Die Gravur lautete nicht einfach „Judith“. Es waren die Worte „Für J., jeden Tag.“ und dahinter das Datum ihres Hochzeitstags. Judith Seidel erzählte uns das in einer Videokonferenz am nächsten Morgen. Sie hatte lange gezögert, die Verbindung einzuschalten. Als ihr Gesicht auf dem Bildschirm erschien, sah ich eine Frau mit hellen, fast weißen Haaren und sehr wachen Augen.
„Mein Mann hat nie viele Worte gemacht“, sagte sie.
„Deshalb habe ich mir ausgerechnet diese gemerkt.“
Auf unsere Bitte beschrieb sie auch den Kratzer an der Bandöse. Er war entstanden, als ihr Mann die Uhr einmal an der Gartenmauer abgestreift hatte. Hanna hatte ihn damals fotografiert. Das Bild lag in der Akte und wurde nicht nachträglich verändert. Mara erklärte Judith, dass wir zunächst nur einen Zusammenhang zwischen einer alten fehlenden Uhr und Richards neuem Zertifikat festgestellt hatten. Alles Weitere müsse geprüft werden.
Judith nickte. „Ich brauche keinen, der mir noch eine Geschichte erzählt. Ich habe davon genug gehört.“
Nach dem Gespräch verteilte Mara die Aufgaben. Sie selbst wollte die rechtlichen Ansprüche aus dem alten Vertrag prüfen. Katrin sollte die Buchhaltung und sämtliche damaligen Zahlungen offenlegen. Oliver musste den Zugriff auf das Archiv dokumentieren. Ich durfte mit David die öffentlich zugänglichen Informationen zum Modell zusammenstellen. Keine privaten Kundendaten, keine heimlichen Nachfragen bei Kollegen anderer Firmen.
Dabei stießen wir auf eine geplante Herbstauktion in Hamburg. Das Haus Nord & Klint bot mehrere hochwertige Armbanduhren an, darunter eine Bergmann aus derselben kleinen Serie. Im Katalog wurde die Seriennummer nicht vollständig genannt. Das Auktionshaus zeigte aber sechs Fotografien, darunter eine Aufnahme der Schließe. Ich vergrößerte das Bild auf dem Werkstattmonitor. Ich fand den Eintrag nicht über eine geheime Datenbank, sondern über die Modellbezeichnung und das Baujahr, die im Katalog offen standen. Es gab noch drei andere Lose aus derselben Serie. Zwei schieden anhand der Zifferblätter aus, das dritte wegen des Bandes. Erst dann blieb dieses Angebot übrig. Die Ähnlichkeit hätte Zufall sein können; deshalb notierte ich die Katalognummer und den Zeitpunkt des Abrufs, statt sofort Richard zu beschuldigen.
„Da“, sagte David. „Siehst du den Einschnitt links?“
Die Bandöse wies eine feine Kerbe auf. An sich war das kein eindeutiger Nachweis. Solche Spuren konnten bei vielen Uhren entstehen. Dann wechselte ich zum nächsten Bild. Auf der Innenseite des Bandes waren die ersten Worte einer Gravur zu erkennen:
„Für J., jeden …“ Der Rest verschwand unter dem Bildrand.
David rückte den Stuhl näher. „Das reicht für eine ernsthafte Anfrage. Nicht für ein Urteil.“
Ich machte einen Ausdruck der öffentlich zugänglichen Katalogseite und legte ihn neben Hannas Aufnahme von 2020. Die Gravur befand sich an derselben Stelle. Auch die Kerbe passte. Mara setzte sich mit Nord & Klint in Verbindung und informierte das Haus über den dokumentierten Eigentumsstreit. Sie bat darum, den Zuschlag für dieses Los bis zur Klärung auszusetzen und die Uhr nicht weiterzugeben.
Der erste Rückruf kam von einem Mitarbeiter, der freundlich, aber bestimmt erklärte, dass man zu Einlieferern keine Auskunft geben könne. Mara verlangte keine Namen. Sie übermittelte den damaligen Kommissionsvertrag, die Fotos und den schriftlichen Einwand von Judith Seidel. Danach bat sie um eine Antwort der Rechtsabteilung.
Richard meldete sich derweil erneut. Seine Anwältin hatte Katrin einen Brief geschickt und eine sechsstellige Entschädigung in Aussicht gestellt, wenn die Boutique nicht unverzüglich bestätige, dass beim jüngsten Termin die falsche Uhr zurückgegeben worden sei. In einem beigefügten Entwurf stand bereits der Satz, den wir angeblich unterschreiben sollten: „Das Unternehmen erkennt den Austausch der Uhr BG-684731 gegen BG-684713 während der Prüfung an.“
Katrin rief uns alle ins Büro.
„Wenn ich das unterschreibe, steht nicht nur ein Satz über gestern in der Welt. Ich bestätige, dass die andere Uhr überhaupt bei uns war.“
„Genau“, sagte Mara.
„Und das können wir nicht bestätigen.“
Oliver betrachtete den Brief.
„Sie bieten also keinen Vergleich an. Sie wollen eine Tatsachenbehauptung kaufen.“
Katrin legte den Entwurf zurück in den Umschlag.
„Dann bekommen sie eine Absage.“
Es war die erste eindeutige Entscheidung, die ich seit Beginn der Sache von ihr hörte. Sie war Geschäftsführerin eines Unternehmens, das gerade wirtschaftlich schwierige Monate hinter sich hatte. Richard kannte Zulieferer, vermittelte Kunden und veranstaltete Einladungen, bei denen unsere Marke sichtbar war. Ihn öffentlich gegen sich aufzubringen, war nicht ohne Risiko.
Gegen Abend erhielten wir Nachricht vom Auktionshaus. Nord & Klint hatte das Los vorsorglich aus dem kommenden Verkauf genommen. Die Gravur stimmte nach der internen Prüfung mit Judiths Angaben überein. Zur vollständigen Nummer werde man sich erst im Rahmen eines geregelten Verfahrens äußern. Die Uhr bleibe zunächst im gesicherten Bestand des Hauses.
Judith weinte nicht, als Mara ihr das mitteilte. Sie saß lange still vor dem Bildschirm. Dann fragte sie, ob man schon wisse, wem das Stück gehöre.
„Das Eigentum ist genau der Streitpunkt“, erklärte Mara.
„Wir haben Ihren Vertrag. Aber wir brauchen die Unterlagen über die Weitergabe.“
„Und wenn dieser Herr Falk behauptet, er habe sie gekauft?“
„Dann muss geprüft werden, auf welcher Grundlage.“
Judith sah weg, als wolle sie an einer Stelle des Zimmers nachdenken, die wir nicht sehen konnten.
„Ich habe die Uhr hergegeben, weil das Haus undicht war. Nicht weil ich ein Andenken loswerden wollte. Ich dachte, ich treffe eine vernünftige Entscheidung.“
Am selben Abend bekam ich eine Nachricht von Hanna. Sie fragte nicht nach Richard. Sie fragte, ob Judith endlich eine ordentliche Erklärung bekommen habe. Ich antwortete, dass wir dran seien und dass die Auktion gestoppt worden sei. Hanna schickte nur zwei Worte zurück: „Gut so.“
Eine Stunde später meldete sich die Rechtsabteilung von Nord & Klint erneut bei Mara. Nach Prüfung der internen Unterlagen könne sie eines bereits schriftlich bestätigen: Der Mann, der die Uhr zur Auktion eingeliefert hatte, sei derselbe Mann, dessen Name auf unserer alten Vorführfreigabe stand. Seine Identität dürfe für die weitere Rechtsprüfung offengelegt werden, da er selbst Partei des Vorgangs war und die Angaben in der Auseinandersetzung verwendet werden sollten.
Richard Falk hatte die Uhr eingeliefert. Diesmal ging es nicht mehr nur um einen Zahlendreher auf einem Zertifikat. Wir mussten verstehen, wie eine Uhr aus Judith Seidels Kommissionsauftrag sechs Jahre später unter Richards Namen in einem Auktionshaus landen konnte.













