Am folgenden Morgen legte Harald die Durchschrift unter die Schreibtischlampe seines Geschäfts.
Er hatte seinen Namen tausendfach geschrieben, doch noch nie hatte er gehofft, eine Unterschrift könnte nicht die seine sein.
Jonas stellte ihm eine Tasse Tee hin.
„Wenn Sie möchten, kann ich heute allein öffnen.“
„Nein“, antwortete Harald.
„Ich habe zu lange andere für mich entscheiden lassen.“
Er nahm sein altes Adressbuch und suchte eine Nummer, die er seit Jahren nicht mehr gewählt hatte.
Gisela Hartmann hatte früher die Bücher des Schmuckgeschäfts geführt, bevor sie in den Ruhestand gegangen war.
Sie hatte Viktor gekannt, als dieser noch abends in der Werkstatt seines Vaters mitgeholfen hatte.
Als Harald sie anrief, schwieg sie nach der Erwähnung von Annas Ausbildungsrücklage ungewöhnlich lange.
„Komm vorbei“, sagte Gisela schließlich.
„Ich hätte dir schon damals etwas sagen sollen.“
Sie wohnte inzwischen in einer kleinen Wohnung nahe der Fulda.
Auf dem Tisch standen ein Teller Kekse und ein verbeultes Blechkästchen mit alten Notizheften.
Gisela sah Harald erst in die Augen, bevor sie das Kästchen öffnete.
„Ich habe nicht alles behalten“, sagte sie.
„Aber bei Geld, das für ein Kind gedacht war, habe ich mir immer zusätzliche Notizen gemacht.“
Sie zeigte ihm den Eintrag vom betreffenden Sommer.
Das Geld war zunächst für die Ausbildung von Anna vorgesehen gewesen.
Daneben hatte Gisela die Nummer eines Überweisungsformulars notiert, auf dem der Empfänger bei der Vorbereitung noch nicht eingetragen gewesen war.
„Viktor sagte, du würdest die Schule selbst eintragen“, erklärte sie.
„Ich habe ihm geglaubt, weil er deine Vollmacht für die laufende Buchhaltung hatte.“
Harald legte die Durchschrift daneben.
Die Formularnummer stimmte überein.
Gisela betrachtete die unterschiedliche Schrift im Feld des Zahlungsempfängers.
„Ich kann nicht beweisen, wann das geändert wurde“, sagte sie.
„Aber ich erinnere mich, dass ich ihn fragte, warum aus einer Tanzschule plötzlich eine Immobilienfirma geworden war.“
„Was hat er geantwortet?“
„Du hättest dich anders entschieden.
Und als ich dich sprechen wollte, behauptete er, Anna habe dir alles erklärt.“
Harald fühlte, wie ihm die Worte wehtaten.
Nicht nur, weil Viktor möglicherweise gelogen hatte.
Sondern weil niemand eine ehrliche Antwort von Harald verlangt hatte und Harald selbst irgendwann aufgehört hatte, Fragen zu stellen.
„Ich hätte zu dir kommen müssen“, sagte Gisela.
„Ja“, entgegnete er.
„Und ich hätte die Unterlagen lesen müssen, bevor ich unterschrieben habe.“
Auf dem Rückweg hielt Harald vor seinem Laden an, ohne sofort auszusteigen.
Er dachte an Anna mit achtzehn, wie sie nach dem Tanzauftritt den Ring übergestreift hatte.
Damals hatte er sich für einen Vater gehalten, der sein Kind vor allem schützen konnte.
Vier Jahre später hatte er die Verantwortung an einen Sohn abgegeben, der ihr Vertrauen nicht verdient hatte.
Mittags traf er Anna wieder.
Leni saß am Fenster ihres Krankenzimmers und übte auf Papier, den Namen des Großvaters zu schreiben.
Harald brachte keine Spielsachen mit, sondern zwei belegte Brote und eine Nachricht.
„Ich habe jemanden gefunden, der sich an die alte Überweisung erinnert“, sagte er.
„Eine frühere Buchhalterin.
Wir werden die Unterlagen prüfen lassen.“
Anna nahm seine Hand nicht.
„Ich will keinen Streit um dein Geld.“
„Es ist nicht nur eine Frage des Geldes.“
„Für Viktor war es das immer“, erwiderte sie.
„Für mich war es der Moment, in dem ich glaubte, du hättest aufgehört, mein Vater zu sein.“
Leni blickte zwischen den beiden hin und her.
„Habt ihr euch damals gestritten?“
Anna setzte sich etwas aufrechter.
„Wir haben nicht miteinander gesprochen, obwohl wir es hätten tun müssen.“
„Dann könnt ihr jetzt damit anfangen“, sagte Leni.
Harald lächelte traurig.
Die Einfachheit der Antwort nahm ihm nicht die Verantwortung, aber sie zeigte ihm, wofür sich die Mühe lohnte.
Später bat die Stationsschwester Harald auf den Flur.
Viktor war an der Anmeldung erschienen und hatte verlangt, mit Anna zu sprechen.
Anna hatte ausdrücklich angegeben, dass sie ihn nicht sehen wollte.
Das Personal respektierte ihren Wunsch.
Harald fand seinen Sohn neben den Automaten im Wartebereich.
„Du hetzt sie gegen mich auf“, begann Viktor.
„Sie ist zweiundvierzig Jahre alt und kann selbst entscheiden, wen sie sehen möchte.“
„Dann soll sie auch selbst für ihr Leben bezahlen.“
Harald sah ihn lange an.
„Weißt du, was Leni gestern gefragt hat?
Ob ein Krankenwagen Geld kostet.
Ein Kind hatte Angst, Hilfe zu holen, weil ihr beide eingeredet wurde, sie dürfe niemandem zur Last fallen.“
Viktor wich seinem Blick aus.
„Ich habe ihr das nicht gesagt.“
„Du hast ihre Mutter unter Druck gesetzt.
Und du warst heute Morgen nicht hier, um dich nach ihrem Zustand zu erkundigen.“
„Du kennst ihre Geschichten nur von einer Seite.“
„Dann leg deine Unterlagen auf den Tisch.
Alle, nicht nur die, die dir nützen.“
Viktor kam einen Schritt näher.
„Du kannst nicht zugleich Vater und Richter sein.“
„Nein“, sagte Harald.
„Deshalb werde ich einen Anwalt hinzuziehen.“
Zum ersten Mal wirkte sein Sohn nicht ärgerlich, sondern verunsichert.
Er wandte sich ohne Abschied ab.
Am Nachmittag suchte Harald eine Rechtsanwältin auf, die sich auf zivilrechtliche Streitigkeiten und Geschäftsunterlagen verstand.
Er schilderte die Überweisung, die widersprüchlichen Briefe und das Schreiben an das Motel, ohne mehr Gewissheit vorzutäuschen, als er besaß.
Die Anwältin riet, die Originale unverändert aufzubewahren, Kopien anzufertigen und die Vorgänge getrennt prüfen zu lassen.
Eine belastbare Klärung werde Zeit brauchen.
Sie erklärte auch, dass Viktor mit seiner Forderung nicht einfach über Annas persönliche Sachen verfügen dürfe.
„Und was machen wir mit meinem Geschäft?“, fragte Harald.
„Prüfen Sie, welche Zugänge Ihr Sohn noch hat.
Sichern Sie zuerst die aktuellen Konten und Vollmachten, bevor weitere Bewegungen stattfinden.“
Harald ging noch am selben Tag zu seiner Bank.
Er beantragte eine Übersicht aller bestehenden Berechtigungen und erklärte, dass er die Zugänge Viktors zu seinem Geschäftskonto sperren lassen wollte.
Die Mitarbeiterin öffnete die letzten Buchungen.
Plötzlich hielt sie inne.
„Herr Weber, bevor wir die Änderung abschließen, muss ich Sie etwas fragen.“
Auf dem Bildschirm stand ein neuer Zahlungsauftrag über zweiundvierzigtausend Euro an eine Gesellschaft, deren Namen Harald kannte.
Die Buchung war noch nicht endgültig ausgeführt.
„Haben Sie diese Überweisung selbst genehmigt?“
Harald spürte, wie sein Puls schneller wurde.
Was vor zwanzig Jahren geschehen war, drohte sich vor seinen Augen zu wiederholen.
Lies weiter in Teil 5, um zu erfahren, warum Viktor erneut Geld verschieben wollte.













