Klaus Bender wohnte inzwischen in einem Reihenhaus am Stadtrand. Als Mara ihn anrief, wollte er zunächst nur schriftlich antworten. Dann erfuhr er, dass die Bergmann-Uhr bei einem Auktionshaus gesichert worden war. Er schlug selbst einen Termin für den folgenden Mittwoch vor. Katrin und Mara fuhren zu ihm. Ich war nicht dabei; ich hatte weder eine rechtliche Funktion noch das Recht, jeden Beteiligten mit Fragen zu bedrängen.
Stattdessen saß ich mit Oliver über dem alten Ablaufplan. Er zeigte mir, wie der Bestand 2020 geführt worden war. Im elektronischen System hatte die Uhr nach der externen Vorführung wieder als „im Haus“ gegolten. Ein Haken hatte genügt, damit sie in die Verkaufsliste zurückkehrte. Erst beim nächsten physischen Abgleich war ihr Fehlen aufgefallen.
„Warum hat damals niemand die Übergabe mit zwei Personen geprüft?“, fragte ich.
„Weil manche Regeln mit jedem besonderen Kunden ein bisschen unwichtiger wurden“, sagte Oliver.
„Einmal eine Ausnahme, dann noch eine. Irgendwann hält man die Ausnahme für normalen Service.“
Er war erst 2021 als Manager gekommen, aber das Erbe seiner Vorgänger spürte er im Alltag. Auf meinem Schreibtisch lagen inzwischen mehrere neue Annahmeformulare. Wir hatten begonnen, bei jeder Uhr die Seriennummer direkt im Beisein des Kunden festzuhalten, auch bei kleinen Kontrollen. Ich war dafür verantwortlich, den Entwurf mit David in der Werkstatt zu testen.
Am späten Nachmittag kehrten Katrin und Mara zurück. Katrin sah müde aus. Sie setzte sich, nahm ein Glas Wasser und erzählte uns, Klaus habe einen Teil seiner früheren Darstellung zurückgenommen. Er habe Richard Falk 2020 die Uhr und das Originalzertifikat persönlich für eine externe Besichtigung ausgehändigt. Richard habe am Abend telefonisch gesagt, er werde sich entscheiden. Die Uhr sei angeblich bereits wieder bei der Boutique abgegeben worden.
„Klaus hat sie aber nicht selbst zurückgenommen“, sagte Mara.
„Und er weiß bis heute nicht, wer das getan haben soll.“
Am nächsten Morgen habe Klaus den Bestand trotzdem als vollständig markiert. Als die Uhr später fehlte, habe er die Erklärung bevorzugt, dass Hanna beim Rückbuchen unaufmerksam gewesen sei. Er konnte keine Übergabe nennen und keinen Beleg mit ihrer Unterschrift vorlegen. Das habe er nun in einer von Mara angefertigten Gesprächsnotiz bestätigt und nach eigener Durchsicht unterschrieben.
„Warum hat er sie damals beschuldigt?“, fragte ich.
Katrin strich sich über die Stirn.
„Er sagte, er habe Angst gehabt. Vor dem Schaden, vor meinem Vater, vor dem Verlust von Herrn Falk als Kunden. Er habe sich eingeredet, es müsse im Haus ein Fehler passiert sein.“
Ich wartete auf einen Satz, der das Verhalten kleiner machte. Er kam nicht. Katrin sagte vielmehr, sie werde die Personalakte erneut prüfen lassen und Hanna ein förmliches Schreiben anbieten. Mara erinnerte daran, dass ein solches Schreiben nicht von Hannas Mitwirkung an unserer aktuellen Auseinandersetzung abhängig gemacht werden dürfe.
Am folgenden Tag meldete sich Richards Anwältin erneut. Diesmal wollte sie wissen, auf welcher Grundlage wir ein Auktionshaus kontaktiert hatten. Mara antwortete nur im rechtlich notwendigen Umfang. Wir hätten eine konkrete Eigentumsbehauptung aus einem dokumentierten Kommissionsgeschäft geprüft. Mehr teilte sie nicht mit. Die Drohung, uns wegen Rufschädigung zu belangen, folgte wenige Stunden später.
Ich fragte Katrin, ob wir die Sache nicht einem Gericht überlassen sollten. Sie deutete auf die zwei Briefstapel vor ihr: links die frühere Personalakte, rechts Judiths Vertrag.
„Das hätte man 2020 schon tun müssen, statt für alle schnell eine bequemere Erklärung zu erfinden. Wir können jetzt nicht wieder sagen, die Vergangenheit gehe uns nichts an.“
Noch am selben Abend fand ich bei den archivierten Bestandslisten eine scheinbar unbedeutende Notiz. Die Aufstellung war im Zuge der Prüfung rechtmäßig für uns freigegeben worden. Neben BG-684713, Richards eigener Uhr, stand für das Jahr 2020 ein kurzer Vermerk:
„Kundenbesitz, nicht Bestandteil Kommission“.
Hanna hatte die Unterscheidung seinerzeit eingetragen, bevor die externe Vorführung stattfand.
Ich zeigte David den Eintrag.
„Damals gab es also schon zwei fast gleiche Uhren.“
„Und zwei verschiedene Wege, wie sie ins Haus kamen“, ergänzte er.
„Die eine hat Richard bezahlt. Die andere war von Judith nur zur Vermittlung da. Wer diese Wege durcheinanderbringt, macht aus einer Lagerfrage eine Eigentumsfrage.“
Er nahm einen Bleistift und schrieb beide Nummern nebeneinander. Das war einfacher als jede komplizierte Theorie über ein ausgetauschtes Uhrwerk.
„Ja. Und wenn Richard später eine davon zurückgegeben hätte, hätte man anhand der Nummer feststellen müssen, welche.“
Das erklärte auch, warum ich 2026 eine technisch einwandfreie Uhr in der Hand gehalten hatte. Sie war nicht zwingend gefälscht oder aufwendig umgebaut worden. Sie gehörte einfach zu einer anderen Nummer. Ob Richard den Unterschied bewusst genutzt hatte, war immer noch eine Frage seiner Absicht. Aber sein Wissen über beide Stücke wurde nun relevant.
Mara beantragte über die beteiligten Rechtsvertretungen eine gemeinsame Besichtigung des im Auktionshaus verwahrten Stücks. Judith erklärte sich mit einem fachlichen Abgleich einverstanden. Die Auktion blieb ausgesetzt; es gab keinen Grund, die Uhr dafür in unsere Boutique zu bringen. Ein unabhängiger Sachverständiger sollte die Nummern und die gravierte Schließe dokumentieren.
Als Richard davon erfuhr, rief er Katrin persönlich an. Sie stellte das Gespräch auf laut, nachdem sie ihn darüber informiert und seine Zustimmung erhalten hatte. Ich saß mit Oliver im Raum und hörte nur zu.
„Sie machen aus einer kleinen Verwechslung einen Feldzug gegen mich“, sagte Richard.
„Es gibt Fragen zu einer Kommissionsuhr“, erwiderte Katrin. „Wir versuchen, sie zu klären.“
„Sie wissen nicht, was die Uhr damals wert war.“
„Doch. Der Wert steht im Vertrag.“
Eine Pause folgte. Dann sagte er:
„Sie werden Ihrem Vater erklären müssen, warum Sie einen seiner ältesten Kunden verlieren.“
Katrin sah auf die alte Akte und antwortete ruhig:
„Diese Entscheidung muss mein Vater nicht mehr für mich treffen.“
Richard beendete das Gespräch. Niemand sprach sofort. Oliver setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz. Katrin schrieb die Gesprächsnotiz selbst. Ich verstand in diesem Moment, dass der alte Vorfall nicht nur deshalb möglich gewesen war, weil Richard viel Einfluss hatte. Er war auch deshalb möglich gewesen, weil andere Menschen ihren eigenen Einfluss nicht eingesetzt hatten.
Die Besichtigung wurde für Montag angesetzt. Noch am Freitag kam der erste Bericht des Auktionshauses: Die Uhr war seit ihrer Einlieferung ununterbrochen in dessen gesichertem Bestand geblieben. Niemand hatte sie ausgetauscht. Auf dem Einlieferungsformular stand Richards vollständiger Name, und er hatte unterschrieben, dass er zur Verfügung über das Stück berechtigt sei. Jetzt musste er erklären, wie er zu dieser Erklärung gekommen war.













