Harald legte das Schreiben so vorsichtig zurück, als könnte eine hastige Bewegung den Namen darauf verschwinden lassen.
Er nahm den Ring vom Tresen und steckte ihn in die Innentasche seines Mantels.
Dann sah er das Mädchen an.
„Wie heißt du?“
„Leni.“
„Leni, ich rufe jetzt einen Krankenwagen für deine Mutter.
Das ist wichtiger als alles andere.“
Sie presste den Fünfhundert-Euro-Schein, den der Angestellte ihr inzwischen gegeben hatte, zwischen ihre Hände.
„Aber der kostet doch Geld.“
„Um die Rechnung kümmern sich Erwachsene.
Du hast nichts falsch gemacht.“
Harald wählte die 112 und schilderte die Lage so genau, wie Leni sie beschreiben konnte: eine Frau, die kaum ansprechbar war, hohes Fieber hatte und seit dem Morgen nicht aufstehen konnte.
Der Mann am Telefon gab Anweisungen, die Harald an Leni weitergab, und schickte Hilfe zum Motel.
„Jonas, du fährst“, sagte Harald zu seinem Angestellten.
„Schließ vorher die Kasse ab.“
Jonas griff nach den Schlüsseln.
Er hatte seinen Chef noch nie so gesehen.
Nicht einmal damals, als ein Einbrecher die Vitrine eingeschlagen hatte, war Haralds Stimme derart brüchig gewesen.
Draußen biss die Januarkälte in ihre Gesichter.
Leni saß angeschnallt auf dem Rücksitz und hielt den Geldschein fest, obwohl sie dafür inzwischen keinen Grund mehr hatte.
Harald drehte sich mehrmals zu ihr um.
„Deine Mama heißt Anna, nicht wahr?“
Lenis Augen wurden groß.
„Woher wissen Sie das?“
Harald brachte zunächst keine Antwort hervor.
Zwischen dem Mädchen und seiner Erinnerung lagen zwei Jahrzehnte, in denen er jeden Geburtstag seiner Tochter still gezählt hatte.
„Ich glaube, ich habe sie früher gekannt“, sagte er schließlich.
Leni musterte ihn im Rückspiegel.
„Dann wissen Sie vielleicht, warum sie manchmal weint, wenn sie ihren Ring anschaut.“
Harald sah aus dem Fenster.
Er hatte selbst oft geweint, wenn er an den leeren Platz bei seinem Küchentisch dachte.
Aber er hatte niemandem davon erzählt.
Das Motel Ahornhof lag an einer Durchgangsstraße hinter einer Tankstelle.
Seine Leuchtreklame flackerte auch am hellen Vormittag.
Vor Zimmer zwölf stand bereits ein Rettungswagen.
Eine Frau mit kurz geschnittenen grauen Haaren kam ihnen entgegen.
„Sind Sie Angehörige?“, fragte sie.
„Ich bin Ingrid Seidel, ich kümmere mich hier um die Zimmer.“
„Wir sind wegen Anna gekommen“, antwortete Harald.
Ingrid blickte auf Leni und ließ sofort den Blick sinken.
„Das Kind hat heute Nacht bei mir geklopft, weil ihre Mutter so stark hustete.
Ich wollte den ärztlichen Bereitschaftsdienst rufen, aber Anna bestand darauf, bis zum Morgen zu warten.“
Harald ging an ihr vorbei.
In Zimmer zwölf roch es nach feuchter Wäsche und abgestandenem Tee.
Auf einem kleinen Tisch standen zwei leere Wasserflaschen, ein Fieberthermometer und eine Packung Taschentücher.
Eine Sanitäterin kniete neben dem Bett.
Die Frau darauf hatte eingefallene Wangen, dunkle Schatten unter den Augen und kurze, schweißnasse Haare.
Harald erkannte sie trotzdem.
Nicht an ihrem Gesicht allein.
An der schmalen Narbe über der linken Augenbraue, die Anna sich als Kind bei einem Sturz auf der Treppe zugezogen hatte.
An der Bewegung ihrer Hand, mit der sie selbst im Fieber die Bettdecke nach Leni ausstreckte.
„Anna“, flüsterte er.
Ihre Augen öffneten sich einen Spalt.
„Papa?“
Es war kaum mehr als ein Atemzug.
Doch dieses eine Wort erreichte ihn mit einer Wucht, auf die er zwanzig Jahre nicht vorbereitet gewesen war.
Die Sanitäterin bat ihn zurückzutreten.
Sie erklärte, dass Anna Sauerstoff brauche und zur weiteren Versorgung ins Krankenhaus müsse.
Harald machte Platz.
Leni stellte sich dicht an seine Seite.
„Du bist also mein Opa?“
Er kniete sich mühsam zu ihr hin.
„Ja“, sagte er.
„Wenn du mich so nennen möchtest.“
Sie umarmte ihn nicht.
Sie suchte erst im Gesicht der Sanitäterin nach einer Antwort darauf, ob ihre Mutter überleben würde.
Diese versprach nichts, erklärte aber ruhig, dass sie jetzt alles Nötige für Anna täten.
Als die Trage durch die Tür geschoben wurde, hielt ein dunkler Wagen vor dem Motel.
Viktor Weber stieg aus.
Er trug einen teuren Mantel und ging mit schnellen Schritten auf Zimmer zwölf zu.
„Was soll das hier?“, fragte er.
Harald stellte sich ihm in den Weg.
„Meine Tochter ist krank.
Wir lassen ihr helfen.“
Viktor blieb abrupt stehen.
Sein Blick wechselte von seinem Vater zu Leni, dann zur Trage.
„Du verstehst das nicht“, sagte er leiser.
„Diese Frau ist nicht zufällig hier.“
„Diese Frau heißt Anna.“
Viktor presste die Lippen zusammen.
„Sie hat damals Geld mitgenommen.
Wenn du ihr jetzt glaubst, geht das alles von vorn los.“
Harald hatte diesen Satz schon einmal gehört.
Vor zwanzig Jahren hatte Viktor ihm erklärt, Anna habe die Familie bestohlen und wolle nichts mehr mit ihnen zu tun haben.
Harald hatte ihn damals gedrängt, nach ihr zu suchen, und sich später mit dessen erfolglosen Berichten zufriedengegeben.
„Warum hast du ihr eine Räumungsaufforderung geschickt?“, fragte Harald.
Viktors Gesicht verhärtete sich.
„Das Motel gehört zu unserer Verwaltung.
Sie bezahlt ihre Wochenrechnung nicht.“
„Darüber sprechen wir später.
Heute wird hier niemand hinausgeworfen.“
Viktor streckte die Hand nach Annas Reisetasche aus, die neben der Tür stand.
„Die nehme ich mit.
Darin sind Unterlagen, die mir gehören.“
Ingrid Seidel trat aus dem Zimmer.
„Nein“, sagte sie.
„Das ist der Besitz meines Gastes.
Sie haben heute schon versucht, ohne Erlaubnis hineinzugehen.“
Viktor zog die Hand zurück.
Jonas nahm die Tasche an sich und legte sie hinter den Sitz seines Wagens.
Harald bemerkte, wie Leni bei jeder Bewegung seines Sohnes zusammenfuhr.
Im Krankenhaus durfte Leni zunächst bei Ingrid warten, die angeboten hatte, sie zu begleiten.
Harald unterschrieb nichts an Annas Stelle; er gab lediglich seine Kontaktdaten an und wartete, bis die Ärzte ihm Auskunft geben konnten.
Nach einer langen Untersuchung erklärte eine Ärztin, Anna habe wahrscheinlich eine schwere Lungenentzündung und sei deutlich ausgetrocknet.
Sie werde stationär behandelt und eng überwacht.
Eine vollständige Entwarnung könne sie noch nicht geben.
Erst am Nachmittag durfte Harald wenige Minuten zu seiner Tochter.
Anna war wach, aber so erschöpft, dass jedes Wort Mühe kostete.
„Ich wusste nicht, dass du hier bist“, sagte er.
„Ich schwöre es dir.“
Anna sah ihn lange an.
„Ich habe dir geschrieben.“
„Ich habe nie einen Brief bekommen.“
Sie schloss die Augen.
„Dann hat Viktor wieder gelogen.“
Harald griff nach der Bettkante.
„Wieder?“
Anna öffnete langsam die Augen.
„Er hat mir damals deine Antwort gebracht, Papa.
Darin stand, dass du mich nie wiedersehen willst.“
Harald fühlte die Kälte des Motels erneut in seinem Rücken.
Denn er hatte seiner Tochter niemals einen solchen Brief geschrieben.
Was tatsächlich zwischen Anna und Viktor geschehen war, begann sich erst jetzt abzuzeichnen.
Lies weiter in Teil 3, um zu erfahren, welche Worte Anna zwanzig Jahre lang von ihrem Vater ferngehalten hatten.













