Am Samstagabend wurde mir klar, dass meine Rückkehr ins Leben keineswegs bedeutete, dass die Gefahr vorbei war.
Dr. Shah hatte den Monitor neben meinem Bett heruntergeregelt, doch jedes leise Piepen ließ mich zusammenfahren.
Ich hatte Schmerzen, war erschöpft und konnte ohne Hilfe kaum aufstehen.
Trotzdem wollte ich wissen, was die Ärzte gefunden hatten.
„Wir haben die Substanz noch nicht abschließend identifiziert“, sagte er.
„Die Befunde passen nicht zu einer gewöhnlichen Nebenwirkung Ihrer verordneten Medikamente.
Deshalb haben wir die Polizei verständigt.“
Ich nickte.
Er versprach mir keine schnelle Genesung und fragte nicht, ob ich jemanden aus meiner Familie anrufen wolle.
Stattdessen erklärte er, welche Untersuchungen noch nötig waren und dass meine Leber möglicherweise lange brauchen würde, um sich zu erholen.
Seine Offenheit war unangenehm und zugleich beruhigend.
Wenig später stellte sich eine Kriminalbeamtin namens Miriam Feddersen vor.
Sie trug keine Uniform und setzte sich erst, nachdem ich sie dazu aufgefordert hatte.
„Ich brauche Ihre Erinnerung an die Tage vor dem Zusammenbruch“, sagte sie.
„Nicht Ihre Vermutungen, sondern die Dinge, die Sie selbst erlebt haben.“
Also erzählte ich von meinem gewohnten Weg zur Arbeit, von den Mahlzeiten in meiner Wohnung und von einem Medikament, das ich seit Monaten nach ärztlicher Verordnung einnahm.
Die angebrochene Tablettenpackung bewahrte ich gewöhnlich in einer Küchenschublade auf.
Am Donnerstag hatte ich sie in meine Handtasche gesteckt; am Tag zuvor war sie, soweit ich mich erinnerte, noch zu Hause gewesen.
Ein Teil meiner persönlichen Gegenstände war mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gekommen und inzwischen gesichert worden.
Ich wusste nicht, ob irgendetwas davon mit der Vergiftung zu tun hatte.
„Wer hatte Zugang zu Ihrer Wohnung?“, fragte Feddersen.
„Ich und die Hausverwaltung für Notfälle.
Meine Eltern besitzen noch einen Ersatzschlüssel aus der Zeit, als ich dort eingezogen bin.“
Ich hatte ihn nie zurückverlangt.
Nicht weil ich meinen Eltern besonders vertraute, sondern weil es mir kleinlich vorgekommen wäre.
Wie oft hatte ich meine eigenen Grenzen schon so erklärt?
Feddersen schrieb etwas auf.
„Hat Ihre Familie von den laufenden Ermittlungen zu Hartmann Industrietechnik erfahren?“
„Soweit ich weiß, nicht.“
Sie antwortete nicht sofort.
Dann sagte sie, dass sie meine Aussage mit den zuständigen Ermittlern abstimmen werde.
Mehr versprach sie nicht.
Ich war ihr dankbar dafür.
Am nächsten Morgen rief mein Vater an.
Ich ließ das Telefon zunächst klingeln, doch beim dritten Versuch nahm ich ab.
„Du bist ja endlich erreichbar“, sagte er.
„Wie geht es dir?“
„Ich bin beinahe gestorben.“
Am anderen Ende entstand eine Pause, die ich für einen Augenblick mit Hoffnung füllte.
„Das hat uns natürlich erschreckt“, sagte er schließlich.
„Aber wir haben jetzt ein Zeitproblem.
Jan sagt, dass die Gesellschafterunterlagen bis Mittwoch unterschrieben sein müssen.“
Jan Reimers war seit sechs Jahren kaufmännischer Geschäftsführer der Hartmann Industrietechnik GmbH.
Er trug maßgeschneiderte Anzüge, sprach in ruhigen Zahlenkolonnen und war für meine Eltern der Mann, der alle unbequemen Fragen beantwortete.
Vor drei Monaten hatte ich ihn gefragt, warum ein kleiner Dienstleister innerhalb eines Jahres mehrere Millionen Euro erhalten hatte.
Jan hatte mir eine unvollständige Tabelle geschickt und danach jedes Gespräch verschoben.
„Welche Unterlagen?“, fragte ich.
„Eine Zustimmung zur Neuordnung der Stimmrechte und zu einer Finanzierung.
Du weißt doch, dass Timo mehr Verantwortung übernehmen soll.“
„Schick alles an meine Anwältin.“
Mein Vater lachte kurz.
„Seit wann brauchst du für Familienangelegenheiten eine Anwältin?“
„Seit ihr lieber ein Fußballspiel angesehen habt, als zu mir zu kommen.“
Diesmal war das Schweigen länger.
Dann sagte er, Timo habe sie gebraucht und ich sei schließlich in den besten medizinischen Händen gewesen.
Ich legte auf, bevor er seine Erklärung wiederholen konnte.
Meine Hände zitterten so stark, dass ich das Telefon auf die Decke legen musste.
Die Anwältin, die ich noch aus der Nachlassregelung meines Großvaters kannte, hieß Judith Falk.
Sie kam am Montag mit einem schlichten Notizbuch ins Krankenhaus.
Ich berichtete ihr vom Anruf und bat sie, vorerst jede Kommunikation mit meiner Familie zu übernehmen.
Judith erinnerte mich an eine Bestimmung im Gesellschaftsvertrag.
Für den Verkauf wesentlicher Betriebsteile und bestimmte außergewöhnliche Finanzierungen waren fünfundsiebzig Prozent der Stimmen erforderlich.
Meine Eltern und Timo besaßen zusammen zwar die einfache Mehrheit, doch ohne meine achtunddreißig Prozent konnten sie solche Beschlüsse nicht durchsetzen.
Mein Großvater hatte diese Hürde geschaffen, damit niemand die Firma aus einer Laune heraus zerschlug.
„Wissen Sie, wofür das Geld gebraucht wird?“, fragte Judith.
„Nein.
Aber ich glaube, dass man damit ein Loch verdecken will.“
Ich erklärte ihr, was Elena und ich bisher geprüft hatten: Rechnungen für angebliche Wartungsarbeiten, doppelt erfasste Transportkosten und Überweisungen an eine Firma, deren Leistungen niemand überzeugend belegen konnte.
Es waren Verdachtsmomente, keine fertigen Beweise.
Judith machte mir deutlich, dass wir genau diese Grenze einhalten mussten.
Ich bat Judith außerdem, vorerst sämtliche Unterlagen direkt an ihre Kanzlei schicken zu lassen.
Bisher hatten meine Eltern geschäftliche Briefe gelegentlich für mich entgegengenommen und später weitergeleitet.
Ich hatte diese Gewohnheit aus Bequemlichkeit geduldet.
Nun wollte ich selbst wissen, was in meinem Namen geschah.
Am Nachmittag erschien Frau Alvarez.
Sie hatte einen dunkelblauen Schal mitgebracht, weil sie fand, dass Krankenhäuser immer zu kalt seien.
Als sie sich auf den Besucherstuhl setzte, musste ich plötzlich weinen.
Nicht aus Angst vor der nächsten Operation, sondern weil jemand gekommen war, der nicht einmal mit mir verwandt war.
„Sie haben mir das Leben gerettet“, sagte ich.
„Die Sanitäter haben das getan“, erwiderte sie.
„Ich habe nur nicht weggesehen.“
Wir schwiegen eine Weile.
Dann fragte sie, ob ich die Angelegenheit mit dem Besuch in meiner Wohnung schon geklärt hätte.
„Welcher Besuch?“
Frau Alvarez runzelte die Stirn.
„Am Mittwoch, einen Tag vor Ihrem Zusammenbruch.
Ihre Mutter stand vor Ihrer Tür, als ich vom Einkaufen kam.
Sie sagte, sie müsse etwas aus Ihrem Arbeitszimmer holen.“
Mein Magen zog sich zusammen.
Ich hatte meiner Mutter keinen solchen Auftrag gegeben.
„War sie allein?“
„Nein.
Ein Herr mit einer schwarzen Aktentasche war bei ihr.
Sie hat ihn mit dem Schlüssel hereingelassen.“
„Können Sie ihn beschreiben?“
„Groß, grauer Mantel, silberne Brille.
Er hat mir sogar guten Tag gesagt.
Ich kenne ihn von dem Firmenfest, zu dem Sie mich damals mitgenommen haben.“
Ich wusste bereits, welchen Namen sie sagen würde.
Trotzdem ließ ich sie aussprechen.
„Es war Herr Reimers.“
Am nächsten Morgen sollte die Polizei erfahren, was meine Mutter und der kaufmännische Geschäftsführer in meiner Wohnung gesucht hatten.
Und ich würde zum ersten Mal fragen müssen, ob meine Mutter nicht nur weggesehen hatte.
Warum waren Petra Hartmann und Jan Reimers heimlich bei mir gewesen? Lies weiter in Teil 3.













