Sebastian hätte schreien können.
Er hätte Luisa vor den Gästen zur Rede stellen, ihr jedes Wort vorhalten und seinen Anwalt noch während der Feier anrufen können.
Doch in seinen Armen saß Romy, deren Atem bei jeder Bewegung stockte.
Zum ersten Mal begriff er, dass seine Wut ihr nicht helfen würde, solange sie nicht wusste, ob sie wieder sicher war.
„Tobias, bitte lassen Sie einen Wagen vorfahren und rufen Sie in der Kinderklinik an“, sagte er.
Tobias nickte und entfernte sich mit der Speicherkarte.
Sebastian wandte sich an die Frau, mit der er seit fast zwei Jahren zusammenlebte.
Noch am Morgen hatte Luisa ihm bei der Auswahl der Geburtstagsblumen geholfen.
Jetzt fiel ihm auf, dass sie nicht ein einziges Mal gefragt hatte, ob Romy Schmerzen hatte.
„Du wirst heute nicht mit uns nach Hause fahren“, sagte er.
„Du wirfst mich wegen eines Missverständnisses hinaus?“
„Ich bringe meine Tochter zu einer Ärztin.
Über alles andere sprechen wir nicht hier.“
Luisa wollte nach seinem Arm greifen, aber er wich aus.
Hinter ihr standen Gäste mit unangetasteten Getränken und Blicken, die plötzlich sehr interessiert an den Teppichmustern waren.
Sebastian erkannte zwei Geschäftspartner und einen entfernten Cousin.
Er wunderte sich, dass ihm ihre Urteile vor wenigen Minuten noch etwas bedeutet hatten.
„Die Feier ist beendet“, sagte er in den Raum.
„Romy braucht Ruhe.
Bitte respektieren Sie das.“
Niemand widersprach.
Ein paar Menschen nickten, andere griffen nach ihren Mänteln.
Auf dem Weg zum Ausgang trat eine ältere Frau auf Romy zu, beugte sich aber nicht ungefragt über sie.
Sie legte nur eine kleine Stofftasche auf eine Bank.
„Dein Geburtstagsgeschenk, wenn du es später haben möchtest“, sagte sie.
Romy betrachtete sie mit geröteten Augen.
Dann versteckte sie ihr Gesicht an Sebastians Schulter.
Die Frau ging, ohne beleidigt zu sein.
Diese Zurückhaltung erschien Sebastian auf einmal kostbarer als jeder Trost, der ihnen aufgedrängt wurde.
Während der Fahrt durch das abendliche Berlin saß Romy angeschnallt auf dem Rücksitz.
Sebastian hatte sich neben sie gesetzt und seinen Fahrer gebeten, langsam zu fahren.
Die Schiene lag in einer separaten Tasche.
Er hatte sie nicht eigenmächtig wieder angelegt, nachdem Romy bei der kleinsten Berührung zusammengezuckt war.
Er wollte die Ärztin entscheiden lassen, was sicher war.
„Papa?“
„Ich höre dir zu.“
„Ist Luisa jetzt böse?“
Er überlegte, was eine ehrliche Antwort für ein Kind bedeuten konnte.
„Sie ist wahrscheinlich wütend“, sagte er schließlich.
„Aber du musst dich nicht darum kümmern, wie sie sich fühlt.“
Romy rieb mit dem Ärmel über ihre Augen.
„Sie hat gesagt, wenn ich tapfer bin, sagst du, dass ich schon groß bin.“
„Du musst keine Schmerzen aushalten, um groß zu sein.“
„Aber du sagst immer, ich bin mutig.“
„Das stimmt.
Mutig warst du heute, weil du mir die Wahrheit gesagt hast.
Und auch wenn du nichts gesagt hättest, wäre es nicht deine Schuld gewesen.“
In der Klinik roch der Flur nach Desinfektionsmittel und warmer Suppe aus einem Automaten.
Eine Kinderärztin namens Dr. Miriam Vogt nahm sich Zeit, auch nachdem sie gehört hatte, wer Sebastian Falk war.
Sie untersuchte Romys Bein vorsichtig, fragte nach der Art der Verletzung und sah sich die Verordnung der Orthese an.
Sie erklärte, dass sie Schmerzen und Belastbarkeit dokumentieren und die Behandlung mit der zuständigen Orthopädin abstimmen werde.
„Wir müssen nichts erzwingen“, sagte sie zu Romy.
„Wenn dir etwas weh tut, sagst du Stopp.“
Romy schaute zuerst zu ihrem Vater.
Er nickte.
Die Ärztin wartete, bis das Mädchen selbst antwortete.
„Stopp“, sagte Romy probeweise.
„Genau so“, erwiderte Dr. Vogt.
Der Befund ergab keinen Anlass für eine dramatische Sofortmaßnahme, doch die Schmerzen mussten ernst genommen werden.
Dr. Vogt empfahl Schonung, eine fachgerechte Kontrolle der Orthese und einen Folgetermin.
Sie fragte Sebastian anschließend unter vier Augen, ob er sich vorstellen könne, dass das wiederholte Abnehmen nicht der einzige belastende Vorgang gewesen sei.
„Ich weiß nicht, was ich mir noch vorstellen soll“, gestand er.
„Dann fragen Sie Romy nicht alles heute Nacht.
Sorgen Sie zuerst für Sicherheit.
Kinder erzählen oft erst dann mehr, wenn sie nicht befürchten müssen, mit ihrer Antwort einen Erwachsenen zu verärgern.“
Der Satz blieb ihm im Kopf, als er später vor dem Haus in Grunewald stand.
Eine Villa, die er stets als Schutzraum betrachtet hatte, lag hell erleuchtet hinter dem Tor.
Doch gerade dort hatte Romy offenbar gelernt, leise zu sein.
Tobias wartete in der Eingangshalle.
„Luisa ist noch nicht zurückgekehrt“, sagte er.
„Ich habe den Zugang zum Sicherheitssystem überprüft.
Die Originaldateien bleiben unverändert, und es gibt eine gesicherte Kopie mit Zeitangaben.“
„Danke.
Bitte geben Sie niemandem aus meinem Unternehmen die Aufnahmen.“
„Selbstverständlich.“
Oben wollte Romy nicht in ihrem Bett schlafen.
Sie hielt Sebastian an der Hand fest, als er ihre Decke zurückschlug.
„Kann die Tür offen bleiben?“
„So weit du möchtest.“
„Und wenn Luisa kommt?“
„Sie kommt nicht zu dir.
Ich verspreche dir, dass ich dafür sorge.“
Romy zögerte.
„Sie hat mir einmal gesagt, du glaubst ihr mehr als mir.“
Sebastian setzte sich auf den Rand des Bettes.
Dieser Satz tat mehr weh als jeder Vorwurf eines Erwachsenen, weil er zeigte, wie genau Luisa die Stelle getroffen hatte, an der Romy am verletzlichsten war.
„Ich habe Dinge nicht gesehen, die ich hätte sehen müssen“, sagte er.
„Dafür möchte ich mich bei dir entschuldigen.
Du musst mich jetzt nicht trösten.“
Romy schob ihre Hand in seine.
„Dann bleibst du hier, bis ich schlafe?“
„Ja.“
Es dauerte lange, bis ihr Atem ruhig wurde.
Sebastian blieb sogar noch, als draußen das Telefon vibrierte.
Auf dem Display standen sieben Anrufe von Luisa und eine Nachricht, in der sie forderte, er solle endlich vernünftig werden.
Er antwortete nicht.
Er schrieb nur Tobias, dass die privaten Zutrittsberechtigungen geprüft und vorsorglich gesperrt werden sollten, soweit sie Romys Wohnbereich betrafen.
Als er sich schließlich erhob, bemerkte er auf Romys Schreibtisch ein Blatt Papier.
Es zeigte ein Haus mit drei Fenstern.
In einem Fenster stand ein kleines Mädchen neben einem Mann; im dritten Fenster war nur ein grauer Strich.
Darunter hatte Romy in krummen Buchstaben geschrieben: WENN PAPA ZU HAUSE IST.
Sebastian erinnerte sich, wie oft er dieses Zuhause mit der Begründung verlassen hatte, die nächste Besprechung sei wichtig.
Er wusste jetzt, dass die Aufnahmen nur eine Frage beantworteten: was Luisa getan hatte.
Viel schwieriger war die Frage, was Romy in all den Stunden gefühlt hatte, in denen niemand eingegriffen hatte.
Am nächsten Morgen sollte eine Frau vorbeikommen, die Romy gut kannte und die Luisa plötzlich nicht mehr im Haus hatte sehen wollen.
Sebastian hatte ihren Namen noch in der Nacht auf einer alten Liste entdeckt.
Er wollte wissen, warum sie gegangen war.
Warum war ausgerechnet die frühere Kinderbetreuerin so plötzlich verschwunden?
Lesen Sie in Teil 3 weiter, was ihr Weggang mit Romys Schweigen zu tun hatte.













