Ich las Annas Satz so oft, bis die Buchstaben vor meinen Augen verschwammen.
Dann setzte ich mich neben Mia und erklärte ihr, dass ich einen Fehler wiedergutmachen wollte, aber zuerst verstehen musste, was geschehen war.
Sie lehnte sich an mich, als wäre ich ein Fremder, dem sie für einen Augenblick vertraute.
Das war mehr, als ich verdiente.
Das blaue Heft war kein Tagebuch im üblichen Sinn.
Anna hatte Daten, Adressen und kurze Erinnerungen eingetragen.
Zwischen den Seiten lagen Kopien dreier Briefe, zusammengefaltet und mit Büroklammern befestigt.
Der erste war im September vor zwanzig Jahren geschrieben worden.
Damals hatte Anna gerade eine Zusage für eine Ausbildung an einer Tanzschule erhalten.
Sie wollte wegziehen, aber nicht aus meinem Leben verschwinden.
Das stand dort schwarz auf weiß.
Lieber Papa, begann der Brief, ich weiß, dass du enttäuscht bist. Ich habe das Geld nicht genommen. Bitte lass uns noch einmal sprechen.
Danach folgten Worte, bei denen ich das Gesicht abwenden musste.
Anna schrieb, sie habe Angst, dass Viktor sie nie wieder ins Haus lassen werde.
Sie bat mich, vor einem Urteil wenigstens die Kontoauszüge zu prüfen.
Sie schrieb ihre neue Anschrift auf und fügte eine Telefonnummer hinzu.
Ich hatte beides nie gesehen.
Zwanzig Jahre zuvor war ich nicht nur Vater gewesen.
Ich war auch ein Mann, der nach dem Tod seiner Frau das Geschäft, die Vermietung zweier Häuser und die Erziehung zweier Kinder allein bewältigen wollte.
Viktor hatte mir angeboten, die Verwaltung zu übernehmen.
Er war vier Jahre älter als Anna, ordentlich, ehrgeizig und nach außen hin verlässlich.
Ich war erleichtert gewesen, jemanden an meiner Seite zu haben.
Er hatte Zugriff auf die Geschäftspost und auf ein Konto erhalten, auf dem Gelder aus dem Nachlass meiner Frau für die Kinder verwahrt wurden.
Kurz nach Annas achtzehntem Geburtstag hatte Viktor mir eine Überweisung über achtundsechzigtausend Euro gezeigt.
Sie sei von diesem Konto ausgegangen, behauptete er, und trage Annas Unterschrift.
Anna bestritt alles.
Ich erinnere mich noch an unser Gespräch in der Küche.
Statt die Bank zu fragen, hatte ich ihr vorgehalten, sie wolle ihre Ausbildung auf Kosten der Familie finanzieren.
Sie war blass geworden und hatte mich gefragt, ob ich wirklich glaubte, sie könne das Andenken ihrer Mutter verkaufen.
„Wenn du mich nicht kennst“, sagte sie damals, „dann weiß ich nicht, warum ich bleiben soll.“
Ich antwortete, sie solle gehen und erst wiederkommen, wenn sie bereit sei, die Wahrheit zu sagen.
Ich hatte diese Worte zwanzig Jahre lang bereut.
Aber ich hatte mir eingeredet, sie hätte später zurückkommen können.
Das Heft zeigte mir nun, wie bequem diese Erklärung gewesen war.
Anna hatte einen Anfang gemacht.
Ich war derjenige, der nicht nachgesehen hatte.
Der zweite Brief stammte aus dem Frühjahr darauf.
Anna schrieb, sie arbeite inzwischen in einer Änderungsschneiderei und habe kein Geld für einen Anwalt.
Sie erwähnte, dass Viktor ihr einen Umschlag geschickt habe, angeblich von mir.
Darin stand, ich wünsche keinen weiteren Kontakt und würde neue Briefe ungelesen vernichten.
Anna hatte einen Satz daraus abgeschrieben: Für mich hast du deine Zugehörigkeit zu dieser Familie verwirkt.
Mir wurde kalt.
Ich hatte nie einen solchen Brief verfasst.
Beim dritten Schreiben lag der Beleg einer eingeschriebenen Sendung.
Auf der Empfangsbestätigung stand in der Zeile des Empfängers lediglich ein abgekürzter Vorname und unser Nachname.
V. Walther.
Ich strich mit dem Finger über die Kopie und erinnerte mich daran, wie Viktor damals jeden Morgen die Post im Laden verteilt hatte.
Es war kein Beweis für jede Einzelheit der Geschichte.
Aber der Name war ein konkreter Anfang, dem jemand nachgehen konnte.
Eine Pflegerin trat zu uns und sagte, Anna sei für die Nacht stabiler.
Sie habe Flüssigkeit und Medikamente bekommen, weitere Untersuchungen liefen.
Mia atmete zum ersten Mal hörbar aus.
Ich fragte, ob ich Anna wenigstens etwas ausrichten dürfe.
Die Pflegerin nickte.
Ich schrieb auf einen Zettel: Ich bin hier. Ich gehe nicht weg. Über die Briefe möchte ich mit dir sprechen, wenn du es willst.
Dabei vermied ich bewusst das Wort Verzeihung.
Es wäre zu leicht gewesen, von Anna sofort etwas zu verlangen, das ich mir selbst noch nicht zugestanden hatte.
Am nächsten Vormittag erlaubte Anna mir einen kurzen Besuch.
Sie lag aufrecht im Bett, an der Hand ein Zugang, auf dem Nachttisch ein Becher Wasser.
Mia war mit einer Mitarbeiterin des Sozialdienstes beschäftigt, die mit Anna besprach, wer sich während der Behandlung um das Kind kümmern würde.
Anna hatte ausdrücklich zugestimmt, dass Mia vorerst bei mir bleiben konnte.
Ich nahm auf dem Stuhl neben dem Bett Platz und ließ den Abstand zwischen uns bestehen.
„Ich habe die Briefe nicht bekommen“, sagte ich.
Anna sah zum Fenster.
„Das dachte ich irgendwann. Aber dann habe ich geglaubt, dass du sie vielleicht gar nicht haben wolltest.“
„Ich hätte nach dir suchen müssen.“
„Du hast gesucht“, antwortete sie leise.
„Viktor hat mir Zeitungsausschnitte gezeigt. Darin stand, dass du nach mir fragst. Gleichzeitig sagte er, du würdest mich nur finden wollen, damit ich das Geld zurückzahle.“
Ich erinnerte mich an Anzeigen, die ich in den ersten Monaten aufgegeben hatte.
Viktor hatte damals angeboten, Anrufe für mich entgegenzunehmen.
Wie viele Antworten waren bei ihm angekommen?
Wie viele davon hatte ich nie erfahren?
Anna sah meinen Blick und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht, was er dir alles erzählt hat“, sagte sie.
„Und du weißt nicht, wovor ich mich gefürchtet habe. Ich war achtzehn und dachte, ich hätte beide verloren: Mama war tot, und du hast mir nicht geglaubt.“
Ihre Worte waren nicht laut.
Gerade deshalb konnte ich ihnen nicht ausweichen.
Ich erzählte ihr von dem Ring, von Mia im Geschäft und von dem Schreiben aus dem Motel.
Bei Viktors Namen spannte sie ihre Hände an.
„Er war gestern hier?“, fragte ich.
„Er wusste, dass ich nach Münster gekommen war. Ich hatte ihn kontaktiert, weil ich endlich die alten Unterlagen sehen wollte. Ich wollte mit dir reden, bevor meine Tochter noch größer wird.“
„Was wollte er von dir?“
Anna zögerte.
„Das Heft. Er dachte, ich hätte es nicht mehr.“
Ich sah auf die blaue Mappe in meinem Schoß.
Als sie mich bat, die Tasche unter ihrem Bett zu holen, fand ich darin ein zweites, flaches Fach, das Mia nicht bemerkt hatte.
Dort lag ein einzelner Briefumschlag mit dem Stempel einer Bank.
Anna hielt ihn fest, bevor ich ihn öffnen konnte.
„Darin steht, wohin das Geld wirklich ging“, sagte sie.
„Aber zuerst musst du entscheiden, ob du diesmal mir glaubst.“
Was Anna mit dem Bankbeleg beweisen konnte, erfährst du in Teil 4.













