Ich las Timos Nachricht in jener Nacht immer wieder.
Nicht weil ich einen weiteren Beweis für die Gleichgültigkeit meiner Familie brauchte, sondern weil ich herausfinden wollte, ob ich überhaupt noch wusste, wer mein Bruder war.
Am Freitag erlaubte Dr. Shah einen kurzen Besuch, sofern ich mich danach ausruhte.
Timo kam allein.
Er hatte die Trainingsjacke seiner Mannschaft angezogen und wirkte darin jünger als siebenundzwanzig.
In den Händen hielt er einen Beutel mit Wasserflaschen und einem Rätselheft, das er offenbar im Krankenhauskiosk gekauft hatte.
„Ich wusste, dass du im Krankenhaus bist“, sagte er, noch bevor er sich setzte.
„Aber Papa hat gesagt, du seist versorgt und es gebe nichts, was ich tun könne.“
„Der Arzt hat ihnen gesagt, ich könnte sterben.“
Timo blickte auf seine Schuhe.
„Das hat Mama mir erst später gesagt.“
„Und als du es wusstest, bist du trotzdem nicht gekommen.“
Er nickte.
Keine Ausrede, kein Hinweis auf seine Enttäuschung über das verlorene Finale.
Es war das erste Mal, dass er mich nicht bat, meine Verletzung gegen seine aufzurechnen.
„Ich habe gedacht, ihr würdet das wie immer unter euch klären“, sagte er.
„Das habe ich auch gedacht.
Bis mir klar wurde, dass ich allein diejenige war, die etwas klären wollte.“
Seine Augen wurden feucht.
Ich reichte ihm kein Taschentuch.
Ich hatte kaum Kraft, mein eigenes Gesicht zu waschen, und wollte seinen Schmerz nicht auch noch für ihn tragen.
Schließlich fragte ich nach den Firmenunterlagen.
Timo sagte, Jan Reimers habe ihm eine neue Führungsposition versprochen, sobald meine Stimmrechte übertragen seien.
Außerdem habe er einen Beratervertrag unterschrieben, für den er monatlich Geld bekam, ohne tatsächlich regelmäßig im Betrieb zu arbeiten.
„Ich dachte, das wäre ein Einstieg“, murmelte er.
„Wie viel?“
Er nannte eine Summe, die für viele Beschäftigte ein halbes Monatsgehalt bedeutete.
Sie war ihm jeden Monat für eine Tätigkeit gezahlt worden, die er selbst nicht beschreiben konnte.
Als ich fragte, von welchem Konto das Geld kam, sah er erschrocken auf.
„Ich habe nie nachgeschaut.“
„Dann schau jetzt nach.
Und gib Judith die Verträge.“
Ich sagte ihm, dass ich die verdächtigen Abrechnungen unabhängig prüfen lassen wollte, ohne die laufenden Ermittlungen zu erwähnen.
Er versprach nicht, alles wiedergutzumachen.
Er fragte nur, was er als Nächstes tun könne.
„Sag die Wahrheit, auch wenn sie dir schadet.“
Timo verließ das Zimmer mit dem Rätselheft unter dem Arm.
Den Beutel ließ er stehen.
Ich konnte noch nicht entscheiden, ob ich ihm verzeihen würde.
Aber ich hatte zum ersten Mal nicht für ihn entschieden.
Am Montag erklärte Feddersen mir die Ergebnisse der bisherigen Untersuchung.
In der gesicherten Medikamentenpackung fanden sich Rückstände einer Verbindung, die auch in Proben aus dem Betrieb nachgewiesen werden konnte.
Die Fachleute prüften noch, wie eindeutig sich eine Herkunft bestimmen ließ.
Es war ein starker Hinweis auf eine Manipulation, aber noch kein Beweis dafür, wer sie vorgenommen hatte.
„Bitte versuchen Sie nicht, selbst jemanden zur Rede zu stellen“, sagte sie.
„Das könnte Sie gefährden und unsere Arbeit erschweren.“
Ich versprach es.
Ein Teil von mir hatte bereits eine Nachricht an meine Mutter formuliert, die nur aus einem Wort bestand: Warum?
Ich löschte sie.
Judith und ich beschäftigten uns stattdessen mit der Firma.
Sie hatte von den übrigen Gesellschaftern eine Antwort erhalten.
Karin Voss, die langjährige Sprecherin der Investoren, wollte eine außerordentliche Gesellschafterversammlung unterstützen.
Die Beschäftigten hatten von den finanziellen Schwierigkeiten gehört, und einige Zulieferer verlangten plötzlich Vorauszahlungen.
Eine öffentliche Eskalation konnte die Menschen treffen, die mit dem Streit in unserer Familie nichts zu tun hatten.
„Wenn wir Jan abberufen, brauchen wir am selben Tag eine fähige Übergangsleitung“, sagte Judith.
„Dann suchen wir eine.
Nicht Timo, nur weil er unser Nachname trägt.“
Ich wusste, wie hart das klang.
Doch mein Großvater hatte seine ersten Maschinen selbst repariert, wenn eine Nachtschicht sonst nicht hätte arbeiten können.
Die Firma war für ihn eine Verpflichtung gewesen, keine Belohnung für das Lieblingskind.
Karin besuchte mich im Krankenhaus.
Sie war Anfang sechzig, hatte den Aufbau der zweiten Produktionshalle begleitet und sprach selten mehr als nötig.
Auf dem Stuhl, den meine Eltern leer gelassen hatten, breitete sie einen Ausdruck der vorgeschlagenen Finanzierung aus.
„Ein Teil des Geldes soll offenbar aus einem Verkauf an eine verbundene Gesellschaft kommen“, sagte sie.
„Wir dürfen nicht zulassen, dass die Halle verschwindet, nur weil die Bilanzen schlecht aussehen.“
„Würden die Investoren einer unabhängigen Geschäftsführung zustimmen?“
„Wenn die Belege stimmen.
Wir stimmen nicht gegen eine Familie.
Wir stimmen für das Unternehmen.“
Ihre Worte nahmen mir eine Last ab.
Ich musste nicht die Heldin sein, die den ganzen Betrieb im Alleingang rettete.
Ich musste nur aufhören, zu einem offensichtlich falschen Beschluss Ja zu sagen.
Noch am selben Tag brachte Judith Timos Beratervertrag.
Die Zahlungen kamen nicht direkt aus dem gewöhnlichen Personalkonto, sondern waren als Leistungen eines externen Dienstleisters verbucht.
Der Name dieses Dienstleisters stand auch auf den Rechnungen, die ich Elena vor meiner Vergiftung gezeigt hatte.
„Timo ist womöglich benutzt worden, um die Zahlungen harmloser aussehen zu lassen“, sagte Judith.
„Das schließt seine Verantwortung für die angenommenen Gelder nicht aus.“
Ich bat sie, seine Unterlagen den Ermittlern auf ordnungsgemäßem Weg zur Verfügung zu stellen.
Es war schwer, die Geschichte meines Bruders nicht wieder für ihn zu retten.
Doch wenn ich seine Unwissenheit als Entschuldigung benutzte, tat ich genau das, was unsere Eltern immer getan hatten.
Am Dienstag meldete sich Elena erneut.
Die Ermittler hatten bei einer richterlich angeordneten Durchsuchung betriebliche Unterlagen und digitale Zugangsprotokolle gesichert.
Jan Reimers hatte am Mittwochmorgen, wenige Stunden vor seinem Besuch in meiner Wohnung, einen Bereich betreten, in dem die betreffende Chemikalie gelagert wurde.
Die Berechtigung war ungewöhnlich für seine kaufmännische Funktion.
„Er sagt, er habe einen Inventurfehler prüfen wollen“, berichtete Elena.
„Aber die Entnahme wurde auf einem Formular bestätigt, das wir jetzt untersuchen lassen.“
„Wessen Unterschrift steht darauf?“
Elena zögerte.
„Es ist eine Freigabe unter dem Namen deines Vaters.
Wir wissen noch nicht, ob er selbst unterschrieben hat.“
Mir wurde kalt, obwohl das Fenster geschlossen war.
Bis dahin hatte ich geglaubt, mein Vater könne höchstens aus Gleichgültigkeit zum Helfer geworden sein.
Nun lag sein Name auf einem Dokument, das direkt an den Morgen vor meinem Zusammenbruch führte.
Hatte mein Vater nur seine Unterschrift hergegeben, oder wusste er, wofür sie gebraucht wurde? Lies weiter in Teil 5.













