„Bitte. Meine Mama stirbt. Mehr haben wir nicht.“
Das Mädchen musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um den alten Ring über den Tresen zu schieben. Ihre Jacke war viel zu dünn für die Kälte draußen. Sie hielt die Hände noch einen Augenblick neben dem Schmuckstück, als könnte sie es nicht ertragen, sich davon zu trennen.
Der junge Angestellte betrachtete den Ring kaum. Er zog einen Zehneuroschein aus der Kasse und legte ihn mit einem trockenen Klatschen auf die Holzplatte.
„Zehn Euro.“
Das Mädchen starrte auf den Schein.
„Aber meine Mama braucht doch Hilfe“, flüsterte sie. „Sie kann nicht mal mehr aufstehen.“
„Mehr gibt es dafür nicht“, sagte der Angestellte. Er schob ihr das Geld ein Stück näher.
Harald Walther saß nur wenige Schritte entfernt an seinem Schreibtisch und prüfte die Tagesabrechnung. Er hatte das Gespräch gehört, zunächst aber geglaubt, sein Mitarbeiter würde wenigstens nachfragen. Als er die Stimme des Kindes hörte, schlug er das Kassenbuch zu. Das Geräusch ließ beide zusammenzucken.
„Geben Sie ihr fünfhundert Euro.“
Der Angestellte drehte sich um.
„Herr Walther, ich habe doch noch gar nicht—“
„Fünfhundert. Sofort.“
Harald sprach nicht laut. Das musste er auch nicht. Sein Mitarbeiter öffnete wieder die Kasse. Das Mädchen sah erst zu ihm und dann zu Harald, als müsse sie entscheiden, ob das alles ein grausamer Scherz war.
„Bekomme ich den Ring wieder?“, fragte sie leise.
Harald sah auf das schmale Goldband.
„Ich schaue ihn mir erst einmal an.“
Er nahm das Schmuckstück zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war klein, das Gold an manchen Stellen matt, die Fassung vom jahrelangen Tragen abgerieben. Solche Ringe landeten jeden Tag in seinem Geschäft. Menschen brachten Erinnerungen, wenn das Geld für den nächsten Tag nicht reichte. Harald hatte gelernt, nach Gewicht und Zustand zu urteilen, ohne nach den Geschichten dahinter zu fragen.
Doch diesmal drehte er den Ring in der Hand, um die Innenseite zu betrachten.
Dort standen winzige, abgenutzte Buchstaben:
„In Liebe, Walther.“
Harald vergaß für einen Moment zu atmen.
Er kannte diese Worte. Er hatte sie selbst für die Gravur ausgesucht, als seine Tochter Anna geboren worden war. Jahre später hatte er ihr den Ring nach ihrem ersten Tanzauftritt geschenkt, als sie achtzehn war. Er hatte damals versucht, nicht zu zeigen, wie stolz er auf sie war. Anna hatte gelacht, den Ring gegen das Licht gehalten und ihn fest umarmt.
Er erinnerte sich sogar an das, was er ihr beim Abschied gesagt hatte: Sollte die Welt eines Tages hart zu ihr sein, sollte sie nie vergessen, dass sie einmal über alles geliebt worden war.
Anna war vor zwanzig Jahren verschwunden.
Harald hatte seitdem zahllose Male überlegt, was er beim letzten Gespräch hätte anders sagen können. Schließlich hatten die Jahre aus seiner Hoffnung etwas gemacht, das er kaum noch auszusprechen wagte. Und jetzt lag ihr Ring in seiner Hand, gebracht von einem frierenden Kind.
Seine Finger begannen zu zittern.
„Woher hast du den?“, fragte er.
Das Mädchen wich zurück. Eben noch hatte er freundlich gewirkt, jetzt klang seine Stimme plötzlich so dringlich, dass sie Angst bekam.
Harald bemerkte es und senkte die Hand.
„Entschuldige. Ich will dir nichts wegnehmen. Ich muss nur wissen, woher dieser Ring stammt.“
Sie schluckte.
„Er war von Opa. Opa hat ihn meiner Mama geschenkt.“
Harald hielt sich am Tresen fest. Ein Opa. Eine Mutter. Der Ring. Jedes dieser Worte schien auf etwas zu zeigen, das ihm seit zwanzig Jahren fehlte. Aber er durfte das Mädchen nicht mit Fragen überfallen.
„Wo ist deine Mama jetzt?“
„Im Motel Ahornhof. Zimmer zwölf.“
Sie sprach schneller, als fürchte sie, er könnte es sich anders überlegen.
„Heute Morgen konnte sie nicht mehr aus dem Bett. Sie hat gesagt, ich soll den Ring nur nehmen, wenn es wirklich nicht anders geht.“
Harald griff bereits nach seinem Mantel.
„Bitte kommen Sie schnell“, sagte das Mädchen. „Vorhin war ein Mann bei ihr. Mama hatte solche Angst vor ihm.“
Er blieb stehen.
„Ein Mann?“
Das Kind nickte, presste aber die Lippen zusammen. Harald sah, dass sie kurz davor war zu weinen. Er wollte wissen, wer der Besucher gewesen war, warum Anna — falls es wirklich Anna war — in einem Motel lag und wie es möglich sein konnte, dass niemand ihn erreicht hatte. Doch keine dieser Fragen war jetzt wichtiger, als zu dem Zimmer zu gelangen.
Neben dem Ring lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Es musste dem Mädchen aus der Tasche gerutscht sein, als es das Schmuckstück hervorgeholt hatte. Harald nahm es auf, um es ihr zurückzugeben.
Dann sah er die Überschrift.
Es war eine schriftliche Aufforderung, das Zimmer zu räumen. Unten stand ein Name, sauber unter eine Unterschrift gesetzt. Harald las ihn einmal. Dann ein zweites Mal, weil sein Verstand sich weigerte, die Buchstaben zusammenzufügen.
Viktor Walther.
Sein eigener Sohn.













