Sandra Vogt.
Ich hatte diesen Namen seit Jahren nicht ausgesprochen.
Und doch wusste ich sofort, wer gemeint war.
Sandra hatte früher im Büro von Tobias gearbeitet, als er noch einen kleinen Handwerksbetrieb führte.
Sie war oft auch am Ferienhaus gewesen und hatte Emma das Angeln beigebracht.
Irgendwann hatte Tobias gesagt, sie arbeite nicht mehr für ihn.
Ich hatte nicht nachgefragt, weshalb.
„Sie wohnt irgendwo bei Röbel“, antwortete Tobias.
Bartels bat uns, im Haus getrennt zu warten.
Zwei weitere Beamte kamen hinzu.
Ich saß in der Küche, während draußen jemand die Zufahrt absicherte.
Auf dem Tisch stand eine Tasse, aus der Emma als Kind Kakao getrunken hatte.
Ich drehte sie so, dass ich den verblassten Fuchs darauf nicht sehen musste.
Die Kommissarin setzte sich mir gegenüber.
„Wie gut kannten Sie Frau Vogt?“
„Sie war freundlich zu Emma. Ich dachte, sie wäre zuverlässig.“
„Hatten Sie je den Eindruck, dass sie Ihrer Tochter zu nahekam?“
Ich überlegte.
Sandra hatte Emma zu Geburtstagen kleine Geschenke geschickt und sich manchmal lange mit ihr am See unterhalten.
Ich erinnerte mich an ein Foto der beiden auf dem Steg.
Darauf legte Sandra einen Arm um Emma, die sich zum Wasser hinunterbeugte.
Nichts daran war damals ungewöhnlich erschienen.
„Nein“, sagte ich.
„Aber ich habe vieles nicht gesehen.“
Bartels sprach ruhig.
Sie sagte, Tobias habe zugestimmt, dass die Beamten seine Nachrichten ansehen dürften.
Darin gebe es Kontakte zu Sandra, die offenbar nicht erst seit gestern bestanden.
„Was bedeutet offenbar?“
„Wir müssen das vollständig prüfen. Er hat regelmäßige Zahlungen erwähnt.“
Ich stand so schnell auf, dass der Stuhl nach hinten rutschte.
„Zahlungen für was?“
„Das fragen wir ihn gerade.“
Ich ging ans Fenster.
Draußen wirkte der See schwarz und unbewegt.
Vier Jahre hatte ich jedes Jahr am Tag von Emmas Verschwinden eine Kerze angezündet.
Tobias hatte daneben gesessen, meinen Arm gehalten und nichts gesagt.
Jetzt begriff ich, dass sein Schweigen vielleicht nicht dasselbe bedeutet hatte wie meines.
Als Bartels zurückkam, hielt sie eine ausgedruckte Übersicht in der Hand.
Sie zeigte mir keine privaten Nachrichten, aber sie sagte, Tobias habe gestanden, Sandra über Jahre Geld überwiesen zu haben.
Zuerst monatlich, später in größeren Abständen.
„Er behauptet, es ging darum, Ihre Tochter am Leben zu halten“, sagte sie.
„Dann wusste er, dass Emma lebt.“
Bartels nickte vorsichtig.
„Er sagt, er habe ungefähr drei Monate nach ihrem Verschwinden erstmals ein Foto von ihr erhalten.“
Drei Monate.
Ich stellte mir den Herbst damals vor.
Wie ich jeden Morgen die Nachrichten geprüft und jeden Abend das Fenster in Emmas Zimmer geöffnet hatte.
Tobias hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Foto gesehen.
Ich verlangte, ihn zu sprechen.
Die Beamtin erklärte, dass sie uns zunächst getrennt anhören müsse, ließ aber später ein kurzes Gespräch unter ihrer Aufsicht zu.
Tobias wirkte kleiner, als er noch am Nachmittag ausgesehen hatte.
„Sag es mir ohne Ausreden“, forderte ich ihn auf.
„Seit wann weißt du es?“
„Seit diesem Herbst damals.“
„Warum hast du mich nicht angerufen? Warum nicht die Polizei?“
Er presste die Hände gegeneinander.
„Sandra sagte, sie würde Emma etwas antun, wenn ich jemanden einschalte.“
„Du hättest Hilfe holen können, ohne sie vorzuwarnen.“
„Ich hatte Angst.“
„Und ich? Hatte ich kein Recht, Angst zu haben?“
Er hob kurz den Blick.
Ich erkannte den Mann, den ich einmal geheiratet hatte, und gleichzeitig jemanden, den ich überhaupt nicht kannte.
Tobias erzählte, er habe die Beziehung mit Sandra kurz vor Emmas Verschwinden beendet.
Mir fehlte zuerst jeder Zusammenhang.
Dann verstand ich, dass er nicht von einer beruflichen Trennung sprach.
„Du hattest eine Beziehung mit ihr.“
Er antwortete nicht.
Das war Antwort genug.
Nach seinen Angaben hatte Sandra sich gewünscht, dass er Katharina verließ und Emma mitnahm.
Tobias hatte das abgelehnt, die Beziehung beendet und geglaubt, damit sei die Sache erledigt.
Als Emma verschwand, habe er Sandra nicht ernsthaft verdächtigt.
Drei Monate später sei die erste Nachricht gekommen: ein Foto von Emma vor einem dunklen Fenster, dazu die Drohung, jeder Kontakt zur Polizei werde ihr schaden.
„Du hast ihr Geld geschickt und nichts unternommen.“
„Ich dachte, wenn ich zahle, bleibt Emma am Leben.“
„Du hast sie vier Jahre dort gelassen.“
Er begann zu weinen.
Ich empfand dabei keine Erleichterung.
Seine Tränen erzählten mir nichts über die Nächte meiner Tochter.
Bartels unterbrach unser Gespräch.
Sie erklärte, man prüfe Sandras letzte bekannte Anschrift und die Zahlungswege.
Ein Ermittler sei auf dem Weg zu einem abgelegenen Grundstück außerhalb von Röbel, das Sandra vor einigen Jahren gemietet hatte.
Es könne jedoch sein, dass sie längst woanders wohne.
Ich bat darum, mitzufahren.
„Noch nicht“, sagte Bartels.
„Wir wollen nicht, dass Sie in Gefahr geraten.“
Sie bot an, eine Vertrauensperson zu benachrichtigen.
Ich rief meine Freundin Miriam an, die in Waren lebte.
Sie sagte nur: „Ich komme“, ohne meine Erklärung abzuwarten.
Während wir auf sie warteten, zeigte ich Bartels ein altes Foto auf meinem Telefon.
Emma saß darauf im Bootshaus, ungefähr zehn Jahre alt, neben einer orangefarbenen Rettungsweste.
Sandra stand hinter ihr.
„Könnte das bei einer Identifizierung helfen?“
„Vielleicht. Schicken Sie es uns bitte.“
Ich tat es und sah danach lange auf Emmas Gesicht.
Auf dem Bild lachte sie, ohne die Zähne zu zeigen.
Das hatte sie immer getan, wenn sie sich über etwas freute und gleichzeitig schüchtern war.
Gegen Morgen kam eine Rückmeldung vom Grundstück bei Röbel.
Das Wohnhaus sei verschlossen, der Hof verlassen.
Die Beamten hätten dort keine Person angetroffen.
Man prüfe nun weitere Orte und Verbindungen.
„Vielleicht hat sie Emma wieder zum See gebracht“, sagte ich.
„Hier hat das Babyfon gesprochen.“
Bartels war bereits dabei, genau diese Möglichkeit untersuchen zu lassen.
Kurz darauf erhielt sie eine neue Information.
Ein Nachbar des gemieteten Hofes hatte am Vorabend Sandras weißen Lieferwagen gesehen.
Er war mit einer schmalen, blauen Plane beladen gewesen und in Richtung eines stillgelegten Forstgeländes gefahren.
Tobias hörte es ebenfalls.
Er setzte sich schwer auf einen Stuhl.
„Dort steht eine alte Jagdhütte“, sagte er.
„Sandra hat den Schlüssel. Wenn sie merkt, dass ihr jemand folgt, fährt sie vielleicht weiter.“
Zum ersten Mal nannte er einen Ort, ohne von mir dazu gedrängt zu werden.
Doch die Beamtin stellte eine Frage, auf die er keine Antwort hatte.
„Woher wissen Sie, dass Frau Vogt dort einen Schlüssel besitzt?“
Tobias kannte den Weg zur Hütte. Und er hatte uns glauben lassen, er wisse nicht einmal, wo Emma festgehalten wurde.
Was hatte er dort tatsächlich gesehen? Lies weiter in Teil 4.













