Um acht Uhr klingelte es am Gartentor.
Sebastian hatte seit der Geburt seiner Tochter selten so ungeduldig auf einen Besuch gewartet.
Die Frau vor der Kamera trug einen dunkelgrünen Mantel und hielt eine Papiertüte in der Hand.
Anja Kramer war viele Jahre als Kinderbetreuerin im Haus gewesen, zuerst stundenweise, später an den Tagen, an denen Sebastian besonders lange arbeitete.
Vor sechs Wochen hatte Luisa ihm erzählt, Anja wolle sich beruflich verändern.
Er hatte eine kurze Abschiedsnachricht bekommen und ihr viel Glück gewünscht.
Jetzt stand Anja im Flur, als wüsste sie nicht, ob sie das Recht hatte, wiederzukommen.
„Danke, dass Sie meine Nachricht gelesen haben“, sagte Sebastian.
„Ich habe nicht gewusst, ob Sie mich überhaupt sehen wollen.“
„Warum sollte ich das nicht wollen?“
Anja sah ihn einen Moment schweigend an.
„Weil Ihre Partnerin gesagt hat, Sie hätten sich über meine Arbeit beschwert.“
Sebastian blieb stehen.
„Das habe ich nie getan.“
„Das hatte ich gehofft.“
Sie reichte ihm die Papiertüte.
Darin lag ein kleines Set Buntstifte, das Romy einmal bei ihr vergessen hatte.
Die sorgfältig gespitzen Spitzen berührten Sebastian mehr, als er erwartet hatte.
Sie setzten sich in die Küche.
Nicht in das große Arbeitszimmer, in dem Sebastian sonst unangenehme Gespräche führte.
Dort hätte er selbst wieder wie ein Vorgesetzter geklungen.
Anja strich die Serviette glatt, ehe sie anfing.
„Ich habe zweimal gesehen, wie Frau Luisa die Verschlüsse an Romys Orthese geöffnet hat“, sagte sie.
„Einmal nach dem Mittagessen, einmal vor einem Fototermin.
Beim zweiten Mal wollte Romy nicht aufstehen.“
„Warum haben Sie mich nicht angerufen?“
Der Vorwurf war heraus, bevor er ihn aufhalten konnte.
Anja presste die Lippen zusammen.
„Ich habe es versucht.“
Sie zog ihr Telefon aus der Tasche.
Auf dem Display zeigte sie zwei Nachrichten an Sebastian, die er nie persönlich gelesen hatte.
Beide waren an eine Dienstnummer gegangen, die sein Assistent verwaltete.
Eine Nachricht erwähnte die Orthese ausdrücklich.
Der Assistent hatte mit einem knappen Satz geantwortet, Frau Luisa kümmere sich darum.
Sebastian kannte diesen Satz.
Er selbst hatte ihn einmal benutzt, als Anja wegen Romys verändertem Verhalten einen Rückruf erbeten hatte.
Er erinnerte sich an den Termin, zu dem er damals unterwegs gewesen war, nicht aber an das Gespräch, das er hätte führen sollen.
„Das war meine Antwort“, sagte er leise.
Anja nickte.
„Ich wollte nicht behaupten, dass in Ihrem Haus jemand absichtlich einem Kind wehtut.
Aber ich konnte nicht wegsehen.
Nach dem zweiten Vorfall habe ich Romy gefragt, ob sie etwas erzählen möchte.
Sie hat gesagt, ich solle mich nicht einmischen, sonst müsste ich gehen.“
Sebastian legte das Telefon neben die Tasse.
Er stellte sich vor, wie eine Sechsjährige das Risiko abgewogen hatte, jemanden zu verlieren, der freundlich zu ihr war.
„Dann hat Luisa Ihnen gekündigt?“
„Sie hat mir einen Aufhebungsvertrag vorgelegt und erklärt, es gäbe künftig keinen Bedarf.
Ich hätte rechtlichen Rat suchen können.
Aber meine Mutter lag damals im Krankenhaus, und ich war erschöpft.
Ich wollte weg, bevor es noch schlimmer wurde.“
„Es tut mir leid“, sagte Sebastian.
„Mir auch.
Vor allem für Romy.“
Im Obergeschoss knarrte eine Tür.
Romy erschien auf der Treppe und blieb stehen, als sie Anjas Stimme hörte.
Zuerst umklammerte sie das Geländer.
Dann rief sie so laut, wie Sebastian sie seit Tagen nicht gehört hatte:
„Anja!“
Anja ging in die Hocke, ohne die Arme auszubreiten.
„Hallo, du.“
„Darf ich dich umarmen?“
„Sehr gern.“
Romy bewegte sich vorsichtig die Stufen hinunter, mit Unterstützung und in dem Tempo, das die Ärztin empfohlen hatte.
Als sie unten ankam, schlang sie die Arme um Anjas Hals.
Sebastian wandte kurz den Blick ab.
Er hatte Romy so lange nach einem unbeschwerten Lachen sehnen hören, dass er es beinahe nicht erkannte, als es endlich kam.
Sie verbrachten den Vormittag nicht mit Fragen.
Anja und Romy malten am Küchentisch zwei Tiere, von denen niemand sagen konnte, ob es Füchse oder Hunde waren.
Sebastian telefonierte mit Dr. Vogt und einer Kinderpsychologin, deren Praxis Erfahrung mit belastenden Erlebnissen hatte.
Beide rieten ihm, Romy nicht immer wieder zu befragen und eine fachlich geeignete Gesprächssituation zu organisieren.
In seinem Büro suchte Sebastian später die früheren Schichtpläne heraus.
Dabei entdeckte er, dass Anjas Arbeitszeiten kurz vor der Kündigung schrittweise gekürzt worden waren.
An ihren freien Nachmittagen hatte Luisa die Betreuung ausdrücklich übernommen.
Auf den ersten Blick sah das wie Unterstützung aus.
Nun ergab dieselbe Tabelle ein anderes Bild.
Tobias kam mit einer schriftlichen Übersicht der vorhandenen Videoaufnahmen.
Er hatte eine externe Fachperson gebeten, die Dateien unverändert zu sichern und eine Dokumentation über Herkunft und Kopierwege anzulegen.
„Es gibt keine Kamera in Romys Zimmer“, sagte Tobias.
„Und das ist gut so.
Wir haben Aufnahmen von drei Tagen im Saal und im angrenzenden öffentlichen Vorbereitungsbereich.
Mehr würde ich aus ihnen nicht ableiten.“
„Aber die drei Tage reichen aus, um zu wissen, dass es kein Versehen war.“
„Ja.
Was davor geschah, können wir nicht mit Bildern beweisen.“
Sebastian war Tobias für diesen Widerspruch dankbar.
Er wollte keine Geschichte zusammensetzen, die nur deshalb überzeugend klang, weil er wütend war.
Am Mittag bat er den Familienanwalt Dr. Henrik Brandt zu einem Gespräch.
Der ältere Jurist hatte Sebastian schon durch zwei schwierige Unternehmensverhandlungen begleitet.
Diesmal schob Sebastian alle Verträge zur Seite.
„Ich brauche keinen Plan, um jemanden zu vernichten“, sagte er.
„Ich möchte wissen, wie ich mein Kind schütze, ohne es zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen.“
Brandt hörte zu und stellte konkrete Fragen.
Wer hatte Zugang zur Orthese?
Wem gehörten die Aufnahmen?
Welche Personen waren dabei gewesen?
Was hatte eine Ärztin bereits festgestellt?
Er erklärte, dass eine Strafanzeige und gegebenenfalls zivilrechtliche Schutzschritte geprüft werden könnten, aber nicht jede Aufnahme automatisch in jedem Verfahren verwendbar sei.
Vor allem solle Sebastian Luisa nicht mit Drohungen oder einer Veröffentlichung des Materials unter Druck setzen.
„Ihr Ziel ist nicht, dass im Internet jemand schuldig gesprochen wird“, sagte Brandt.
„Ihr Ziel ist, dass Romy geschützt wird und unabhängige Stellen sorgfältig arbeiten können.“
„Dann gehen wir diesen Weg.“
Am Abend kam eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
Sie enthielt ein Foto von Romy, aufgenommen bei einem Empfang vor mehreren Monaten.
Unter dem Bild stand: EIN VERANTWORTUNGSVOLLER VATER HÄTTE FRÜHER HINGESEHEN.
Sebastian spürte eine alte, gefährliche Versuchung: sofort zu antworten, seine Macht zu zeigen, jemanden zum Schweigen zu bringen.
Stattdessen leitete er die Nachricht an Brandt weiter und ließ die Nummer dokumentieren.
Er wusste nicht, ob Luisa selbst dahintersteckte.
Aber die Nachricht traf einen Punkt, den er nicht abstreiten konnte.
Er hatte Warnzeichen übersehen.
Am nächsten Tag stand im Kalender der erste Termin bei der Kinderpsychologin.
Und Romy stellte ihm am Abend eine Frage, vor der er mehr Angst hatte als vor jedem Anwalt.
„Papa, darf ich jemandem sagen, dass du mir auch einmal nicht geglaubt hast?“
Sebastian wusste, dass seine Antwort über ihr Vertrauen entscheiden würde.
Lesen Sie in Teil 4 weiter, wie er mit dieser Wahrheit umging.













