Als Elena mir von der Freigabe unter dem Namen meines Vaters erzählt hatte, wollte ich sofort nach Norderstedt fahren.
Für einen Moment stellte ich mir vor, wie ich vor seiner Haustür stand und ihm das Formular unter die Nase hielt.
Dann versuchte ich aufzustehen und musste mich am Bettrand festhalten, weil mir schwindelig wurde.
Mein Körper erinnerte mich daran, dass Gerechtigkeit kein Ersatz für Heilung war.
Judith bestand darauf, dass alle weiteren Schritte über die Ermittler und die zuständigen Stellen liefen.
Die Unterlagen aus dem Betrieb wurden geprüft, die digitale Freigabe technisch ausgewertet und mehrere Beschäftigte befragt.
Es stellte sich heraus, dass Jan Reimers die Freigabe mit Zugangsdaten meines Vaters ausgelöst hatte.
Ob Thomas Hartmann wusste, was Jan an diesem Morgen tat, blieb zunächst offen.
Gleichzeitig nahm die Buchprüfung Gestalt an.
Eine Gesellschaft namens Elbe Prüfservice hatte über drei Jahre Rechnungen in Höhe von rund 6,4 Millionen Euro gestellt.
In den betrieblichen Unterlagen fehlten für einen erheblichen Teil der Leistungen nachvollziehbare Nachweise.
Geld war anschließend über weitere Konten geflossen, unter anderem an eine Beteiligungsgesellschaft, die bei der geplanten Finanzierung auftauchte.
Auch auf Timos Konto führten Spuren.
Seine monatlichen Zahlungen waren als Beratungskosten verbucht worden.
Er hatte nicht die Millionen erhalten, aber sein Vertrag half, dem gesamten Zahlungsgefüge einen glaubwürdigen Anschein zu geben.
Er übergab die Unterlagen freiwillig, nachdem er mit einem eigenen Rechtsbeistand gesprochen hatte.
Das machte ihn nicht unschuldig, doch es war ein Schritt, den ihm diesmal niemand abgenommen hatte.
Zwei Wochen nach meinem Zusammenbruch wollte meine Mutter mich sehen.
Judith leitete mir ihre Bitte weiter.
Ich stimmte schließlich einem Gespräch in ihrem Büro zu, nachdem die Ermittler davon wussten und keine Einwände erhoben hatten.
Nicht um mich zu versöhnen.
Ich wollte hören, welche Wahrheit meine Eltern erzählen würden, wenn keine Krankenschwester für sie an den Apparat ging.
Mein Vater kam zuerst.
Er wirkte kleiner, als ich ihn in Erinnerung hatte, und betrachtete meinen Gehstock, als sei er eine ungehörige Bemerkung.
Meine Mutter folgte ihm mit einer Handtasche, die sie so fest umklammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß wurden.
Judith blieb die ganze Zeit bei mir.
„Wir hätten kommen sollen“, sagte meine Mutter.
Ich wartete.
„Aber du weißt, wie viel dieses Finale Timo bedeutet hat.“
„Ich lag im Sterben“, sagte ich.
„Das wussten wir doch nicht genau.“
„Der Arzt hat es euch gesagt.“
Mein Vater hob die Hand.
„Wir waren vielleicht nicht die Eltern, die du dir gewünscht hast.
Musst du deswegen die ganze Firma gefährden?“
Da war sie wieder: die Rechnung, in der mein Überleben nur eine Nebensache war.
Ich sah Judith an.
Sie sagte nichts, weil ich selbst antworten wollte.
„Die Firma wird durch falsche Rechnungen und fragwürdige Geschäfte gefährdet“, erwiderte ich.
„Nicht dadurch, dass ich Fragen stelle.“
Mein Vater wurde rot.
Er behauptete, Jan habe ihn zu jeder Entscheidung gedrängt und die Buchhaltung sei längst zu kompliziert für ihn geworden.
Dann räumte er ein, ihm die Möglichkeit gegeben zu haben, bestimmte Vorgänge unter seinem Namen freizugeben.
Er habe die Entnahme einer Chemikalie nicht persönlich geprüft.
„Du warst Geschäftsführer“, sagte ich.
„Du konntest diese Verantwortung nicht einfach weggeben.“
Er schaute zur Seite.
Zum ersten Mal versuchte er nicht, meinen Satz zu widerlegen.
Dann fragte ich meine Mutter nach dem Mittwoch in meiner Wohnung.
Ihr Gesicht veränderte sich sofort.
„Jan hat gesagt, du würdest wichtige Unterlagen zurückhalten“, flüsterte sie.
„Er wollte nur nach den Aufzeichnungen suchen.
Ich habe ihn hereingelassen.“
„Warum habt ihr mich nicht gefragt?“
„Weil du Nein gesagt hättest.“
Die Antwort war so einfach, dass ich einen Augenblick brauchte, um sie zu begreifen.
Meine Mutter wusste, dass sie meine Zustimmung nicht hatte.
Gerade deshalb war sie mit dem Ersatzschlüssel gekommen.
„War Jan die ganze Zeit bei dir?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe im Arbeitszimmer gesucht.
Er war kurz allein im Flur und in der Küche.
Ich weiß nicht, was er dort gemacht hat.“
„Und als ihr von der Vergiftung erfahren habt?“
Sie presste die Lippen aufeinander.
„Ich dachte, du würdest wieder gesund.
Ich wollte nicht noch mehr Ärger verursachen.“
Ich hatte jahrelang geglaubt, das Schlimmste an ihrer Liebe sei die Ungleichheit.
Jetzt sah ich, dass sie ihre eigenen Entscheidungen sogar dann schützen wollte, wenn mein Leben davon abhing.
Das Gespräch endete, als mein Vater erneut nach meiner Unterschrift fragte.
Ich stand auf, langsamer als beabsichtigt, und ging mit Judith zur Tür.
Meine Mutter rief meinen Namen nicht.
Sie fragte nur, ob ich ernsthaft vorhätte, gegen sie auszusagen.
„Ich habe vor, die Wahrheit zu sagen“, antwortete ich.
Drei Wochen später fand die außerordentliche Gesellschafterversammlung statt.
Ich nahm mit ärztlicher Zustimmung und vielen Pausen daran teil.
Karin Voss vertrat die Investoren, Timo erschien mit seinem Anwalt, meine Eltern saßen am anderen Ende des Tisches.
Jan Reimers war nach den Durchsuchungen bereits vorläufig von seinen Aufgaben entbunden worden.
Nun sollte über seine endgültige Abberufung und eine unabhängige neue Geschäftsführung entschieden werden.
Mein Vater sprach von Verrat und davon, dass die Familie zusammenhalten müsse.
Ich dachte an die Schichtarbeiter, die noch immer auf ihre pünktlichen Löhne angewiesen waren.
Deshalb hielt ich meine Rede kurz.
„Ich verweigere den Verkauf unserer zentralen Anlagen“, sagte ich.
„Und ich stimme für eine Leitung, die den Beschäftigten und Gesellschaftern Rechenschaft ablegt.“
Karin und die übrigen Investoren stimmten mit ihren zusammen zehn Prozent dafür.
Timo legte seine zehn Prozent ebenfalls auf diese Seite.
Mit meinen achtunddreißig Prozent erreichten wir achtundfünfzig Prozent.
Das genügte für die Abberufung der bisherigen Geschäftsführung nach den hierfür geltenden Regeln unseres Vertrags und die Bestellung von Dr. Helene Brandt als unabhängiger Übergangsgeschäftsführerin.
Die außergewöhnliche Vermögensübertragung wurde nicht beschlossen.
Nach der Sitzung blieb Timo neben mir stehen.
„Ich habe ihnen jahrelang geglaubt, weil es bequem war“, sagte er.
„Das kann ich nicht ungeschehen machen.“
„Nein“, antwortete ich.
„Aber du kannst entscheiden, was du jetzt tust.“
Am folgenden Morgen hatte ich einen Kontrolltermin bei Dr. Shah in der Klinik.
Dorthin kam auch Feddersen mit einer Nachricht, die den bisherigen Fall veränderte.
Bei der Auswertung beschlagnahmter Geräte waren Nachrichten zwischen Jan und meiner Mutter gefunden worden.
Eine Nachricht war am Abend vor dem heimlichen Wohnungsbesuch verschickt worden.
Die Ermittler hatten ihre zeitliche Einordnung überprüft.
Feddersen las mir die Antwort meiner Mutter vor.
„Sie soll nur ein paar Tage ausfallen.
Keine bleibenden Schäden.
Danach unterschreibt sie bestimmt.“
Ich hatte mich gefragt, ob meine Mutter etwas geahnt hatte.
Jetzt musste ich ertragen, dass sie offenbar wusste, dass man mir etwas antun wollte.
Was bedeutete diese Nachricht für meine Mutter, für Jan und für meine Entscheidung über die Familie? Lies weiter in Teil 6.













