Regina riss Milos Zeichnung von der Wand. Das Papier knickte in ihrer Hand, und mein Sohn stand daneben, als hätte jemand gerade etwas Lebendiges verletzt.
„Die kommt auch weg“, sagte sie.
Ich hörte es zunächst nicht. Ich war unten in der Küche, als ein Karton über den Flur geschoben wurde. Dann kam Milos Stimme von oben.
„Das ist mein Zimmer!“
Ich ließ die Einkaufstasche stehen und ging zur Treppe. Auf halber Höhe hörte ich Regina: „Dein Ersatz braucht das Zimmer.“
Als ich die Tür erreichte, lagen Milos Bauklötze in einer Umzugskiste. Seine Bücher waren aus dem Regal verschwunden. Von den Bildern, die er über Monate gemalt hatte, hingen nur noch zwei schief an der Wand. Regina hielt seinen grauen Stoffhai in der Hand.
Milo machte einen Schritt auf sie zu. „Gib den zurück.“
Regina hob den Hai außer Reichweite. Als Milo danach griff, schlug sie ihm ins Gesicht. Er verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Teppich. Einen Augenblick lang sagte er nichts. Dann begann er zu weinen.
„Fass meinen Sohn nie wieder an!“
Ich ging zwischen die beiden, zog Milo zu mir und sah Regina an. Sie wirkte nicht einmal erschrocken. Sie strich sich den Ärmel glatt, als hätte mein Kind bloß etwas Unordentliches getan.
„Bianca, du übertreibst. Das Zimmer muss frei werden.“
„Für wen?“
„Das weiß Derek.“
Milo klammerte sich an mich. „Mama, Papa hat meine Sachen auch eingepackt.“
Ich sah zum Flur. Derek stand dort, eine halb volle Kiste an den Händen. Auf dem Karton hatte jemand mit Filzstift „Milo“ geschrieben. Mein Mann schaute kurz auf seinen Sohn, dann auf die Treppe. Er stellte die Kiste ab.
„Wir müssen reden“, sagte er.
„Dann rede.“
Hinter mir zog Milo geräuschvoll die Nase hoch. Ich spürte, wie sein kleiner Körper zitterte.
Derek fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich habe noch einen Sohn. Er wird hier einziehen.“
Ich wartete auf den Satz danach. Auf eine Erklärung, warum mein Mann mir ein Kind verschwiegen hatte. Oder wenigstens darauf, dass er sich zu Milo hinunterbeugte und fragte, ob alles in Ordnung sei.
Nichts davon kam.
„Seit wann weißt du das?“, fragte ich.
„Darüber können wir später sprechen.“
„Du hast gerade das Zimmer unseres Sohnes ausgeräumt. Wir sprechen jetzt.“
Regina stellte den Stoffhai auf den Karton. „Mach nicht alles schlimmer, als es ist. Der andere Junge gehört genauso zur Familie.“
„Und Milo?“, fragte ich.
„Er kann vorübergehend woanders schlafen.“
Milo hörte jedes Wort. Er löste eine Hand von meinem Pullover und zeigte auf die kahle Stelle über seinem Bett. „Papa hat gesagt, meine Bilder passen nicht mehr.“
Derek sah weg.
Wir wohnten im oberen Stockwerk des Hauses meines Vaters in Hamburg-Blankenese. Alessandro hatte uns die Räume überlassen, als Milo noch klein war. Derek hatte hier seine Schuhe im Flur stehen, seinen Platz am Esstisch und einen Schlüssel für die Haustür. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass er irgendwann so tun könnte, als ließe sich unser Kind aus diesem Zuhause wegpacken.
„Du hättest mit mir reden müssen“, sagte ich leise.
„Du hättest Nein gesagt.“
„Natürlich hätte ich Nein gesagt. Nicht zu deinem anderen Sohn. Dazu, Milo wie ein Möbelstück auszutauschen.“
Regina verschränkte die Arme. „Blut ist Blut.“
Da ging unten die Haustür auf.
Ich erkannte die Schritte meines Vaters, noch bevor er am oberen Treppenabsatz erschien. Alessandro blieb stehen und sah erst die Kisten, dann die leeren Wände und schließlich Milo an. Die rote Stelle an seiner Wange war noch sichtbar.
„Wer hat ihm wehgetan?“, fragte er.
Regina antwortete nicht. Derek öffnete den Mund, aber Milo kam ihm zuvor.
„Opa, sie hat meinen Hai genommen. Und Papa hat meine Sachen eingepackt.“
Mein Vater ging in die Hocke. „Zeig mir den Hai.“
Regina deutete auf den Karton. Alessandro nahm das Stofftier herunter. Er klopfte ein paar Staubfussel ab und legte es Milo in die Arme. Mein Sohn presste es sofort an seine Brust.
Erst dann richtete mein Vater sich auf.
Derek versuchte ein Lächeln. „Alessandro, ich wollte das alles in Ruhe erklären. Es geht um meinen anderen Jungen.“
„Ich habe gehört, worum es geht“, sagte mein Vater.
„Er ist mein Sohn“, erwiderte Derek. „Auch er hat ein Recht auf seine Familie.“
Regina trat neben ihn. „Eben. Blut ist Blut.“
Alessandro sah sie an. „Genau.“
Er hob zwei Finger in Richtung Treppe. Zwei Männer vom Sicherheitsdienst, die unten gewartet hatten, kamen herauf. Mein Vater zeigte auf Dereks Reisetasche und die Jacken, die neben der Tür hingen.
„Die Sachen meines Schwiegersohns bitte nach unten.“
Der erste Mann nahm die Tasche. Der zweite griff nach den Jacken. Derek machte einen Schritt vor, blieb aber stehen, als mein Vater ihn ansah.
„Was soll das denn werden?“, fuhr Regina ihn an.
Alessandro zog Milo näher an sich. Der graue Hai ragte zwischen ihnen hervor.
„Ich schaffe Platz“, sagte er.
Regina lachte kurz und ungläubig. „Für wen denn?“
Mein Vater blickte Derek direkt ins Gesicht.
„Für die Familie, die meine Tochter nicht verraten hat.“








