Die Frage stand auf meinem Bildschirm, bis die Buchstaben verschwammen. Leo hätte mich nach den Briefen fragen können, nach seinem Vater oder danach, warum ich mich ausgerechnet jetzt meldete. Stattdessen fragte er nach dem Einzigen, das ich selbst nicht entschuldigen konnte: warum ich einem Erwachsenen mehr vertraut hatte als dem Jungen, den ich angeblich vermisste.
Ich tippte: „Weil ich Angst vor einer Antwort hatte, mit der ich hätte leben müssen. Thomas sagte, du wolltest mich nicht sehen. Ich hätte dich selbst fragen sollen. Das habe ich nicht getan. Es tut mir leid.“
Es verging fast eine Stunde. Ich hielt das Telefon fest und zwang mich, keine zweite Nachricht zu schicken. Ich hatte siebzehn Jahre lang aus Rücksicht auf eine angebliche Grenze geschwiegen. Nun durfte ich nicht aus schlechtem Gewissen seine wirkliche Grenze übergehen.
Kurz vor zwei Uhr schrieb Leo: „Samstag, elf Uhr, an der Binnenalster. Nur du. Kein Papa.“
Ich antwortete mit einem einzigen Satz: „Ich komme.“
Am Freitag stand Thomas mit einer Tasse Kaffee vor meiner Schlafzimmertür. Ich hatte im Gästezimmer übernachtet. Er fragte, ob Leo sich gemeldet habe. Ich sagte ja, aber nicht, wann und wo wir uns treffen würden. Thomas wirkte verletzt, als ich ihm erklärte, dass Leo um ein Gespräch ohne ihn gebeten hatte. Ich erinnerte ihn daran, wie oft er in der Vergangenheit allein über unseren Kontakt entschieden hatte. Er stellte die Tasse auf die Kommode und ging.
Samstag war es kühl, aber trocken. Ich kam zu früh an die Alster und lief zweimal am Wasser entlang. Überall waren Menschen, die gewöhnliche Dinge taten. Eine Frau band ihrem Kind den Schal fester, ein Mann suchte nach seinem Schlüssel. Ich beneidete sie um ihre Minuten, in denen nichts neu entschieden werden musste.
Leo kam ohne Eile auf mich zu. Ich hätte ihn auf der Straße vermutlich erkannt, aber nicht sofort. Das schmale Gesicht war erwachsen geworden, die Schultern breiter. Seine Augen waren die des Jungen auf dem alten Foto. Er trug eine dunkelblaue Jacke und hielt beide Hände in den Taschen. Als wir voreinanderstanden, machte ich einen halben Schritt nach vorn und blieb stehen.
„Hallo, Katrin“, sagte er.
„Hallo, Leo.“
Wir setzten uns auf eine Bank, mit genügend Abstand, dass keiner von uns die Nähe des anderen erraten musste. Leo betrachtete das Wasser. Dann fragte er, ob Thomas von unserem Treffen wisse.
„Er weiß, dass du geantwortet hast“, sagte ich. „Den Ort habe ich ihm nicht genannt.“
„Gut.“
Ich hatte mir auf dem Weg Sätze zurechtgelegt. Alle klangen jetzt wie Erklärungen, die vor einer Entschuldigung kommen sollten. Deshalb schwieg ich, bis Leo anfing.
„Als ich klein war, hast du manchmal angerufen“, sagte er. „Einmal, als ich eine schlechte Mathearbeit geschrieben hatte, hast du mir erzählt, dass du als Kind dauernd die Sieben vergessen hast.“
Ich lachte kurz, weil ich mich daran erinnerte. Meine Lehrerin hatte die Zahl rot eingekreist. Leo schien das nicht lustig zu finden. Er sprach weiter, ruhig und ohne mich anzusehen.
„Dann hörten die Anrufe auf. Papa sagte, die Wochenenden seien für alle zu anstrengend. Mama sagte, er müsse sich selbst um seine Termine kümmern. Ich dachte, ihr streitet euch meinetwegen.“
„Ich habe damals geglaubt, die Entscheidung käme von dir oder Marion“, sagte ich. „Thomas hat mir das immer wieder versichert.“
„Mama hat nie gesagt, dass du nicht anrufen darfst.“
Das traf mich, obwohl ich es inzwischen vermutet hatte. Leo berichtete, Marion habe in den ersten Jahren auf festen Übergabezeiten bestanden, weil Thomas Termine häufig kurzfristig veränderte. Das war keine Einladung an mich gewesen, ungefragt in ihren Alltag einzudringen. Aber es war auch kein Kontaktverbot. Ich hatte den Unterschied nie überprüft.
„An meinem fünfzehnten Geburtstag“, sagte Leo, „war ich bei Papa zum Abendessen. Ich habe ihn gefragt, ob du sauer auf mich bist. Er meinte, du wolltest mich einfach nicht mehr sehen. Ich habe danach versucht, mir einzureden, dass mir das egal ist.“
Mir wurde kalt, obwohl ich die Hände unter meinem Mantel verschränkt hatte. In der Schublade lag ein Umschlag von diesem Geburtstag. Darin hatte ich geschrieben, dass ich mich manchmal frage, welche Musik er höre, und ob er noch immer Pfefferminzbonbons möge. Ich stellte mir den Jungen vor, der an diesem Tag direkt neben seinem Vater gesessen hatte. Und mich zu Hause, überzeugt, ihm durch Schweigen einen Gefallen zu tun.
„Ich hätte dich damals anrufen sollen“, sagte ich. „Nicht nur einmal. Immer wieder, bis ich deine eigene Antwort gehabt hätte. Mein Vertrauen in Thomas hat dich etwas gekostet.“
Leo atmete lange aus. „Es hat mich auch wütend gemacht, dass du nicht einmal gefragt hast, ob es stimmt.“
„Du hast jedes Recht dazu.“
„Bitte sag das nicht so, als müsste ich jetzt etwas Bestimmtes fühlen. Ich weiß selbst nicht, was ich fühle.“
Ich nickte. Er hatte recht. Meine Bereitschaft, Schuld anzunehmen, sollte kein neuer Weg sein, ihn zu einer Versöhnung zu bewegen.
Wir redeten eine Weile über sein Leben. Leo wohnte in Hamburg, hatte Freunde, ging gern wandern und mochte seinen Beruf, ohne darüber viel erzählen zu wollen. Ich stellte Fragen, aber keine, die ihn wie einen verlorenen Besitz zurückholen sollten. Er fragte nach meinem Garten und schien überrascht, dass ich immer noch Tomaten auf dem Balkon zog. Wir lachten über die Frage, warum mir die Pflanzen seit Jahren im August eingingen. Das Lachen war klein und unsicher. Es war trotzdem unseres.
Erst als wir aufstanden, erzählte ich ihm von den Briefen. Ich sagte ausdrücklich, dass keiner verschickt worden sei und er sie nicht lesen müsse. Leo sah mich lange an.
„Siebzehn?“, fragte er.
„Ja. Vom achten bis zum vierundzwanzigsten Geburtstag.“
„Und Papa wusste davon?“
„Von jedem einzelnen.“
Leo schob seine Hände tiefer in die Jackentaschen. Er bat nicht um die Schachtel. Er fragte nach etwas anderem.
„Das Foto mit dem Drachen“, sagte er. „Das, auf dem wir alle drei lachen. Hängt es noch bei euch?“
Ich schüttelte den Kopf. „Es ist vor Jahren aus dem Flur verschwunden. Ich weiß nicht, wo es geblieben ist.“
„Dann frag Papa, warum er es abgenommen hat. Ich habe ihn schon einmal danach gefragt. Seine Antwort war dieselbe wie bei dir.“
Welche Antwort hatte Thomas einem erwachsenen Sohn auf eine so einfache Frage gegeben? In Teil 4 erzähle ich, was das verschwundene Foto mit den Jahren unseres Schweigens zu tun hatte.













