Tobias sah auf seine Hände.
Er hatte noch immer die Uhr am Handgelenk, die Emma ihm zum letzten Geburtstag vor ihrem Verschwinden geschenkt hatte.
Sie war damals stolz gewesen, weil sie den größten Teil des Geldes selbst gespart hatte.
„Ich war zweimal bei der Hütte“, sagte er schließlich.
„Wann?“, fragte Bartels.
„Vor einem Jahr. Und vor sieben Monaten.“
Ich spürte, wie sich meine Finger verkrampften.
Er hatte also nicht nur Nachrichten und Fotos erhalten.
Er war dorthin gefahren, hatte den Ort gesehen und war anschließend zu mir nach Hause zurückgekehrt.
„Hast du Emma dort getroffen?“
„Einmal habe ich sie hinter einem Fenster gesehen.“
„Und bist wieder weggefahren?“
Sein Schweigen war unerträglich.
Bartels schickte einen Kollegen hinaus, damit Tobias weiter befragt werden konnte.
Sie verlangte, dass er die Zufahrten beschrieb und jede weitere Begegnung mit Sandra nannte.
Diesmal blieb ich nicht im Raum.
Miriam war inzwischen angekommen.
Sie legte mir eine Jacke um die Schultern und führte mich auf die Terrasse.
Die ersten Vögel riefen zwischen den Weiden.
Mir fiel auf, wie gewöhnlich dieser Morgen aussah.
Vielleicht war das das Grausamste: dass die Welt keinen anderen Himmel bekam, nur weil ein Mensch eine Wahrheit erfuhr.
„Du musst nicht heute alles verstehen“, sagte Miriam.
„Ich muss Emma finden.“
„Dafür sind die Beamten unterwegs.“
Ich nickte, obwohl ich kaum zuhören konnte.
Anstatt zum Bootshaus zu laufen, tat ich das Einzige, was mir noch möglich war.
Ich suchte auf meinem Telefon nach einem alten Bild des Forstweges, den Tobias manchmal für seine Fahrradtouren benutzt hatte.
Ich fand eines, auf dem eine schmale Brücke hinter einer Reihe Birken zu sehen war.
Bartels ließ es an die Einsatzkräfte weitergeben.
Eine Stunde später erhielten wir die Nachricht, dass die Hütte gefunden worden sei.
Ich stand auf, bevor Bartels zu Ende gesprochen hatte.
„Ist sie da?“
„Wir prüfen das Gebäude noch.“
Ich wollte sofort losfahren.
Bartels erklärte mir, dass niemandem geholfen wäre, wenn ich an einem laufenden Einsatz auftauchte.
Sie sprach nicht hart, aber bestimmt.
Ich blieb bei Miriam im Wohnzimmer und hielt das Telefon so fest, dass meine Hand schmerzte.
Die Minuten wurden zu einer Zeit, die ich nicht mehr messen konnte.
Einmal fragte Miriam, ob sie mir Tee machen sollte.
Ich sagte nein.
Dann bat ich sie doch um Wasser.
Ich brachte keinen Schluck hinunter.
Schließlich klingelte Bartels‘ Telefon.
Sie hörte lange zu und stellte mehrere Fragen.
Ich verstand nur einzelne Wörter: „ansprechbar“, „Rettungsdienst“, „sicher“.
Als sie auflegte, sah sie mich direkt an.
„Wir haben ein Mädchen gefunden“, sagte sie.
„Sie gibt an, Emma zu heißen. Sie ist am Leben.“
Ich griff nach Miriams Arm.
Die Terrasse, die Fenster und der Tisch verschwammen vor meinen Augen.
Vier Jahre lang hatte ich mir ausgemalt, was ich in diesem Augenblick tun würde.
Ich hatte geglaubt, ich würde schreien oder sofort weinen.
Stattdessen fragte ich nur:
„Ist sie verletzt?“
„Sie ist erschöpft und wird ärztlich untersucht. Mehr kann ich noch nicht sagen.“
Die Beamten hatten Emma in einem verschlossenen Nebenraum der Hütte entdeckt.
Sandra war beim Versuch, über den hinteren Waldweg wegzufahren, angehalten worden und befand sich nun in Polizeigewahrsam.
Ich erfuhr diese Einzelheiten nicht alle zugleich.
Sie kamen nach und nach, während die Ermittler ihre Aussagen überprüften.
Am Nachmittag durfte ich in Begleitung einer Mitarbeiterin des Jugendamtes in eine Klinik fahren.
Ich hatte vorher gefragt, ob Emma mich sehen wolle.
Die Antwort war vorsichtig gewesen: Sie wisse, dass ich komme, aber niemand könne versprechen, wie sie reagieren werde.
Vor ihrer Zimmertür blieb ich stehen.
Ich hörte Schritte im Flur, das Klappern eines Wagens und das gedämpfte Gespräch einer Pflegerin.
Dann öffnete sich die Tür.
Emma saß auf dem Bett, eine Decke über den Knien.
Ihre Haare waren länger und dunkler, als ich sie in Erinnerung hatte.
Sie war gewachsen.
Ihre Hände wirkten schmal, und an einem Finger trug sie einen Ring aus geflochtenem Garn.
Aber die Bewegung, mit der sie das Kinn hob, kannte ich sofort.
„Hallo, Emma“, sagte ich.
Sie sah mich lange an.
„Bist du wirklich hier?“
„Ja.“
Ich wollte zu ihr laufen.
Die Mitarbeiterin hatte mir geraten, Emma selbst entscheiden zu lassen, wie viel Nähe sie ertragen könne.
Also blieb ich neben der Tür stehen.
„Ich habe dich gesucht“, sagte ich.
„Ich habe nie aufgehört.“
Emma zog die Decke fester um sich.
„Sandra hat gesagt, du wolltest mich nicht mehr.“
„Das stimmt nicht.“
„Sie hat gesagt, du hättest mich abgegeben, weil ich schwierig war.“
Ich sah sie an.
Ein Teil von mir wollte sofort erzählen, wie oft ich ihren Namen gerufen hatte und wie viele Wege ich am See gegangen war.
Aber sie musste nicht zuerst meinen Schmerz verstehen.
Sie musste wissen, dass ich ihre Worte gehört hatte.
„Du warst nie zu schwierig“, sagte ich.
„Du warst mein Kind. Und ich wusste nicht, wo du warst.“
Sie senkte die Augen.
Nach einer langen Pause fragte sie, ob Tobias draußen warte.
Ich sagte nein.
Ihre Schultern entspannten sich ein wenig.
„Ich wusste, dass das Babyfon noch im Haus sein könnte“, erklärte sie leise.
„Sandra hat mit ihm darüber gesprochen. Sie wollte, dass er mich hören kann, bevor er bezahlt.“
Emma erzählte, sie habe die Sendeeinheit im Bootshaus eingeschaltet, als Sandra kurz zum Auto gegangen sei.
Sie habe nur gehofft, dass ich statt Tobias den Empfänger hören würde.
Der Satz „Mama, bitte leg nicht auf“ war das Erste gewesen, was ihr eingefallen sei.
„Als du gefragt hast, ob ich dich höre, wusste ich, dass du da bist“, flüsterte sie.
Ich wischte mir über die Augen.
„Ich war da.“
Emma sah zum Fenster.
„Aber Sandra hat mir etwas gezeigt. Vor Jahren schon.“
Sie bat die Mitarbeiterin, den kleinen Beutel aus dem Schrank zu holen, den die Polizei ihr nach der Untersuchung überlassen hatte.
Darin lag die Kopie eines gefalteten Blattes, das Emma offenbar seit Langem versteckt hatte; das Original hatte die Polizei sichergestellt.
Sie strich es auf der Bettdecke glatt.
Es war eine Erklärung, die aussah, als stamme sie von mir.
Darin stand, ich sei mit einer dauerhaften Unterbringung meiner Tochter bei Sandra einverstanden.
Unten war mein vollständiger Name zu lesen.
Daneben stand eine Unterschrift, die meiner erstaunlich ähnlich sah.
„Mama“, fragte Emma, „warum hast du das unterschrieben?“
Ich betrachtete die Unterschrift. Sie sah aus wie meine, doch ich hatte dieses Blatt noch nie gesehen.
Woher kam diese Erklärung? Lies weiter in Teil 5.













