Harald schüttelte vor dem Bankschalter den Kopf.
„Nein.
Diese Überweisung habe ich nicht genehmigt.“
Die Mitarbeiterin ließ den Auftrag nach den geltenden Bankverfahren stoppen und leitete die Prüfung der Zugriffsrechte ein.
Harald unterschrieb die erforderlichen Änderungen, diesmal erst nachdem er jedes Blatt gelesen hatte.
Die zweiundvierzigtausend Euro blieben auf dem Geschäftskonto.
Auf der Straße musste er stehen bleiben, um sich zu sammeln.
Zwanzig Jahre zuvor hatte er geglaubt, Unterschriften seien nur eine lästige Einzelheit seines Berufs.
Jetzt begriff er, dass jede unbedachte Vollmacht auch eine Entscheidung über andere Menschen sein konnte.
Seine Anwältin rief am Abend zurück.
Nach ihrer ersten Sichtung gab es konkrete Fragen zur Verwendung der früheren Ausbildungsrücklage, doch noch keinen abschließenden Beweis für eine Fälschung.
Die alten Belege und Giselas Erinnerungen sollten gesichert werden; für die aktuellen Zahlungen sei außerdem eine unabhängige Prüfung sinnvoll.
„Ich möchte wissen, was ich selbst versäumt habe“, sagte Harald.
„Nicht nur, was mein Sohn getan hat.“
„Dann bleiben Sie bei den nachprüfbaren Tatsachen“, antwortete sie.
„Und entscheiden Sie erst danach, wie Sie vorgehen.“
Am nächsten Morgen kam Ingrid Seidel in den Laden.
Sie trug Annas zusammengefaltete Räumungsaufforderung in einer Klarsichthülle.
Harald hatte sie darum gebeten, nachdem Anna zugestimmt hatte, dass das Schreiben als Beleg aufgehoben wurde.
„Ihr Sohn hat mir erklärt, ich müsse Anna noch am selben Tag vor die Tür setzen“, sagte Ingrid.
„Ich habe ihm widersprochen.
Es gab keinen Grund, ein krankes Kind und seine Mutter ohne Gespräch hinauszudrängen.“
Sie stellte klar, dass die Motelrechnung offen war, aber lediglich für eine Woche.
Anna hatte mehrfach angeboten, in kleinen Beträgen zu zahlen.
Als Viktor von ihrer Rückkehr nach Kassel erfahren hatte, hatte er plötzlich persönlich auf die sofortige Räumung gedrängt.
„Wie hat er davon erfahren?“, fragte Harald.
„Anna hat ihn selbst angerufen.
Sie wollte, dass er Ihnen sagt, dass sie wieder in der Stadt ist.
Er versprach, den Kontakt herzustellen.“
Harald schloss die Augen.
„Hat er das getan?“
„Nein.
Ein paar Tage später kam er ins Motel und sagte, sie solle verschwinden.
Am Morgen vor dem Krankenwagen war er wieder da.“
Harald dachte an das, was Leni im Schmuckgeschäft erzählt hatte.
Das Kind hatte nichts übertrieben.
Sein Sohn hatte versucht, die Vergangenheit zum Schweigen zu bringen, obwohl Anna längst den Mut gefunden hatte, nach Hause zurückzukehren.
Noch am selben Tag beglich Harald nach Rücksprache mit Anna die offene Rechnung.
Er verlangte weder den Ring noch eine Gegenleistung.
Er wollte nur verhindern, dass Leni erneut Angst vor einer verschlossenen Tür haben musste.
Anna bekam inzwischen wieder besser Luft.
Sie durfte kurze Strecken gehen, sollte aber noch unter ärztlicher Betreuung bleiben.
Harald besuchte sie mit dem Beleg über die bezahlte Unterkunft, legte ihn auf den Nachttisch und sagte nichts, bis Anna selbst danach griff.
„Ich möchte nicht, dass du mich durch Geld zurückkaufst“, sagte sie.
„Das kann ich nicht.
Und ich will es nicht versuchen.“
Sie sah ihn aufmerksam an.
„Warum hast du damals nicht selbst gesucht?“
Harald hatte sich diese Frage in den letzten Nächten wieder und wieder gestellt.
Die Antwort war hässlicher als jede Geschichte, die er seinem Sohn zugeschrieben hatte.
„Ich habe zuerst gesucht“, sagte er.
„Ich war bei der Polizei, habe Bekannte angerufen und nachgefragt, wo du unterkommen könntest.
Als Viktor sagte, er habe dich gefunden und du wolltest mich nicht sehen, habe ich mich an diese Auskunft geklammert.“
Anna schluckte.
„Weil du mir böse warst?“
„Auch.
Ich war verletzt und zu stolz, noch einmal selbst zu fragen.
Es war einfacher, deine Entscheidung zu akzeptieren, als vielleicht zu hören, dass du mich tatsächlich nicht mehr wolltest.“
Zum ersten Mal weinte Anna nicht, als sie den Kopf senkte.
Sie blieb still.
Harald ließ ihr diese Stille, statt sie mit einer Entschuldigung zuzudecken.
Am Nachmittag meldete Jonas, Viktor stehe im Geschäft.
Er habe den Schlüssel benutzt, den er seit Jahren für organisatorische Aufgaben besitze, und nach einem alten Ordner gefragt.
Harald fuhr sofort hin.
Viktor wartete hinter dem Tresen.
Vor ihm lag der Ordner mit Annas Ausbildungsunterlagen, aber Jonas hatte die Originale bereits im verschlossenen Schrank gesichert.
„Du vertraust einem Angestellten mehr als deinem eigenen Sohn?“, fragte Viktor.
„In dieser Sache vertraue ich Dokumenten und Menschen, die bereit sind, Fragen zu beantworten.“
„Ich habe den Laden zwanzig Jahre am Laufen gehalten.“
„Und deshalb darfst du nehmen, was du möchtest?“
Viktor verzog das Gesicht.
„Ich habe damals Geld für ein Projekt gebraucht.
Der Kredit wäre sonst geplatzt.
Ich wollte alles zurückzahlen, bevor es jemand merkt.“
Harald antwortete nicht.
„Anna hat die Unterlagen gesehen“, fuhr Viktor fort.
„Ich hatte Angst, sie würde zu dir gehen.
Sie war sowieso dabei, nach Frankfurt zu ziehen.“
„Also hast du behauptet, sie hätte mich bestohlen.“
Viktor starrte auf die Vitrine.
„Ich habe den Brief geschrieben“, sagte er schließlich.
„Den, den sie von dir bekommen sollte.
Ich habe auch die Briefe abgefangen, die sie später an den Laden geschickt hat.“
Harald musste sich setzen.
Er hatte auf dieses Geständnis gewartet und wünschte plötzlich, er hätte es nie hören müssen.
„Und jetzt?“, fragte Viktor.
„Willst du mich vor allen Leuten vernichten?“
„Es geht nicht darum, dich zu vernichten.
Es geht darum, dass du Anna und Leni noch immer schadest.“
Viktor holte tief Luft.
„Meine Firma steckt wieder in Schwierigkeiten.
Ich dachte, ich könnte das Geld nur für ein paar Wochen verschieben.“
„Du hast nichts gelernt“, sagte Harald leise.
Er bat Jonas, die Tür für die Kundschaft geschlossen zu halten, und erklärte Viktor, dass dieser bis zur Klärung keinen Zutritt mehr zu den Geschäftsunterlagen und keine Aufgabe in der Buchhaltung haben werde.
Über rechtliche Schritte werde Harald nach Beratung entscheiden, nicht im Zorn vor dem Tresen.
Als Viktor ging, blieb die Glocke über der Tür lange in Bewegung.
Harald sah ihr nach und spürte keinen Triumph.
Er hatte einen Sohn, der ihm eine Wahrheit gestanden hatte, und eine Tochter, der er diese Wahrheit viel zu spät schuldete.
Am Abend rief Anna an.
Ihre Entlassung war für den nächsten Tag vorgesehen, sofern die Ärztin zustimmte.
„Papa“, sagte sie, „ich muss dich etwas fragen, bevor Leni und ich wieder zu dir kommen.“
„Frag mich alles.“
„Wirst du Viktor wieder schützen, weil er dein Sohn ist, oder wirst du diesmal auch zu mir stehen, wenn es schwierig wird?“
Harald wusste, dass eine schöne Antwort nicht mehr genügen würde.
Lies weiter in Teil 6, um zu erfahren, ob Harald dieses Versprechen auch gegen den Widerstand seines Sohnes halten würde.













