Anna wollte zuerst nicht zu dem Gespräch kommen.
Nicht, weil sie vor Viktor zurückschreckte, sondern weil sie ihm nicht noch einmal die Möglichkeit geben wollte, ihr die Worte im Mund umzudrehen.
Nora schlug deshalb vor, dass wir uns zunächst getrennt beraten.
Anna konnte ihre Fragen aufschreiben und entscheiden, welche Unterlagen weitergegeben werden durften.
Mia blieb an diesem Vormittag bei einer Betreuerin, mit der Anna zuvor gesprochen hatte.
Niemand verlangte von dem Kind, seinen Onkel zur Rede zu stellen oder sich zwischen Erwachsene zu setzen.
Anna war noch schwach, aber die Behandlung wirkte.
Die Ärztin hielt einen kurzen Termin außerhalb des Krankenhauses nach ihrer Entlassung für vertretbar, sofern Anna sich schonte.
So trafen wir uns einige Tage später in Noras Kanzlei.
Anna saß neben der Anwältin, ich gegenüber.
Viktor betrat den Raum zehn Minuten zu spät und legte einen schmalen Aktenkoffer auf den Tisch.
Er sah uns nacheinander an, ohne Anna zu begrüßen.
„Ich dachte, wir sprechen vernünftig über die Vergangenheit“, sagte er.
„Wir sprechen über Dokumente“, erwiderte Nora.
„Und über eine aktuelle Aufforderung, eine kranke Frau und ihr Kind aus einem Motelzimmer zu entfernen.“
Viktor lächelte angespannt.
„Das war eine geschäftliche Angelegenheit. Der Betreiber hatte offene Forderungen.“
„Welche?“, fragte Anna.
„Ich hatte das Zimmer im Voraus bezahlt.“
Viktor blätterte in seinen Papieren.
Er konnte keine Rechnung vorlegen.
Nora hielt ihm die Kopie der von ihm unterschriebenen Aufforderung hin und fragte, auf welcher Grundlage er eine sofortige Räumung verlangt habe.
Er sagte, es sei nur eine interne Bitte gewesen.
Eine solche Mitteilung, stellte Nora klar, ersetze weder eine rechtliche Prüfung noch berechtige sie zu eigenmächtigem Zwang.
„Das Motel gehört zu den Objekten, die du für mich betreust“, sagte ich.
„Warum wusste ich nicht, dass Anna dort wohnt?“
„Weil du bei ihrem Namen jedes Mal zumachst, Vater.“
Ich ließ die Worte stehen.
Sie waren nicht völlig falsch.
Jahrelang hatte ich jedes Gespräch über Anna abgewehrt, sobald jemand vermutete, sie könne sich bei mir melden.
Ich hatte behauptet, sie sei erwachsen und werde ihren Weg finden.
Dass diese Feigheit Viktor geholfen hatte, machte seine Entscheidung nicht weniger bewusst.
Nora zeigte ihm nun die Kopie der alten Überweisung.
„Ist richtig, dass Mittelbach Beteiligungen damals Ihnen gehörte?“
„Ja. Eine meiner ersten Firmen.“
„Wofür erhielt sie das Geld aus dem Nachlasskonto?“
„Als Darlehen. Anna wusste davon.“
Anna öffnete ihre Mappe.
Sie hatte ihre frühere Unterschrift mehrfach auf alten Tanzverträgen vorliegen, daneben den Überweisungsbeleg.
„Ich habe keinen Darlehensvertrag geschlossen“, sagte sie.
„Und ich habe dir nie erlaubt, meine Unterschrift für eine Auszahlung zu verwenden.“
„Du warst damals impulsiv“, sagte Viktor.
„Vielleicht erinnerst du dich nicht an alles.“
Anna sah ihn ruhig an.
„An die Nacht, in der Papa mich einen Dieb nannte, erinnere ich mich sehr genau.“
Ich wollte dazwischengehen und das Wort korrigieren.
Doch ich hatte es ausgesprochen.
Die Erinnerung war keine Ungerechtigkeit gegen mich, sondern eine Tatsache über mein eigenes Verhalten.
Ich entschuldigte mich nicht sofort, weil ich nicht ausgerechnet in diesem Moment den Raum auf meine Gefühle lenken wollte.
Nora bat Viktor, den behaupteten Darlehensvertrag und die Unterlagen zur Verwendung der Gelder vorzulegen.
Er sagte, nach so langer Zeit sei vieles vernichtet.
Das war möglich.
Die Anwältin wies darauf hin, dass man aus dem Fehlen eines Belegs allein keine Fälschung beweisen könne.
Aber wer einen bestimmten Vertrag behaupte, müsse damit rechnen, nach seinen Grundlagen gefragt zu werden.
Sie hatte bereits begonnen, mit den dazu berechtigten Beteiligten die noch vorhandenen Geschäftsunterlagen zu prüfen.
Dann kam sie auf die Briefe zu sprechen.
Sie legte die Einschreibebelege und die Liste aus meinem Archiv nebeneinander.
„In beiden Unterlagen erscheint Ihre Empfangsbestätigung“, sagte sie.
„Wohin gingen die Briefe für Ihren Vater?“
„Ich habe sie weitergeleitet.“
„An welche Adresse?“, fragte ich.
Viktor sah mich an.
„An deinen Schreibtisch. Wie alle anderen auch.“
Ich kannte den Satz über die Zugehörigkeit zur Familie.
Ich hatte den Entwurf gesehen.
Nora zeigte ihm zunächst nur ein Foto davon und fragte, ob er die Handschrift erkenne.
Viktor beugte sich vor.
Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.
Zum ersten Mal hatte er keine fertige Antwort.
„Das ist sehr alt“, sagte er schließlich.
„Du hast nicht gefragt, wie alt es ist“, erwiderte Anna.
Viktor schloss seinen Koffer.
Er erklärte, sein Anwalt werde sich die Unterlagen ansehen, und schob einen Vertragsentwurf über den Tisch.
Ich las die erste Seite.
Darin stand, Viktor sei bereit, ohne Anerkennung einer Rechtspflicht eine erhebliche Summe zu zahlen.
Dafür sollten Anna und ich uns verpflichten, über die Umstände der damaligen Überweisung und die letzten Ereignisse nicht öffentlich zu sprechen.
Außerdem sollten wir bestätigen, dass zwischen den Geschwistern keine weiteren Ansprüche bestünden.
Anna ließ das Papier liegen.
„Geld gegen mein Schweigen“, sagte sie.
„Geld, damit du endlich Ruhe hast“, entgegnete Viktor.
Nora wies darauf hin, dass eine vertrauliche Vereinbarung rechtliche Beratung und freie Entscheidung voraussetze.
Anna müsse keinen Entwurf unterschreiben, erst recht nicht am selben Tag.
Viktor wandte sich mir zu.
Er erwartete offenbar, dass ich wie früher eine schnelle, bequeme Lösung verlangte.
„Rede mit ihr, Vater. Das ist die Gelegenheit, die Familie zu retten.“
Ich dachte an Mia, die im Laden die Hände neben dem Ring liegen gelassen hatte.
An Anna, die ihre Briefe gewissenhaft abgeschickt hatte.
An die Jahre, in denen ich Frieden mit Stille verwechselt hatte.
„Nein“, sagte ich.
„Ich rede heute nicht auf Anna ein. Ich höre ihr zu.“
Viktor stand auf.
Bevor er ging, erklärte ich ihm, dass ich seine Verwaltungsbefugnisse für meine Immobilien ab sofort durch einen unabhängigen Verwalter überprüfen und die nötigen Vollmachten widerrufen lassen würde.
Dafür brauche ich weder Annas Zustimmung noch sein Schweigen.
Als die Tür hinter ihm zufiel, blieb Anna lange sitzen.
Dann zog sie den alten Entwurf eines Briefes näher heran.
Auf der Rückseite hatte Nora bei der Durchsicht eine handschriftliche Notiz entdeckt, die wir bisher übersehen hatten.
Es waren nur vier Worte: Original im grünen Ordner.
Ich kannte diesen Ordner.
Viktor hatte ihn vor Jahren aus meinem Laden in sein eigenes Büro mitgenommen.
Was sich darin befand, sollte Teil 6 verändern.
Lies in Teil 6, was der grüne Ordner über Viktors damalige Entscheidungen zeigte.













