Am nächsten Morgen war die Boutique noch geschlossen, als unsere Geschäftsführerin eintraf. Katrin Albrecht trug keinen Mantel, obwohl es draußen regnete. Sie kam direkt aus der Tiefgarage, stellte eine Papiertüte mit zwei Brötchen auf den Besprechungstisch und fragte, ob jemand bereits mit Richard Falk gesprochen habe.
„Niemand seit gestern“, sagte Oliver.
„Gut. Dabei bleibt es vorerst. Wir beantworten seine Beschwerde schriftlich und sachlich.“
Sie las den Vorfallbericht, betrachtete unsere Fotos und blieb bei der E-Mail stehen. Ihr Blick war schwer zu deuten. Katrin hatte die Boutique nach dem Rückzug ihres Vaters übernommen. Sie wusste viel über Zahlen und Einkaufspreise, aber über die Geschichten hinter den Uhren sprach sie selten.
„Herr Falk behauptet also, er habe eine andere Nummer abgegeben“, sagte sie.
„Was können wir dagegenhalten?“
„Nur den Zustand bei der Rückgabe“, antwortete ich.
„Die Eingangsfotografie reicht für die Seriennummer nicht aus.“
„Danke, Emilia. Genau diese Grenze muss in jede Stellungnahme.“
Ich war auf eine Zurechtweisung vorbereitet gewesen. Stattdessen bat Katrin Oliver um die historische Akte. Er öffnete den archivierten Kommissionsvorgang, nun mit ihrer Freigabe. Neben der Uhrnummer BG-684731 standen die Angaben der damaligen Eigentümerin: Judith Seidel aus Lüneburg. Den Versicherungswert hatte ein externer Gutachter mit 86.000 Euro angesetzt.
Judith hatte die Uhr nicht verkauft. Sie hatte sie unserer Boutique zur Vermittlung übergeben. Im Vertrag stand ausdrücklich, dass sie bis zur vollständigen Bezahlung Eigentümerin bleiben sollte. Damit war der Unterschied zwischen einem Ankauf und einem Kommissionsgeschäft schriftlich festgelegt.
„Warum steht dann hier strittiger Verbleib?“, fragte ich.
Katrin öffnete den nächsten Anhang. Es war ein interner Abschlussvermerk, unterschrieben vom früheren Filialleiter Klaus Bender. In knapp zwölf Zeilen stand, dass die Uhr nach einer privaten Vorführung nicht mehr eindeutig zugeordnet werden konnte. Eine Haftungsregelung mit Judith Seidel sei getroffen worden. Der Vorgang sei abgeschlossen. Die Formulierung wirkte auf mich so glatt, dass ich erst beim zweiten Lesen bemerkte, was darin fehlte: kein Empfänger, kein Rückgabeort, kein Datum einer persönlichen Kontrolle. Es war ein Abschluss ohne nachvollziehbaren letzten Schritt.
„Abgeschlossen für wen?“, fragte ich.
Katrin sah auf. „Das müssen wir herausfinden.“
Wir durften die Akte nicht einfach mit privaten Unterlagen durchsuchen und Menschen anrufen, deren Daten noch darin standen. Katrin beauftragte deshalb unsere externe Rechtsberaterin, Dr. Mara Stein, zunächst den alten Vorgang und die Aufbewahrung der Dokumente zu prüfen. Ich sollte bei der Rekonstruktion der internen Abläufe helfen, nicht bei einer privaten Ermittlung.
Während Mara telefonisch zugeschaltet wurde, ging ich mit David in die Werkstatt. Er war seit 2022 bei uns und kannte Hanna nur aus Erzählungen. Ich fragte, ob bei der damaligen Bergmann-Serie ein Austauschgehäuse mit anderer Seriennummer möglich gewesen wäre.
„Technisch kann man vieles tauschen“, sagte er und zeigte mir einen Ersatzboden aus seiner Schublade.
„Aber eine seriöse Manufaktur dokumentiert den Austausch. Ein Zertifikat wird dadurch nicht heimlich auf eine andere Uhr übertragen. Hast du den Gang geprüft?“
„Du hast gestern die Messung gemacht.“
„Eben. Die Uhr lief gut. Ich habe nur nicht die Eigentumsgeschichte geprüft. Das war auch nicht der Auftrag.“
An der Wand hing noch die alte Holztafel mit den Prüfwerkzeugen. Hanna hatte sie geordnet. Die Lupe für die Annahme hing ganz links, obwohl längst niemand mehr wusste, warum. Sie hatte immer gesagt, erst die Nummer lesen, dann das Versprechen geben. Ich hatte gestern gegen ihre Regel verstoßen und den Fehler erst bei der Ausgabe bemerkt.
Gegen Mittag kam Mara Stein persönlich. Sie sprach leise und stellte viele Fragen. Nicht nur nach Richard, sondern auch danach, wer die Uhr wie lange in den Händen gehalten hatte. Wir zeichneten jeden Schritt auf ein Blatt: Annahme durch mich, Gangkontrolle durch David, Rückgabeversuch, Nummernvergleich, Rückgabe an Richard. Unter jedem Punkt stand, welche Unterlage ihn belegte.
Bei der historischen Akte fehlten solche Übergänge. Es gab einen Einlieferungsbeleg von Judith Seidel und ein Formular für eine externe Besichtigung. Dazwischen lag ein freier Nachmittag. Das Rücknahmefeld des Besichtigungsformulars war nur mit einem Haken versehen. Eine lesbare Unterschrift fehlte.
„Eine fehlende Unterschrift beweist nicht, dass eine Uhr verschwunden ist“, sagte Mara.
„Aber wenn hier jemand einen Verlust einer Mitarbeiterin zugeschrieben hat, ohne die Übergabe zu klären, wird es ernst.“
Katrin verschränkte die Arme. „Hanna hat damals eine Abmahnung erhalten. Danach hat sie selbst gekündigt.“
„Hat sie gekündigt, weil sie schuldig war?“, fragte ich.
Katrin antwortete nicht. Ich hatte die Frage absichtlich so gestellt. Früher hätte ich mich nicht getraut.
Aus einem verschlossenen Archivkarton brachte Oliver schließlich die Papierunterlagen. Es waren vier Mappen, ordentlich mit Jahreszahlen beschriftet. In einer lag ein ausgedruckter E-Mail-Verlauf. Hanna hatte am Abend der externen Vorführung gemeldet, dass die Rückgabe der Uhr nicht von zwei Mitarbeitenden kontrolliert worden sei. Sie bat darum, den Vorgang bis zum Abgleich der Seriennummern offen zu lassen.
Klaus Bender antwortete am selben Tag: „Herr Falk ist ein geschätzter Kunde. Keine unnötigen Verzögerungen.“ Darunter stand seine Anweisung, die Ware wieder als verfügbar einzutragen.
Doch in einem späteren Bestandsprotokoll war BG-684731 nicht mehr aufgeführt. Genau dort begann die Lücke, wegen der Hanna zur Verantwortung gezogen worden war.
Mara ließ die Dokumente in der Reihenfolge auf dem Tisch liegen. Sie wollte nichts voreilig interpretieren. Die Geschäftsführung genehmigte ihr, zunächst Hanna und Judith über die bekannten Kontaktwege anzuschreiben und um ein Gespräch zu bitten. Es ging um einen alten Anspruch, um personenbezogene Unterlagen und möglicherweise um eine neue Beschwerde. Ohne saubere Zuständigkeiten würde jedes weitere Indiz angreifbar.
Als Katrin hinausging, blieb ich vor dem Drucker stehen. Ich erinnerte mich an einen Freitagnachmittag im Jahr 2020. Hanna war damals aus dem Büro gekommen, die Augen rot, und hatte ihre Schlüssel auf den Tresen gelegt. Ich hatte die Nachricht über ihre angebliche Unachtsamkeit geglaubt, obwohl ich selbst gesehen hatte, wie gewissenhaft sie arbeitete.
„Du hast damals noch in der Ausbildung gesteckt“, sagte Oliver. Er hatte bemerkt, wie lange ich auf den alten Vermerk starrte.
„Ich habe trotzdem geschwiegen.“
Er wollte etwas entgegnen, ließ es aber bleiben.
Spät am Nachmittag meldete sich Mara mit einer kurzen Nachricht. Hanna Vogt hatte einem Gespräch zugestimmt. Sie bat nur darum, nicht in die Boutique kommen zu müssen. Sie wolle uns an einem neutralen Ort sehen. Und sie schrieb einen Satz, der mich bis in die Nacht beschäftigte:
„Wenn Sie diesmal wirklich die Nummern vergleichen wollen, bringen Sie bitte auch den Beleg mit, auf dem mein Name fehlt.“













