Frau Alvarez wiederholte ihre Beobachtung am Dienstag gegenüber Miriam Feddersen.
Sie tat es mit derselben Genauigkeit, mit der sie sonst die falsch abgestellten Mülltonnen unseres Hauses dokumentierte.
Sie erinnerte sich an den grauen Mantel, die silberne Brille und daran, dass meine Mutter den Ersatzschlüssel aus einer roten Hülle gezogen hatte.
Die Kriminalbeamtin hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.
Danach fragte sie mich, ob Petra oder Jan berechtigt gewesen seien, meine Wohnung zu betreten.
„Nein“, sagte ich.
„Nicht an diesem Mittwoch und auch sonst nicht ohne meine Erlaubnis.“
Ich musste diesen Satz zweimal aussprechen, damit er sich nach meiner eigenen Überzeugung anhörte.
Früher hätte ich gesagt, meine Mutter habe es bestimmt gut gemeint.
Nun war ich mir nicht einmal sicher, ob sie wusste, wo ich meine Medikamente aufbewahrte.
In der Klinik wurden weitere Proben untersucht.
Dr. Shah erklärte mir, dass die gesundheitliche Gefahr noch nicht gebannt sei, obwohl sich meine Blutwerte langsam besserten.
Er ließ mich selbst entscheiden, wann ich die Narbe unter dem Verband sehen wollte.
„Ihre Genesung lässt sich nicht erzwingen“, sagte er.
„Sie dürfen die Ermittlungen wichtig finden.
Aber Sie müssen auch erlauben, dass Ihr Körper Zeit bekommt.“
Also lernte ich wieder kurze Wege zu gehen.
Zuerst bis zur Tür, dann zum Fenster, schließlich über den Flur.
Auf halber Strecke musste ich mich jedes Mal setzen.
Der Zorn gab mir nicht die Kraft zurück, die ich verloren hatte.
Judith Falk besuchte mich mit einer Kopie des Gesellschaftsvertrags.
Sie hatte außerdem die Unterlagen angefordert, die mein Vater so dringend unterschrieben haben wollte.
Das erste Dokument war eine Stimmrechtsvollmacht zugunsten Timos.
Das zweite sah meine Zustimmung zu einem umfassenden Finanzierungspaket vor.
Im Anhang stand etwas, das mein Vater am Telefon nicht erwähnt hatte: Teile der Produktionshalle und mehrere Schutzrechte sollten zur Absicherung an eine neue Gesellschaft übertragen werden.
„Das ist keine alltägliche Finanzierung“, sagte Judith.
Ich las die Seiten langsam.
Als Eigentümerin der neuen Gesellschaft tauchte eine Beteiligungsfirma auf, die erst vor wenigen Monaten gegründet worden war.
Ihr Name war mir aus den fragwürdigen Rechnungen bekannt.
Dort hatte sie als angebliche Vermittlerin zwischen Hartmann Industrietechnik und einem Wartungsdienstleister gestanden.
„Wenn ich unterschreibe, kann Jan Vermögenswerte aus dem Unternehmen bewegen, bevor jemand die Rechnungen vollständig prüft“, sagte ich.
„Das ist eine mögliche Folge“, erwiderte Judith.
„Wir müssen die tatsächlichen Verträge sehen, bevor wir mehr behaupten.“
Ich bat sie, der Geschäftsführung schriftlich mitzuteilen, dass ich jede Zustimmung verweigere und mir sämtliche Unterlagen vorbehalte.
Sie verschickte die Erklärung noch am selben Tag.
Ich unterschrieb nichts für die Firma.
Am Mittwoch meldete sich Elena.
Sie sprach vorsichtig, weil die strafrechtlichen Ermittlungen nun mehrere Vorgänge betrafen.
Die Kriminalpolizei hatte die Aufnahmen des Hauseingangs gesichert.
Darauf waren meine Mutter und Jan Reimers am Mittwoch vor meinem Zusammenbruch zu erkennen.
„Das beweist einen Besuch“, sagte Elena.
„Es beweist noch nicht, was in deiner Wohnung geschehen ist.“
Ich verstand den Unterschied.
Ich hatte jahrelang Zahlen geprüft und gelernt, dass eine Übereinstimmung noch keine Erklärung war.
Dennoch ließ mich der Gedanke nicht los, dass meine Mutter in meinem Arbeitszimmer gewesen war, während ich nichts davon ahnte.
Später rief sie selbst an.
Ich nahm nicht ab.
Stattdessen hörte ich ihre neue Nachricht ab, während Judith neben mir saß.
„Wir machen uns große Sorgen um dich“, sagte meine Mutter.
„Dein Vater hat viel um die Ohren.
Warum schaltest du jetzt eine Fremde ein?
Jan versucht doch nur, alles zusammenzuhalten.“
Eine Fremde.
So nannte sie die Frau, die in den letzten Tagen öfter an meinem Bett gesessen hatte als meine gesamte Familie.
Judith beobachtete mich.
„Sie müssen darauf nicht antworten.“
„Ich weiß“, sagte ich.
Es war eine der schwierigsten Erkenntnisse dieser Woche.
Am Donnerstag, genau sieben Tage nach meinem Zusammenbruch, wurde ich in einen anderen Bereich des Krankenhauses verlegt.
Die Polizei hatte darum gebeten, meine Zimmernummer nicht mehr ohne Rücksprache herauszugeben, nachdem sich ein unbekannter Anrufer nach meinen Besuchszeiten erkundigt hatte.
Die Verlegung diente vor allem meiner weiteren Behandlung und der ungestörten Befragung.
Ich hätte gern behauptet, dass ich mich damit sicher fühlte.
In Wahrheit vermisste ich sogar das vertraute Geräusch des alten Monitors.
Bevor ich ging, legte ich einen Umschlag auf das Kopfkissen.
Ich hatte ihn selbst beschriftet: Für Thomas und Petra Hartmann.
Judith wusste davon und hatte mich gebeten, nichts zu schreiben, was Ermittlungen gefährden könnte.
Darum standen nur wenige Sätze darin.
„Ich habe überlebt.
Ihr musstet nicht entscheiden, wie ihr mich rettet, sondern nur, ob ihr zu mir kommt.
Bitte kontaktiert mich künftig ausschließlich über meine Anwältin.
Ich werde weder eine Vollmacht noch die Finanzierung unterschreiben.“
Als meine Eltern am frühen Nachmittag erschienen, trug mein Vater eine Dokumentenmappe.
Meine Mutter hatte keine Blumen dabei.
Eine Schwester erklärte ihnen, dass ich nicht mehr in diesem Zimmer lag und keine Besuche ohne mein Einverständnis wünschte.
Sie durften meinen neuen Aufenthaltsort nicht erfahren.
Ich erfuhr später von der Schwester, dass mein Vater den Umschlag sofort geöffnet hatte.
Meine Mutter soll zuerst gefragt haben, wo die Unterlagen geblieben seien.
Erst danach erkundigte sie sich nach meinem Zustand.
Die Schwester wollte wissen, ob sie eine Nachricht für mich hinterlassen sollten.
Beide gingen, ohne eine zu diktieren.
Am Abend bekam ich einen Anruf von Timo.
Zum ersten Mal seit der Operation sah ich seinen Namen auf dem Display.
Ich ließ ihn sprechen.
„Mama sagt, du willst uns aus der Firma drängen“, begann er.
„Papa meint, du hast wegen der Krankheit etwas falsch verstanden.“
„Weißt du, dass ich während eures Finales wiederbelebt werden musste?“
„Mir hat keiner gesagt, wie schlimm es war.“
„Hast du denn gefragt?“
Er antwortete nicht.
Ich hörte ein Auto hinter ihm vorbeifahren und dachte daran, wie leicht es manchmal gewesen wäre, sich einfach auf den Weg zu machen.
„Ich wollte nach dem Spiel zu dir“, sagte er schließlich.
„Papa meinte, du würdest ohnehin schlafen.“
„Und danach?“
„Ich weiß es nicht.“
Seine Hilflosigkeit machte mich trauriger, als ich erwartet hatte.
Ich hatte ihn jahrelang für seine Bevorzugung verantwortlich gemacht.
Nun merkte ich, dass ich auch von ihm eine Antwort wollte, die er bisher nie hatte geben müssen.
„Wenn du mit mir reden willst, dann ohne Mama und Papa“, sagte ich.
„Und nicht über die Vollmacht.“
Kurz vor Mitternacht schickte Timo eine einzige Nachricht.
Darin stand, dass er am Abend des Endspiels eine Mitteilung unseres Vaters erhalten hatte.
Er habe sie damals nicht ernst genommen.
Er leitete sie mir weiter.
Auf meinem Bildschirm erschien der Satz: „Deine Schwester liegt im Krankenhaus. Konzentrier dich auf dein Spiel.“
Damit wusste ich, dass Timo mehr erfahren hatte, als er mir zunächst gesagt hatte.
Aber noch war unklar, ob er auch wusste, was Jan Reimers in meiner Wohnung getan hatte.
Wie tief reichte Timos Verstrickung, und was wusste er wirklich? Lies weiter in Teil 4.













