„Ja“, antwortete Sebastian.
Er saß mit Romy auf dem Boden vor ihrem Bücherregal.
Zwischen ihnen lag ein unfertiges Puzzle, dessen Rand sie seit einer Viertelstunde nicht schließen konnten.
Romy hob den Blick.
„Auch dass du gesagt hast, Luisa meint es bestimmt gut?“
„Auch das.“
„Dann bist du nicht sauer?“
„Nein.
Ich hätte dir zuhören sollen, statt eine Erklärung für Luisa zu finden.“
Er erinnerte sich plötzlich an einen Morgen im September.
Romy hatte vor dem Frühstück geweint, und Luisa hatte erklärt, sie sei müde und wolle nicht zur Schule.
Sebastian hatte seiner Tochter gesagt, sie solle freundlich bleiben und der Erwachsenen vertrauen.
Die Erinnerung war jetzt ein kleiner, scharfer Gegenstand, den er nicht mehr aus seinem Bewusstsein drängen konnte.
„Manchmal machen Erwachsene Fehler“, sagte er.
„Und manchmal sind es schlimme Fehler.
Du darfst sie aussprechen.“
Romy nahm ein Puzzleteil auf und drehte es mehrmals zwischen den Fingern.
„Vielleicht kannst du das besser üben als ich“, sagte sie.
Sebastian lachte kurz, obwohl ihm Tränen in den Augen standen.
„Das werde ich wohl müssen.“
Am folgenden Tag empfing eine Kinderpsychologin namens Dr. Friederike Sommer sie in einer Praxis, in der nicht ein einziges Möbelstück wie ein Büro aussah.
Es gab Stofftiere, eine niedrige Couch und eine Kiste mit glatten Holzfiguren.
Dr. Sommer begrüßte Romy zuerst, fragte sie, wie sie angesprochen werden möchte, und erklärte ihr, dass sie nichts erzählen müsse, wozu sie nicht bereit sei.
Sebastian durfte beim ersten Gespräch bleiben.
Er saß am Rand und versuchte zum ersten Mal seit langer Zeit, nicht derjenige zu sein, der alles beantwortete.
„Was passiert, wenn du jemandem sagst, dass etwas wehtut?“ fragte die Psychologin.
Romy rückte die Holzfiguren nebeneinander.
„Bei Papa bekomme ich einen Stuhl.“
„Und bei Luisa?“
Romy ließ eine Figur umfallen.
„Dann sagt sie, es sieht hässlich aus, wenn ich hinke.“
Sebastian hielt den Atem an.
Dr. Sommer sah nicht zu ihm, sondern ließ Romy Zeit.
„Wie fühlst du dich dabei?“
„Als wäre mein Bein böse.“
Niemand im Raum korrigierte diesen Satz sofort.
Er durfte eine Weile da sein, damit Romy hören konnte, dass sie ihn gesagt hatte und die Welt nicht unterging.
Später erklärte Dr. Sommer Sebastian, dass die medizinische Versorgung und das Wiederaufbauen von Sicherheit zwei getrennte Aufgaben seien.
Eine zuverlässige Tagesstruktur, Wahlmöglichkeiten im Kleinen und klare Grenzen zu Luisa seien jetzt wichtiger als wiederholte Versprechen, alles werde sofort gut.
„Und Sie?“, fragte sie.
Sebastian sah überrascht auf.
„Was ist mit mir?“
„Ihre Tochter wird wahrscheinlich bemerken, wenn Sie jedes Mal innerlich zusammenbrechen, sobald sie etwas erzählt.
Suchen Sie sich selbst eine Person, mit der Sie Ihre Schuldgefühle besprechen können.
Romy sollte nicht versuchen müssen, Sie zu beruhigen.“
Er wusste, dass sie recht hatte.
Seinen Reichtum hatte er oft mit Handlungsfähigkeit verwechselt.
Sobald ein Problem auftauchte, bezahlte er Fachleute, organisierte Termine, unterschrieb Aufträge.
Aber es gab keinen Vertrag, der ihm die versäumten Nachmittage zurückgab.
Am selben Abend besuchte ihn seine Schwester Clara.
Sie war vier Jahre jünger als er und hatte wenig Geduld mit seiner Angewohnheit, unangenehme Gefühle in Arbeit zu verwandeln.
In ihrer Hand hielt sie ein Glas selbst gekochte Marmelade.
„Ich wusste nicht, ob du noch etwas Essbares in diesem Haus hast“, sagte sie.
In der Küche standen genügend Vorräte für zwanzig Personen.
Clara bemerkte es und verzog den Mund.
„Du verstehst, was ich meine.“
Sebastian erzählte ihr von den Aufnahmen, den Arztterminen und Anjas Bericht.
Clara unterbrach ihn kein einziges Mal.
Als er fertig war, fragte sie nach Romy.
„Sie schläft.
Heute hat sie die Tür nur einen Spalt offen gelassen.“
„Das klingt nach einem guten Anfang.“
„Ich habe nicht gemerkt, was Luisa mit ihr gemacht hat.“
„Nein“, sagte Clara.
Er hatte Widerspruch erwartet und war dankbar, dass sie nicht log.
„Ich denke dauernd, ich müsste Luisa irgendetwas antun, damit Romy sieht, dass ich auf ihrer Seite stehe.“
Clara stellte die Marmelade ab.
„Dann tu es nicht.
Romy braucht keinen Vater, der den nächsten Kampf gewinnt.
Sie braucht einen, der morgen früh noch da ist.“
Gemeinsam besprachen sie, wie Sebastian seine Wochen verändern konnte.
Er sagte zwei Dienstreisen ab und verlegte Besprechungen in feste Zeitfenster.
Clara bot an, bei der Organisation zu helfen, ohne Romys neue Vertrauensperson spielen zu wollen.
Anja erklärte sich nach einer angemessenen Pause bereit, Romy gelegentlich wieder zu betreuen, sofern Aufgaben und Zuständigkeiten eindeutig geregelt würden.
Als Sebastian am nächsten Morgen sein Unternehmen anrief, fragte der Geschäftsführer nach dem wichtigen Auslandstermin.
„Sie vertreten mich“, sagte Sebastian.
„Es geht um die Jahresplanung.“
„Dann ist es gut, dass wir Sie dafür eingestellt haben.“
Er legte auf und war erschrocken, wie leicht der Satz gewesen war.
Das Haus wurde nicht über Nacht zu einem glücklichen Ort.
Romy fragte bei jedem unbekannten Geräusch, wer durch die Tür komme.
Einmal weinte sie, als ihr ein Klettverschluss an der Orthese nicht sofort gelang.
Ein anderes Mal wollte sie die Schiene nicht tragen, obwohl die Orthopädin ihre Funktion sorgfältig erklärt hatte.
Sebastian lernte, dass er ihr weder mit Ungeduld noch mit einem fröhlichen „Das schaffst du schon“ half.
Manchmal setzte er sich einfach daneben und wartete.
Drei Tage nach dem Vorfall kam ein Brief von Luisas Anwältin.
Luisa bestritt nicht, die Orthese entfernt zu haben, erklärte ihr Vorgehen aber zu einem missverstandenen Erziehungsversuch.
Außerdem verlangte sie Zugang zu ihren persönlichen Sachen und behauptete, Sebastian halte sie ohne Grund von der gemeinsamen Wohnung fern.
Brandt las den Brief aufmerksam.
„Ihre Gegenstände bekommt sie selbstverständlich“, sagte er.
„Wir vereinbaren einen begleiteten Termin ohne Romy.
Ein Streit über Eigentum darf nicht mit dem Schutz des Kindes vermischt werden.“
„Und wenn sie die Videos sehen will?“
„Dann erfolgt das geordnet über die zuständigen Stellen und ihre rechtliche Vertretung, nicht durch eine private Vorführung.“
Sebastian unterschrieb die notwendigen Vollmachten.
Er fühlte weder Triumph noch Erleichterung.
Nur den ungewohnten Widerstand gegen die Versuchung, alles selbst zu steuern.
An diesem Abend fand Romy ihre alte Zeichnung vom Haus mit dem grauen Fenster.
Sie nahm einen orangefarbenen Stift und malte hinter das graue Fenster eine kleine Sonne.
„Warum eine Sonne?“, fragte Sebastian.
„Weil ich will, dass es hell ist, auch wenn niemand drinsteht.“
Er fragte nicht weiter.
Später erfuhr er, dass Luisa gegenüber mehreren Gästen eine ganz andere Version des Geburtstags verbreitete.
Darin war Romy nicht das verletzte Kind, sondern ein Mädchen, das zu seiner eigenen Sicherheit härter erzogen werden musste.
Und Sebastian war der unberechenbare Vater, der aus einer Kleinigkeit einen Skandal machte.
Wem würden die Menschen glauben, die nur Luisas Erzählung gehört hatten?
Lesen Sie in Teil 5 weiter, warum Sebastian sich dennoch gegen eine öffentliche Antwort entschied.













