Anna ließ mich den Briefumschlag öffnen, nachdem ich ihr versprochen hatte, nichts ohne ihr Wissen zu unternehmen.
Darin lag kein Geständnis und kein Testament, sondern ein alter Kontoauszug mit einem Begleitschreiben.
Anna hatte ihn wenige Monate nach ihrem Auszug auf Anfrage von der Bank erhalten.
Das Papier war an den Falzen mürbe geworden.
Oben stand die Kontonummer des Nachlasskontos ihrer Mutter.
Darunter waren zwei Buchungen markiert: erst die Auszahlung von achtundsechzigtausend Euro, danach der Eingang bei einer Gesellschaft namens Mittelbach Beteiligungen.
„Diese Gesellschaft gehörte damals Viktor“, sagte Anna.
„Jedenfalls hat er mir das einmal selbst erzählt. Er sagte, er wolle damit Wohnungen kaufen.“
Ich betrachtete den Kontoauszug.
Auf dem Überweisungsbeleg, der als Kopie beigefügt war, stand Annas Name in einer Unterschriftenzeile.
Die Buchung allein bewies noch nicht, wer den Auftrag erteilt hatte.
Aber sie zeigte, dass das Geld keineswegs unmittelbar für Annas Ausbildung verwendet worden war, wie Viktor mir damals versichert hatte.
Ich hatte meinem Sohn geglaubt, weil seine Erklärung zu dem passte, was ich über Annas Pläne zu wissen meinte.
Es war erschreckend, wie schnell ein Vorurteil den Platz einer Prüfung einnehmen konnte.
„Warum hast du mir das nicht gezeigt?“, fragte ich.
Anna faltete ihre Hände auf der Decke.
„Ich habe dir die Kopie geschickt. In dem dritten Brief. Danach kam die Nachricht, dass ich nicht mehr schreiben soll.“
Ich hatte diese Worte erwartet und war trotzdem nicht darauf vorbereitet.
Sie sprach weiter, ohne mich anzusehen.
Eine Zeit lang habe sie versucht, bei der Bank eine Beschwerde einzureichen.
Die Auskunft sei widersprüchlich gewesen, später habe sie sich eine rechtliche Auseinandersetzung nicht leisten können.
Die alten Bankunterlagen seien für sie weniger wichtig geworden, als eine Arbeit, eine Wohnung und irgendwann ihre eigene Familie zu finden.
„Ich war nicht zwanzig Jahre lang mit einem Plan beschäftigt, Viktor zu überführen“, sagte sie.
„Ich habe gelebt. Ich habe Jan geheiratet. Ich habe Mia bekommen. Ich habe versucht, eine gute Mutter zu sein.“
Jan Bergmann war ihr Ehemann gewesen.
Er war vor drei Jahren nach kurzer Krankheit gestorben.
Anna erzählte das ohne große Worte, doch an ihrem Blick erkannte ich, welche Lücke er hinterlassen hatte.
Seitdem nahm sie zusätzliche Näharbeiten an.
Sie hatte lange gespart, um mit Mia nach Münster zu fahren und zunächst ein paar Tage im Motel zu bleiben.
Die Krankheit hatte sie wenige Tage nach der Ankunft überrascht.
„Warum bist du gerade jetzt gekommen?“, fragte ich.
„Mia wollte wissen, warum andere Kinder Großeltern haben und sie nicht. Und ich konnte ihr irgendwann nicht mehr sagen, dass du weit weg wohnst.“
Ihre Antwort war so schlicht, dass ich mich dafür schämte, nach einem komplizierteren Grund gesucht zu haben.
Am Nachmittag rief ich eine Rechtsanwältin an, die mich früher bei einer Mietangelegenheit vertreten hatte.
Dr. Nora Feld sagte zu, die vorhandenen Unterlagen zu prüfen, wenn Anna ihr eine Vollmacht für die Einsicht in ihre eigenen Dokumente gab.
Sie warnte mich sofort davor, aus alten Kopien schon eine strafrechtliche oder zivilrechtliche Entscheidung abzuleiten.
Nach zwanzig Jahren könnten Fristen, fehlende Unterlagen und ungeklärte Zuständigkeiten erhebliche Schwierigkeiten machen.
Ich sagte, dass ich keine schnelle Verurteilung wollte.
Ich wollte endlich wissen, was mit dem Geld und den Briefen geschehen war.
Wir vereinbarten, eine unabhängige Sicht auf die Kontobewegungen und auf die damaligen Vollmachten einzuholen.
Anna unterschrieb die notwendigen Erklärungen erst, nachdem sie in Ruhe gelesen hatte, wozu sie berechtigten.
Sie hatte viel zu lange erlebt, dass andere Männer über ihren Namen verfügten.
Ich wollte nicht der nächste sein.
Am nächsten Morgen fuhr ich in mein Geschäft und bat meinen Angestellten, den hinteren Archivraum aufzuschließen.
Dort standen staubige Kartons aus den Jahren, in denen Viktor die Hausverwaltung und unsere geschäftliche Korrespondenz geführt hatte.
Ich erinnerte mich an den großen Umbau, nach dem vieles ausgelagert und nie wieder ordentlich sortiert worden war.
Wir fanden Ordner mit Nebenkostenabrechnungen, Vertragskopien und handgeschriebenen Telefonnotizen.
Der eigentliche Bankauftrag lag nicht darin.
Aber zwischen den Unterlagen steckte eine Liste der eingegangenen Einschreiben.
Für das Jahr nach Annas Verschwinden war auf drei Zeilen dieselbe Abkürzung eingetragen: A. W., persönlich an H. W.
Daneben stand jeweils Viktors handschriftliches Kürzel.
Ich hatte diese Liste früher nie zu Gesicht bekommen.
Die Einträge bedeuteten, dass Post für mich angekommen war.
Sie erklärten nicht, wo sie später geblieben war.
Doch sie widerlegten die Vorstellung, niemand habe sich mehr bei mir gemeldet.
Ich fotografierte die Seiten für Nora und legte die Originale zurück, wie sie es mir geraten hatte.
Dabei fiel ein Brief auf Geschäftspapier heraus, ein interner Entwurf ohne Unterschrift.
In der Mitte stand ein Satz, den Anna aus dem angeblich von mir verfassten Ablehnungsschreiben kannte: Für mich hast du deine Zugehörigkeit zu dieser Familie verwirkt.
Darüber hatte jemand mit Bleistift geschrieben: Endfassung auf Briefbogen H. W.
Die Handschrift wirkte vertraut, aber ich wollte sie nicht selbst zum Beweis erklären.
Nora bat mich telefonisch, das Blatt unverändert aufzubewahren und ihr den Fundort genau zu notieren.
Es würde geprüft werden müssen, wer es verfasst hatte und ob es tatsächlich mit Annas Brief zusammenhing.
Sie fragte außerdem, wer heute Zugriff auf die Verwaltung des Ahornhofs habe.
„Viktor“, antwortete ich.
„Er betreut mehrere Immobilien für mich. Ich habe mich seit Jahren nicht mehr in die Einzelheiten eingemischt.“
„Dann sollten Sie auch die aktuellen Unterlagen sichern lassen“, sagte Nora.
„Vor allem die Anweisung an das Motel. Das ist ein neuer Vorgang und möglicherweise leichter aufzuklären als eine Überweisung von vor zwanzig Jahren.“
Ich dachte an die Rezeptionistin, an Mia mit dem dünnen Mantel und an Annas fieberndes Gesicht.
Noch am selben Tag rief ich Viktor an und bat ihn um ein Gespräch bei Nora.
Er lehnte zunächst ab.
Als ich den Namen Mittelbach Beteiligungen erwähnte, schwieg er so lange, dass ich glaubte, die Verbindung sei abgebrochen.
Dann sagte er: „Wenn du Anna wirklich gefunden hast, musst du aufpassen, was sie dir erzählt.“
„Ich habe lange genug nur auf dich gehört“, erwiderte ich.
Viktor verlangte zu wissen, welche Papiere ich besaß.
Ich gab ihm keine Antwort.
Kurz darauf erreichte Nora eine E-Mail aus seinem Büro: Er werde zu einem Gespräch kommen, allerdings nur, wenn Anna bereit sei, über eine vertrauliche Einigung zu sprechen.
Warum mein Sohn schon vor der ersten Frage Schweigen kaufen wollte, wurde in Teil 5 deutlich.













