst nicht weiter mit Thomas in derselben Wohnung leben wollte. Sie hatte ein freies Zimmer und fragte nur, ob ich am Wochenende Hilfe beim Tragen meiner Sachen brauche. Ich sagte, dass ich es erst Thomas erklären müsse, aber dankbar für das Angebot sei.
Er reagierte auf meinen Entschluss nicht mit Wut. Er wirkte erschrocken. „Wegen dieser einen Sache willst du zwanzig Jahre wegwerfen?“
„Es ist nicht eine Sache. Du hast Leo belogen, du hast mich belogen, und du hast zugelassen, dass ich vor deiner Familie als herzlose Frau gelte. Ich habe all die Jahre mitgemacht, weil ich lieber Frieden wollte als ein schwieriges Gespräch. So kann ich nicht weitermachen.“
„Ich habe doch Angst gehabt“, sagte er.
„Das glaube ich dir. Deine Angst erklärt etwas. Sie entscheidet aber nicht, wie wir künftig leben.“
Am nächsten Tag sprach ich mit Anja. Sie fragte nicht, ob ich ihren Bruder verlassen wolle, sondern ob ich einen sicheren Ort hätte. Ich erzählte ihr von dem freien Zimmer. „Ich habe ihm so viele Jahre zugehört“, sagte sie. „Wenn er über dich sprach, habe ich geglaubt, du hättest Leo aufgegeben.“ Ich erinnerte sie daran, dass sie mich hätte fragen können. Anja sagte: „Ja. Das hätte ich.“ Es war keine große Aussöhnung, nur ein ehrlicher Satz. Aber nach den letzten Tagen wusste ich, wie selten wir einander solche Sätze zugemutet hatten.
Am Samstag packte ich zwei Koffer und einige Bücher. Ich nahm die Schlüssel mit, weil wir praktische Dinge noch gemeinsam klären mussten. Thomas blieb in der Küchentür stehen. Er fragte, ob ich wiederkommen würde. Ich sagte, ich könne es ihm nicht versprechen. Bevor ich ging, legte ich das Foto mit dem Drachen in eine Mappe. Leo hatte gesagt, es solle vorerst bei mir bleiben.
In meinem vorübergehenden Zimmer schlief ich schlecht. Trotzdem war die Stille anders. Niemand wartete darauf, dass ich meine Fragen zurücknahm. Am Montagabend leuchtete mein Handy auf. Leo hatte geschrieben: „Ich habe den Brief von meinem fünfzehnten Geburtstag gelesen. Darin steht etwas, das ich dich fragen muss. Können wir uns morgen sehen?“
Was hatte ich damals geschrieben, während sein Vater ihm das Gegenteil erzählte? In Teil 6 erzähle ich von der Frage, die zwischen uns endlich ausgesprochen wurde.













