Sebastian setzte sich neben Romys Bett, bis sie wieder eingeschlafen war.
Ihre Frage über die anderen Leute ließ ihn nicht los.
Er hatte jahrelang geglaubt, dass sein Einfluss vor allem darin bestand, Schwierigkeiten für Romy aus dem Weg zu räumen.
Nun verstand er, dass er ihr nicht die ganze Welt erklären konnte, bevor sie ihr begegnete.
Er konnte aber entscheiden, welchen Erwachsenen er in seinem Haus Raum gab.
Am nächsten Morgen ging er die Gästeliste der abgebrochenen Feier durch.
Unter den Namen standen Verwandte, Kollegen, Mitglieder eines Fördervereins und Menschen, die er seit Jahren nur bei Empfängen sah.
Er machte nicht zwei Listen mit guten und schlechten Gästen.
Stattdessen fragte er sich bei jedem Namen, ob Romy diese Person tatsächlich kennenlernen wollte.
Für einen Kindergeburtstag war das eine erstaunlich einfache Frage, die er bisher nicht gestellt hatte.
„Clara, kannst du mir helfen, eine andere Feier zu planen?“
„Für Romy?“
„Ja.
Aber ich möchte zuerst wissen, ob sie überhaupt eine möchte.“
Als Romy später die Küche betrat, legte er ihr drei leere Karten hin.
Auf der ersten stand: KEINE FEIER.
Auf der zweiten: KLEINER NACHMITTAG.
Auf der dritten: ETWAS ANDERES.
Romy betrachtete die Karten lange.
„Was ist etwas anderes?“
„Das entscheidest du.
Vielleicht ins Aquarium.
Vielleicht zusammen backen.
Vielleicht etwas, auf das ich noch gar nicht komme.“
Sie nahm die dritte Karte.
„Ich will mit Anja und Clara einen Kuchen machen.
Und du musst die Küche aufräumen.“
Sebastian hob gespielt entsetzt die Augenbrauen.
„Das ist ja die schwierigste Variante.“
Romy grinste.
„Dann musst du tapfer sein.“
Beide lachten, ohne dass einer von ihnen den Satz über Schmerzen aussprechen musste.
Zum ersten Mal gehörte das Wort tapfer wieder ihnen.
Die rechtlichen Schritte liefen unterdessen weiter.
Brandt hatte eine geordnete Zusammenstellung der vorhandenen Aufnahmen, ärztlichen Unterlagen und benennbaren Zeugen vorbereitet.
Er erklärte Sebastian wiederholt, dass er keine bestimmte strafrechtliche Bewertung oder ein schnelles Ergebnis versprechen könne.
Der Schutz des Kindes werde nicht dadurch besser, dass man jede Verfahrensnachricht täglich zum Familiengespräch mache.
Sebastian befolgte diesen Rat.
Er beantwortete die Fragen der zuständigen Stellen, überließ die Kommunikation weitgehend seinem Anwalt und informierte Romy nur in einer Sprache, die sie verstand.
„Erwachsene prüfen, was passiert ist“, sagte er.
„Du musst das nicht selbst regeln.“
„Muss ich Luisa sehen?“
„Nicht einfach so.
Wenn irgendwann jemand mit dir sprechen möchte, besprechen wir vorher in Ruhe, wer das ist und warum.
Und ich werde darauf achten, dass du Unterstützung bekommst.“
Er versprach nichts, was er über fremde Entscheidungen nicht kontrollieren konnte.
Er konnte nur zuverlässig bleiben bei dem, was in seiner Verantwortung lag.
Ende November kam eine schwierige Nachricht.
Luisa hatte einer Bekannten erklärt, Sebastian benutze Romy, um sich von ihr zu trennen.
Eine andere Person fragte Clara, ob das Mädchen wirklich eine medizinische Orthese brauche oder ob man den Bedarf übertreibe.
Clara war außer sich.
„Ich hätte Lust, ihr jedes einzelne Attest unter die Nase zu halten“, sagte sie.
„Dann müsste Romy sich wieder erklären“, antwortete Sebastian.
„Was sagen wir den Leuten?“
„Dass Romys Gesundheit niemanden etwas angeht und dass wir Gerüchte über ein Kind nicht kommentieren.“
Clara betrachtete ihren Bruder überrascht.
„Seit wann bist du so vernünftig?“
„Seit ich gelernt habe, wie unvernünftig ich vorher war.“
Das war nur zur Hälfte ein Scherz.
Sebastian wusste, dass jedes Schweigen von außen wie eine Niederlage aussehen konnte.
Aber er hatte genug von Maßnahmen, die Erwachsene gut aussehen ließen, während Romy dafür etwas aushalten musste.
Er nahm zudem Kontakt zu einer unabhängigen Beratungsstelle für Familien auf.
Nicht weil er einen geheimen Fehler bei Romy vermutete, sondern weil er praktische Unterstützung für den Alltag suchte.
Er ließ sich erklären, wie man mit schwierigen Übergängen, medizinischen Terminen und den Reaktionen anderer Kinder umgehen konnte.
Es beschämte ihn nicht mehr, Hilfe anzunehmen.
Bei einem Ausflug in den Park sah Romy zum ersten Mal seit Wochen wieder ein Mädchen aus ihrer früheren Spielgruppe.
Sie hieß Lina, trug eine rote Mütze und rannte zuerst direkt auf Romy zu.
Kurz vor ihr blieb sie stehen.
„Kannst du wieder laufen?“, fragte Lina.
Romy sah zu Sebastian.
Er wartete, statt für sie zu antworten.
„Ja“, sagte Romy.
„Manchmal brauche ich die Schiene.
Und manchmal muss ich langsam machen.“
Lina nickte, als sei das eine vollkommen ausreichende Erklärung.
„Wir spielen Tiere raten.
Willst du die Fragen stellen?“
„Ja!“
Romy setzte sich auf eine Bank, und die beiden Mädchen begannen, über Eisbären und Schildkröten zu streiten.
Sebastian blieb in der Nähe.
Er hatte sich auf einen schmerzhaften Moment vorbereitet und bekam stattdessen etwas Alltägliches: Kinder, die eine passende Art zu spielen fanden.
Als sie nach Hause gingen, sagte Romy:
„Lina hat gar nicht gelacht.“
„Nein.“
„Luisa hat gesagt, alle würden lachen.“
Sebastian blieb stehen.
„Luisa hatte nicht recht.“
Romy dachte darüber nach.
„Manche lachen vielleicht trotzdem.“
„Das kann sein.
Und dann ist es ihre Aufgabe, etwas Besseres zu lernen.
Nicht deine, die Schiene zu verstecken.“
Der Winter kam früh.
An den Fenstern der Villa bildeten sich morgens dünne Muster aus Feuchtigkeit, und die Bäume im Garten verloren ihre letzten Blätter.
Sebastian verbrachte inzwischen mehr Zeit zu Hause, aber Romy gewöhnte sich nicht sofort daran.
Einmal fragte sie ihn, ob er wirklich an ihrem Schulfest teilnehmen werde.
„Ich habe es eingetragen“, sagte er.
„Früher hattest du auch Sachen eingetragen.“
Er schwieg und nickte.
„Stimmt.
Darum zählt erst, dass ich auch tatsächlich da bin.“
Am Tag des Schulfests saß er zwischen anderen Eltern auf einem viel zu kleinen Stuhl.
Romy spielte in einer kurzen Aufführung einen Stern.
Sie stand nicht lange und musste nicht tanzen.
Die Lehrerin hatte mit ihr eine Aufgabe gefunden, die sie selbst gern übernahm.
Als Romy von der Bühne schaute, fand sie Sebastian sofort.
Er winkte nur, damit sie nicht aus dem Takt kam.
Auf der Rückfahrt fragte sie:
„War ich gut?“
„Ich habe mich gefreut, dich zu sehen.“
„Auch mit Schiene?“
„Gerade so, wie du dort warst.“
Einige Tage vor Weihnachten erreichte Brandt ein Angebot von Luisas Seite.
Sie wollte eine schriftliche Erklärung abgeben, sofern Sebastian im Gegenzug auf weitere öffentliche Vorwürfe verzichte.
Der Text enthielt aber einen Satz, in dem Romy als überempfindlich beschrieben wurde.
Sebastian legte den Entwurf fort.
„Über die Wahrheit meiner Tochter verhandle ich nicht“, sagte er.
Brandt nickte.
„Dann antworten wir sachlich und lehnen diese Formulierung ab.
Über Ihre privaten Auseinandersetzungen müssen Sie nichts veröffentlichen.“
Romy wusste von diesem Schreiben nichts.
An jenem Abend saß sie stattdessen am Tisch und malte Einladungen für einen kleinen Backnachmittag.
Auf einer Karte stand SEBASTIAN FALK, als würde sie ihren eigenen Vater förmlich einladen.
Darunter schrieb sie: BITTE PÜNKTLICH.
Er hob die Einladung an und versprach, rechtzeitig da zu sein.
Doch diesmal genügte ein Versprechen nicht.
Er musste es einlösen, während die Folgen der vergangenen Wochen noch immer nachwirkten.
Würde ein gewöhnlicher Nachmittag für Romy wirklich wieder gewöhnlich sein können?
Lesen Sie in Teil 8 weiter, was aus dem Fest wurde, das sie endlich selbst geplant hatte.













