„Geben Sie mir meine Uhr. Jetzt.“
Richard Falk schlug die flache Hand auf den Tresen.
Nicht besonders laut.
Aber laut genug, dass zwei Kunden im hinteren Teil der Boutique zu uns sahen.
Ich hielt die Uhr weiterhin in meiner Hand.
„Herr Falk, einen Moment bitte.“
„Sie hatten Ihren Moment.“
Vor uns lag sein Echtheitszertifikat.
Neben mir stand die kleine Uhrmacherlupe, die wir für schnelle Sichtprüfungen verwendeten.
Richard war kein unbekannter Kunde.
Er hatte in den vergangenen Jahren mehrere Uhren bei uns gekauft und war jemand, bei dem normalerweise spätestens nach zwei Minuten der Boutique Manager persönlich erschien.
Diesmal dauerte es weniger.
Oliver kam aus dem hinteren Bereich.
„Herr Falk. Gibt es ein Problem?“
Richard zeigte auf mich.
„Ihre Mitarbeiterin weigert sich, mir mein Eigentum zurückzugeben.“
Oliver sah zu mir.
„Emilia?“
„Ich überprüfe noch etwas.“
„Was gibt es da zu überprüfen?“, fragte Richard.
„Die Uhr war heute Morgen noch meine und ist es jetzt immer noch.“
„Das stelle ich nicht infrage.“
„Dann geben Sie sie mir.“
Ich drehte das Gehäuse noch einmal unter das Licht.
Die Uhr war teuer.
Aber der Preis war nicht der Grund, warum meine Hände plötzlich vorsichtiger wurden.
Etwas stimmte nicht.
Richard hatte die Uhr am frühen Nachmittag gebracht.
Seine Erklärung war einfach gewesen: Sie laufe nicht ganz so präzise wie sonst, er wolle aber keinen vollständigen Service.
Nur eine kurze Kontrolle.
Unser Uhrmacher hatte bestätigt, dass mechanisch nichts Auffälliges vorlag.
Eigentlich hätte ich die Uhr einfach wieder übergeben können.
Dann hatte ich das Zertifikat gesehen.
„Herr Falk“, sagte ich, „wann haben Sie dieses Zertifikat zuletzt mit der Uhr abgeglichen?“
Er blinzelte.
„Wie bitte?“
„Die Seriennummer.“
Oliver trat näher.
„Was ist mit der Seriennummer?“
Ich zeigte auf das Zertifikat.
„Ich möchte nur sicher sein.“
Richard schob das Dokument zu mir.
„Da. Zufrieden?“
Ich las die Nummer.
Langsam.
Dann drehte ich die Uhr um.
Die Gehäusenummer war klein.
Sehr klein.
Ich setzte die Lupe an.
Erste Ziffer.
Zweite.
Dritte.
Dann stoppte ich.
Ich überprüfte noch einmal.
„Emilia?“, fragte Oliver.
Ich antwortete nicht sofort.
Richard hatte inzwischen sichtbar genug.
„Jetzt reicht es.“
Er streckte die Hand aus.
Ich legte die Uhr nicht hinein.
Stattdessen platzierte ich sie auf dem schwarzen Präsentationskissen.
„Was soll das?“
„Einen Moment.“
„Nein.“
Seine Stimme wurde härter.
„Ich bin seit Jahren Kunde hier.“
„Das weiß ich.“
„Dann behandeln Sie mich auch so.“
Oliver trat neben mich.
„Zeigen Sie mir bitte, was Sie sehen.“
Ich drehte das Zertifikat zu ihm.
Mit dem Finger zeigte ich auf die letzten vier Stellen der Seriennummer.
Dann gab ich ihm die Lupe.
Er sah auf das Gehäuse.
Einmal.
Dann noch einmal.
Sein Gesicht blieb professionell.
Aber ich kannte ihn gut genug.
Er hatte es gesehen.
Richard sah zwischen uns hin und her.
„Was?“
Oliver legte die Lupe ab.
„Herr Falk, die Nummer auf dem Gehäuse stimmt nicht vollständig mit der Nummer auf diesem Zertifikat überein.“
Richard lachte kurz.
„Dann haben Sie falsch gelesen.“
„Deshalb habe ich zweimal geprüft“, sagte ich.
„Dann prüfen Sie ein drittes Mal.“
Ich tat es.
Dasselbe Ergebnis.
Eine Stelle.
Dann noch eine.
Nicht gleich.
Ich legte die Uhr direkt neben das Zertifikat.
„Sehen Sie selbst.“
Richard beugte sich vor.
Sein Blick ging auf das Dokument.
Dann auf die Uhr.
Wieder auf das Dokument.
„Das ist unmöglich.“
Oliver sagte nichts.
Richard richtete sich auf.
„Sie haben die Uhr seit heute Nachmittag.“
Da war er.
Der Satz, der die Situation veränderte.
Oliver sah ihn direkt an.
„Sie glauben, dass die Uhr hier ausgetauscht wurde?“
Richard zögerte.
Nur kurz.
„Ich sage, dass diese Uhr mit diesem Zertifikat hierherkam.“
„Das überprüfen wir.“
„Nein.“
Er streckte die Hand wieder aus.
„Sie geben mir jetzt beides zurück.“
Ich nahm die Uhr vom offenen Tresen.
Richard machte sofort einen Schritt nach vorne.
Ich legte sie in den Sicherheitsbereich der Glasvitrine.
„Was tun Sie da?“
„Bis wir die Nummer geklärt haben, bleibt die Uhr hier.“
„Sie haben kein Recht, mein Eigentum einzubehalten.“
Oliver hob die Hand.
„Herr Falk, wir klären das sofort.“
„Es gibt nichts zu klären.“
Richards Blick ging zur Uhr.
Dann zum Zertifikat.
Ich erwartete, dass er nach der Uhr greifen würde.
Tat er nicht.
Stattdessen bewegte sich seine rechte Hand blitzschnell über den Tresen.
Direkt zum Zertifikat.
Ich zog meine Hand zurück.
Oliver reagierte noch schneller.
Mit einem kurzen Griff schob er die Glasscheibe der Vitrine zu.
Das Schloss klickte.
Richard hielt das Zertifikat bereits halb zwischen zwei Fingern.
Oliver sah auf seine Hand.
Dann in Richards Gesicht.
„Lassen Sie das liegen.“
Zum ersten Mal seit er die Boutique betreten hatte, sagte Richard Falk nichts.













