Siebzehn Geburtstagsbriefe an meinen Stiefsohn. Kein einziger hatte eine Briefmarke. Und mein Mann wusste genau, warum.
Ich legte sie auf den Esstisch, mitten zwischen die Sektgläser und die weißen Servietten. Thomas hatte gerade behauptet, ich hätte seinen Sohn nie gewollt. Ausgerechnet an unserem zwanzigsten Hochzeitstag, vor vierzehn Gästen in unserer Wohnung in Hamburg.
„Katrin war nie wirklich eine Mutter für Leo“, hatte er gesagt, als seine Schwester nach ihm fragte. „Man kann niemanden zwingen, ein Kind zu lieben.“
Einige nickten verlegen. Andere sahen mich an. Thomas hob sein Glas, als sei der Satz nur eine traurige Feststellung, über die man hinweggehen konnte.
Ich stellte mein Glas ab.
„Dann sollten wir vielleicht erzählen, was mit den Briefen passiert ist.“
Sein Lächeln verschwand.
Mein Name ist Katrin. Ich bin achtundvierzig und seit zwanzig Jahren mit Thomas verheiratet. Als wir uns kennenlernten, war seine Scheidung bereits abgeschlossen. Sein Sohn Leo war damals sechs. Ich erinnere mich an einen Jungen mit viel zu großen Gummistiefeln, der bei unserem ersten Treffen unbedingt wissen wollte, ob ich einen Drachen steigen lassen konnte.
Ich konnte es nicht. Wir versuchten es trotzdem, und der Drachen landete nach wenigen Minuten in einem Baum. Leo lachte so laut, dass Thomas ein Foto machte. Dieses Bild stand jahrelang in unserem Flur, bis es eines Tages verschwand.
Als Thomas und ich heirateten, war Leo sieben. Er lebte überwiegend bei seiner Mutter Marion, kam aber an manchen Wochenenden zu uns. Die Besuche wurden seltener. Thomas sagte, Leo brauche Abstand. Dann sagte er, Marion wünsche keinen Kontakt zwischen mir und ihrem Sohn. Schließlich sprach er nur noch davon, dass ein neuer Brief den Jungen verletzen würde.
Ich fragte nie Marion selbst. Das war mein erster Fehler.
An Leos achtem Geburtstag schrieb ich ihm eine Karte. Ich erzählte von dem kaputten Drachen und wünschte ihm ein schönes neues Schuljahr. Als ich die Adresse auf den Umschlag schrieb, legte Thomas eine Hand darauf.
„Bitte schick das nicht“, sagte er. „Er denkt sonst, wir wollen ihn unter Druck setzen.“
Ich glaubte ihm. Oder ich war erleichtert, nicht riskieren zu müssen, zurückgewiesen zu werden. Heute kann ich die beiden Gründe nicht mehr sauber voneinander trennen.
Ein Jahr später schrieb ich wieder. Diesmal erzählte ich von einem Hund, der uns beim Spaziergang gefolgt war. Dann schrieb ich über Bücher, das Wetter, meine Arbeit im Garten, lauter kleine Dinge, aus denen man irgendwann vielleicht ein Gespräch hätte machen können.
Thomas sagte jedes Jahr denselben Satz: „Lass ihn in Ruhe, Katrin. Wenn er bereit ist, meldet er sich.“
Und ich steckte den Umschlag in eine Schublade.
Siebzehn Jahre lang, von seinem achten bis zu seinem vierundzwanzigsten Geburtstag. Danach brachte ich es nicht mehr fertig, eine achtzehnte Karte anzufangen. Ich legte an diesen Tagen trotzdem Papier auf den Küchentisch, schrieb seinen Namen auf einen Zettel und warf den Zettel wieder weg. Ich erzählte niemandem davon, weil ich die Frage fürchtete, die meine eigene Antwort hätte bloßlegen müssen: Warum hatte ich nicht längst selbst zum Telefon gegriffen?
Auf dem Festtisch lag jetzt der ganze Stapel. Auf der Vorderseite stand jeweils „Für Leo“. Auf den Rückseiten war rechts oben kein Platz von einer Briefmarke verdeckt, keine einzige Spur eines Poststempels. Eine Karte war mit einem Aufkleber versehen, den ich als Erinnerung an seinen zehnten Geburtstag gekauft hatte.
Thomas‘ Schwester Anja nahm die Hand von ihrem Glas.
„Du hast ihm geschrieben?“, fragte sie.
„Ich habe Briefe verfasst“, antwortete ich. „Geschickt habe ich keinen.“
„Weil du es nicht wolltest?“, fragte Thomas scharf.
Ich sah ihn an. Das war der Satz, den ich zwanzig Jahre lang gefürchtet hatte: dass alles am Ende doch meine eigene Entscheidung gewesen war.
„Weil du mich darum gebeten hast. Und weil ich zu feige war, selbst nachzufragen.“
Im Raum wurde es still. Jemand schob einen Stuhl zurück. Im Flur summte die Spülmaschine, als wäre nichts geschehen.
„Du kannst jetzt nicht so tun, als wäre das alles meine Schuld“, sagte Thomas.
„Das tue ich nicht.“ Ich berührte den obersten Umschlag. „Ich hätte anrufen können. Ich hätte Marion fragen können. Als Leo erwachsen war, hätte ich ihn selbst suchen können. Ich habe es nicht getan. Das muss ich verantworten.“
Anja sah ihren Bruder an. „Aber du hast uns immer erzählt, Katrin interessiere sich nicht für ihn.“
„Ich wollte nur vermeiden, dass es wieder Streit gibt“, sagte Thomas.
„Mit wem?“, fragte ich. „Mit Leo? Mit Marion? Oder mit dir selbst?“
Thomas setzte sich. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er nicht wütend, sondern erschöpft. Er strich mit einem Finger über den Rand seiner Serviette.
„Leo hat heute Morgen abgesagt“, sagte er leise. „Ich hatte ihn eingeladen. Er schrieb, er könne nicht so tun, als seien wir eine glückliche Familie.“
Ich verstand plötzlich, warum Thomas ausgerechnet heute seinen alten Vorwurf ausgesprochen hatte. Das machte ihn nicht gerecht. Aber es gab seiner Grausamkeit einen Ursprung.
„Ich will nicht, dass wir Leo mit diesen Briefen überraschen“, sagte ich. „Sie gehören nicht auf irgendeine Familienfeier. Ich werde ihn fragen, ob er sie überhaupt sehen möchte.“
Ich nahm mein Handy. Seit drei Tagen hatte ich Leos Nummer auf einem Zettel neben dem Telefon liegen. Anja hatte sie mir auf meine Bitte gegeben, nachdem ich ihr endlich erklärt hatte, dass ich Kontakt aufnehmen wollte. Noch hatte ich nicht angerufen.
Thomas bemerkte den Zettel in meiner Hand.
„Katrin, warte.“
Ich hielt inne.
„Es gibt etwas, das du vorher wissen musst.“
Ich sagte nichts.
Er sah zu den ungeöffneten Umschlägen und dann zu mir.
„Als Leo fünfzehn war, hat er mich gefragt, warum du ihn nicht mehr anrufst.“
Mein Daumen erstarrte über dem Display.
„Und was hast du ihm gesagt?“
Thomas schluckte.
„Dass du keinen Kontakt mehr möchtest.“
In diesem Augenblick wusste ich noch nicht, was Leo von uns beiden glaubte. Aber ich wusste, dass ich nach dieser Antwort nicht mehr schweigen konnte.
Wie viele Jahre hatte dieser Satz zwischen Leo und mir gestanden? In Teil 2 erzähle ich, was nach Thomas‘ Geständnis an unserem Esstisch geschah.













