In der Nacht schlief Harald kaum.
Er saß in seiner Küche, obwohl er nach dem Besuch im Krankenhaus längst hätte ins Bett gehen können.
Auf dem Tisch lag der Ring in einem kleinen Samtbeutel, den Jonas aus dem Geschäft geholt hatte.
Harald hatte Leni erklärt, dass der Ring weiterhin ihrer Mutter gehörte.
Die fünfhundert Euro seien keine Bezahlung gewesen, sondern Hilfe.
Leni hatte den Schein Ingrid zur Aufbewahrung gegeben und danach zum ersten Mal etwas gegessen.
Am nächsten Morgen sagte die Ärztin, Annas Kreislauf habe sich stabilisiert.
Sie müsse aber noch mehrere Tage bleiben und dürfe sich nicht überanstrengen.
Harald spürte Erleichterung, gefolgt von der Scham darüber, wie wenig er von ihrem Leben wusste.
Im Besucherzimmer saß Leni mit einem Malblock.
Sie zeichnete ein Haus mit drei Fenstern und einer Tür, die sie besonders breit ausmalte.
„Warum ist die Tür so groß?“, fragte Harald.
„Damit Mama mit dem Rollkoffer durchpasst“, antwortete sie.
„Wir sind oft umgezogen.“
Er setzte sich neben sie.
„Wo habt ihr zuletzt gewohnt?“
„In Leipzig.
Mama hat in einer Tanzschule gearbeitet.
Manchmal durfte ich nach dem Unterricht im Spiegelraum spielen.“
Harald kannte den Traum seiner Tochter noch gut.
Anna hatte als Mädchen geübt, bis ihre Füße wehtaten, und trotzdem jedes Mal weitergetanzt, sobald Musik erklang.
Der Gedanke, dass sie diesen Teil ihres Lebens bewahrt hatte, tröstete ihn für einen Augenblick.
Als Leni mit Ingrid zur Cafeteria ging, bat Anna ihren Vater, die Tür zu schließen.
Sie wirkte blass, doch ihre Stimme war klarer als am Vortag.
„Du sollst mir nicht glauben, nur weil ich krank bin“, sagte sie.
„Ich möchte, dass du weißt, warum ich damals gegangen bin.“
Harald zog den Stuhl an ihr Bett.
„Ich höre zu.“
Anna erzählte von einem Sommer vor zwanzig Jahren.
Sie hatte einen Platz in einer Frankfurter Tanzausbildung in Aussicht gehabt.
Harald hatte dafür über Jahre Geld zurückgelegt, auf einem gesonderten Konto, das Viktor in der Buchhaltung verwaltete.
Kurz bevor die erste Zahlung an die Schule erfolgen sollte, war das Geld verschwunden.
In den Unterlagen, die Anna zufällig im Büro gesehen hatte, stand stattdessen eine Überweisung an eine Projektgesellschaft, die Viktor für seine ersten Immobiliengeschäfte nutzte.
„Ich habe ihn gefragt, was das bedeutet“, sagte Anna.
„Er hat behauptet, ich hätte die Zahlung selbst freigegeben.“
„Das konntest du doch gar nicht.“
„Ich durfte Unterlagen für meine Ausbildung abholen.
Die Kontovollmacht hattest du ihm gegeben, nicht mir.“
Harald erinnerte sich an seine Müdigkeit in jenem Jahr.
Sein Geschäft hatte eine teure Reparatur gebraucht, und er hatte sich immer häufiger auf Viktor verlassen.
Wenn sein Sohn Papiere vorlegte, unterschrieb Harald oft zwischen zwei Kundenterminen.
„Viktor sagte, du würdest glauben, ich hätte dich bestohlen“, fuhr Anna fort.
„Zwei Tage später brachte er einen Brief von dir.“
Sie bat ihren Vater, ihre Tasche zu öffnen.
Zwischen einer Strickjacke und Lenis kleinem Bilderbuch lag ein brauner Umschlag, dessen Ecken vom wiederholten Auf- und Zufalten weich geworden waren.
Harald nahm den Brief heraus.
Es waren sechs maschinengeschriebene Zeilen auf altem Geschäftspapier.
Darin stand, Anna habe das Vertrauen der Familie zerstört, solle Kassel verlassen und dürfe erst zurückkehren, wenn sie das Geld ersetzt habe.
Darunter stand in blauer Tinte sein Name.
„Ich habe das nie geschrieben“, sagte Harald.
Anna blickte auf seine Hände.
„Das wollte ich dir damals glauben.
Aber Viktor wusste Dinge, die nur wir beide wussten, und der Brief sah aus wie deine anderen Geschäftsbriefe.“
„Warum bist du nicht zu mir gekommen?“
„Ich stand am Abend vor dem Laden.
Viktor war noch da.
Er sagte, du hättest ihn gebeten, mich wegzuschicken, bevor du die Polizei rufst.“
Sie schluckte schwer.
„Ich war zweiundzwanzig.
Ich dachte, wenn du mich wirklich für eine Diebin hieltest, könnte ich dir nicht mehr in die Augen sehen.“
Harald wollte sagen, dass sie trotzdem hätte kommen müssen.
Doch er erinnerte sich daran, wie oft er in den Monaten danach nach Viktor statt nach Anna gefragt hatte.
Und wie bequem die Antwort gewesen war, seine Tochter habe sich entschieden.
„Später habe ich Briefe geschrieben“, sagte Anna.
„Aus Frankfurt, aus Leipzig.
Einige kamen mit dem Vermerk zurück, dass sie nicht angenommen worden seien.
Bei anderen bekam ich nie eine Antwort.“
„Viktor hat mir erzählt, du hättest jede Verbindung abgebrochen.“
Anna senkte den Blick.
„Dann hat er uns beiden dasselbe Schweigen verkauft.“
Am Nachmittag fuhr Harald ins Geschäft.
Er ließ Jonas den Laden betreuen und ging in den Keller, wo die alten Kassenbücher, Ordner und Rechnungen standen.
Seit Jahren hatte niemand die beschrifteten Kartons von damals geöffnet.
Auf einem Register las er: Ausbildung Anna, Rücklage, 2006.
Der Ordner war auffallend dünn.
Darin lagen ein Sparplan, zwei Überweisungsentwürfe und eine handschriftliche Notiz Viktors, dass die Auszahlung wegen eines angeblichen Streits mit Anna ausgesetzt worden sei.
Harald verglich die Beträge mit dem Auszug, den Anna ihm als Kopie gegeben hatte.
Die Summe stimmte überein: sechsunddreißigtausend Euro.
Das Geld war nie an die Tanzschule geflossen.
„Kann ich Ihnen etwas holen?“, fragte Jonas an der Kellertür.
„Eine Kopie von allem, was in diesem Ordner liegt.
Und bewahr die Originale hier verschlossen auf.“
Jonas zögerte.
„Herr Viktor hat gestern angerufen.
Er wollte wissen, ob Sie die alten Unterlagen herausgesucht haben.“
Harald hob den Kopf.
„Woher wusste er davon?“
„Er hat gefragt, ob Sie nach dem Krankenhaus noch im Laden waren.
Ich habe nichts bestätigt.“
Später kam ein Anruf von Viktor.
Harald nahm ihn an, ohne den Ordner aus der Hand zu legen.
„Du ruinierst unsere Familie wegen einer Geschichte von vor zwanzig Jahren“, sagte sein Sohn.
„Dann erklär mir, wohin Annas Geld gegangen ist.“
Viktor antwortete nicht sofort.
„Du hast die Anweisung unterschrieben, Vater.
Vergiss das nicht.“
Harald legte langsam auf.
Er nahm den zweiten Überweisungsentwurf aus dem Ordner und drehte ihn um.
Auf der Rückseite befand sich eine Durchschrift mit seiner Unterschrift, deren Datum ihm bisher entgangen war.
Die Schrift war unverkennbar seine eigene.
Aber unter dem Feld für den Zahlungsempfänger war ein anderer Firmenname eingesetzt worden.
Harald hatte geglaubt, ein Fremder habe seine Tochter um ihre Zukunft gebracht.
Nun musste er herausfinden, wie seine eigene Unterschrift dabei verwendet worden war.
Lies weiter in Teil 4, um zu erfahren, was Harald damals wirklich unterschrieben hatte.













