„Mama … bitte leg nicht auf.“
„Mama … bitte leg nicht auf.“
Die Stimme kam aus dem alten Babyfon auf der Kommode.
Ich ließ den Karton fallen, den ich gerade in den Händen hielt.
„Was war das?“
Mein Mann Tobias stand am Fenster unseres Ferienhauses.
Er drehte sich nicht sofort um.
„Was denn?“
„Die Stimme.“
Jetzt sah er mich an.
„Welche Stimme?“
Ich zeigte auf das kleine, vergilbte Gerät.
„Aus dem Babyfon. Da hat jemand gesprochen.“
Tobias blickte zur Kommode.
Dann veränderte sich sein Gesicht.
Nur für einen Augenblick.
Aber ich sah es.
„Das ist irgendeine alte Aufnahme“, sagte er.
Ich antwortete nicht.
Denn ich kannte diese Stimme.
Oder zumindest glaubte ich, sie zu kennen.
Vier Jahre lang hatte ich davon geträumt, sie noch einmal zu hören.
Vier Jahre lang hatte ich mich gefragt, ob meine Tochter noch lebte.
Und jetzt hatte jemand durch ein altes Babyfon zu mir gesprochen.
Mit einer Stimme, die mich an Emma erinnerte.
Unsere Tochter war zwölf Jahre alt gewesen, als sie verschwand.
Wir hatten damals die Sommerferien in unserem kleinen Haus an der Müritz verbracht.
Emma liebte den See.
Sie konnte stundenlang am Ufer sitzen, Steine über das Wasser springen lassen und den vorbeifahrenden Segelbooten zusehen.
Dann kam jener Nachmittag, an dem wir sie nicht mehr fanden.
Die Polizei suchte die Wege ab. Helfer durchkämmten die Umgebung. Auch das Wasser wurde untersucht.
Wochenlang hofften wir auf einen Hinweis.
Irgendetwas.
Einen Menschen, der sie gesehen hatte.
Einen Gegenstand, den sie zurückgelassen hatte.
Aber es gab keine Spur, die erklärte, was mit ihr geschehen war.
Irgendwann wurden die Suchaktionen weniger.
Die Nachbarn fragten nicht mehr so häufig.
Das Leben um uns herum ging weiter.
Nur unseres nicht.
Tobias und ich hatten das Ferienhaus seitdem kaum noch betreten.
Jetzt waren wir zurückgekommen, um unsere Sachen zusammenzupacken.
Wir wollten das Haus verkaufen.
Zumindest wollte Tobias das.
Er behauptete, wir müssten endlich abschließen.
Ich hatte ihm nie gesagt, dass ich nicht wusste, wie man mit dem Verschwinden des eigenen Kindes abschließen sollte.
„Katharina.“
Tobias stand plötzlich neben mir.
„Du hörst mir gar nicht zu.“
Ich blickte auf das Babyfon.
Es war ein altes Modell mit einem kleinen Lautsprecher, einer Verbindungslampe und einer Taste, über die man zurücksprechen konnte.
Wir hatten es benutzt, als Emma noch klein war.
Später war es in einer Kiste auf dem Dachboden verschwunden.
Eigentlich hätte es längst aussortiert werden sollen.
Aber jetzt stand es angeschlossen auf der Kommode.
„Warum hast du das Gerät hier hingestellt?“, fragte ich.
Tobias zuckte mit den Schultern.
„Ich habe die alten Sachen durchgesehen.“
„Und warum ist es eingeschaltet?“
„Ich wollte sehen, ob es noch funktioniert.“
Ich sah ihn an.
„Du hast vorhin gesagt, es sei eine Aufnahme.“
„Ja. Vielleicht irgendeine Störung. Ein gespeicherter Ton.“
„Das Babyfon konnte doch gar nichts aufnehmen.“
Er antwortete nicht sofort.
Draußen bewegte der Wind die Schilfhalme am Ufer.
Irgendwo schlug eine lockere Holzlatte gegen die Terrasse.
Ich hörte alles ungewöhnlich deutlich.
Dann knackte der Lautsprecher erneut.
Ein kurzes, digitales Geräusch.
Tobias griff nach dem Gerät.
„Ich mache das jetzt aus.“
Ich legte meine Hand darauf.
„Warte.“
„Katharina, bitte.“
„Hast du das auch gehört?“
„Ich habe gar nichts verstanden.“
„Es hat Mama gesagt.“
Tobias schloss die Augen.
„Du weißt, was passiert, wenn du wieder anfängst, überall Emma zu hören.“
Dieser Satz traf mich.
Nicht, weil er völlig unrecht hatte.
Ich hatte in den vergangenen Jahren manchmal geglaubt, ihre Stimme in einem Supermarkt zu hören.
Einmal war ich einer Jugendlichen hinterhergelaufen, nur weil sie die gleiche Jacke getragen hatte wie Emma.
Aber das hier war anders.
Das Babyfon stand vor mir.
Die grüne Verbindungslampe leuchtete.
Und aus dem Lautsprecher kam ein leises Geräusch, das sich wie Atmen anhörte.
„Wo ist die andere Einheit?“, fragte ich.
Tobias sah zum Fenster.
„Keine Ahnung.“
„Die muss doch irgendwo sein, wenn das Gerät verbunden ist.“
„Vielleicht empfängt es etwas aus einem anderen Haus.“
„Hier draußen?“
Er hob die Schultern.
Ich betrachtete das Babyfon genauer.
Es war kein modernes Gerät, das mit dem Internet verbunden war.
Es arbeitete über eine Funkverbindung zwischen zwei zueinandergehörigen Einheiten.
Wenn tatsächlich jemand darüber sprach, musste irgendwo ein passendes Sendegerät eingeschaltet sein.
Ich wusste nur nicht, wo.
„Tobias, ich will eine Frage stellen.“
„Nein.“
Seine Antwort kam so schnell, dass ich zusammenzuckte.
„Warum nicht?“
Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.
„Weil du dich da wieder hineinsteigerst.“
Ich blickte auf das Gerät.
Die Verbindungslampe war immer noch an.
„Wenn niemand antwortet, mache ich es aus.“
Tobias schwieg.
Ich legte meinen rechten Zeigefinger auf die Sprechtaste.
Mein Herz schlug so schnell, dass ich Mühe hatte, ruhig zu atmen.
Dann drückte ich den Knopf.
„Hörst du mich?“
Ich ließ die Taste los.
Zuerst passierte nichts.
Aus dem Lautsprecher kam nur ein leises Rauschen, unterbrochen von kurzen digitalen Störgeräuschen.
Ich wartete.
Tobias machte einen Schritt zur Steckdose.
Dann ertönte die Stimme erneut.
„Ja.“
Nur dieses eine Wort.
Aber es war eine Antwort.
Auf meine Frage.
Ich starrte auf das Gerät.
„Tobias …“
Er war bereits an der Steckdose.
„Das reicht jetzt.“
Mit einer schnellen Bewegung zog er das Netzteil heraus.
Das Kabel rutschte über die Kante der Kommode.
Ich erwartete, dass die Verbindungslampe erlöschen würde.
Doch sie blieb grün.
Der Empfänger hatte auch einen Akku.
Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht.
Tobias stand mit dem herausgezogenen Netzteil in der Hand da.
„Siehst du?“, sagte ich leise.
Er blickte auf die leuchtende Lampe.
Ich wollte das Babyfon gerade anheben, als der Lautsprecher wieder knackte.
Diesmal sprach die Stimme deutlicher.
Nicht laut.
Nicht aufgeregt.
Fast flüsternd.
„Ist Papa bei dir?“
Meine Hand erstarrte über dem Gerät.
Ich drehte mich langsam zu Tobias um.
Er sah nicht mehr zu mir.
Er starrte auf den Lautsprecher.
Seine Lippen waren leicht geöffnet.
Das Netzteil glitt aus seiner Hand und schlug auf die Holzkommode.
Ich hatte meinen Mann in den vier Jahren seit Emmas Verschwinden oft weinen sehen.
Ich hatte erlebt, wie er verzweifelt, wütend und völlig erschöpft gewesen war.
Aber so hatte ich ihn noch nie gesehen.
Er wirkte nicht wie ein Vater, der gerade glaubte, die Stimme seiner vermissten Tochter zu hören.
Er wirkte wie ein Mann, der genau diese Frage gefürchtet hatte.













