Am Samstagabend wurden die Hochzeitseinladungen endgültig abgesagt.
Dr. Seidel kümmerte sich um die formalen Mitteilungen, und Clara Moretti rief die engsten Verwandten an.
Niemand erklärte den Gästen mehr, als notwendig war.
Luca wollte nicht, dass Lillis Worte zum Gesprächsstoff einer Gesellschaft wurden, die schon am Donnerstag stumm zugesehen hatte.
Clara kam selbst zur Villa, um ihren Bruder und ihre Nichte abzuholen.
Sie war älter als Luca und hatte die ruhige, bestimmte Art eines Menschen, der keinen großen Auftritt brauchte.
Als Lilli auf sie zulief, öffnete sie die Arme.
„Bruno kommt mit“, sagte das Mädchen sofort.
„Natürlich“, antwortete Clara. „Der beste Platz im Wohnzimmer wartet auf ihn.“
Luca half dem Hund über die Rampe in den Wagen.
Ich reichte ihm die Decke und die Medikamente.
Dann blieb ich am Gartentor zurück, obwohl er mir angeboten hatte, mitzufahren.
„Mein Vater braucht mich“, erklärte ich.
„Fahren Sie zu ihm“, sagte Luca. „Sie müssen heute nicht mehr arbeiten.“
Neumann brachte mich zur Einrichtung meines Vaters.
Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle.
Trotzdem schaute ich bei jedem Halt auf den Bürgersteig, weil mein Kopf nach Tagen voller Drohungen selbst harmlose Bewegungen zu Warnungen machte.
Mein Vater saß in seinem Sessel und sortierte alte Fotos.
Als ich eintrat, legte er sie weg.
„Du siehst aus, als hättest du drei Nächte nicht geschlafen.“
Ich setzte mich zu ihm.
Zum ersten Mal erzählte ich alles, ohne den schärfsten Teil wegzulassen.
Vom Hund, der nicht gehen wollte.
Von dem Kind, das vor vierzig Menschen weinte.
Und von einer Frau, die genau wusste, wie sehr ich meine Arbeit brauchte.
Er hörte lange zu.
Dann fragte er:
„Hast du Angst, dass ich ohne dein Geld nicht zurechtkomme?“
Ich konnte nicht antworten.
„Emma“, sagte er, „ich bin dein Vater. Ich wollte nie, dass du für mich Dinge erträgst, die dich kaputtmachen.“
„Die Rechnungen verschwinden aber nicht, nur weil wir darüber reden.“
„Nein“, sagte er. „Dann reden wir morgen auch mit der Sozialberatung. Vielleicht gibt es Hilfen, die wir noch nicht beantragt haben.“
Es war kein Wunder und keine Lösung für alles.
Aber zum ersten Mal seit Monaten lag die Verantwortung nicht mehr schweigend allein auf meinen Schultern.
In der Nacht blieb mein Handy neben dem Bett auf dem Nachttisch.
Einmal wachte ich auf und glaubte, Brunos Krallen über den Flur zu hören.
Dann erinnerte ich mich, dass er bei Lilli war.
Ich vermisste sein langsames Atmen, das in der Villa immer so verlässlich geklungen hatte.
Am Sonntagmorgen, zur Stunde, in der die ersten Gäste eigentlich in der Kirche hätten eintreffen sollen, rief Luca an.
Er sprach leise, damit Lilli nichts hörte.
„Die Polizei hat Viktor gefunden.“
Ich setzte mich auf.
„Ist jemand verletzt?“
„Nein. Niemand.“
Er berichtete nur, was Roth ihm freigegeben hatte.
Die Ermittler hatten Viktor am Samstagabend angetroffen und eine weitere geplante Zusammenkunft verhindert.
Bei den anschließenden Maßnahmen waren Nachrichten und Unterlagen sichergestellt worden, die den Verdacht gegen ihn und Vanessa erhärteten.
Beide wurden von der Polizei festgehalten; die Entscheidungen über weitere Haftmaßnahmen standen den zuständigen Stellen zu.
Die Nachrichten deuteten darauf hin, dass Luca nach der Hochzeit durch eine vorgeschobene dringende Besprechung von den anderen Gästen getrennt und an einen abgelegenen Ort gebracht werden sollte.
Dort hatte Viktor einen Angriff auf ihn vorbereitet.
Eine spätere Unfallgeschichte sollte die Umstände verschleiern.
Der Fahrer hatte sich geweigert, Teil dieser Fahrt zu werden.
„Dann sollte es wirklich nach Sonntag keinen Weg mehr zurück geben“, sagte ich.
„Sie haben offenbar damit gerechnet“, erwiderte Luca.
Er erzählte mir auch von den finanziellen Unterlagen.
Vanessa hatte sich von einer Eheschließung Zugang zu Vermögen versprochen, das ihr keineswegs automatisch vollständig zugestanden hätte.
Viktor wollte zudem von den Geschäften profitieren, die beide über falsche Rechnungen vorbereitet hatten.
Ihre Vorstellungen über Erbschaften waren genauso selbstsüchtig wie ungenau gewesen.
„Und Lilli?“, fragte ich.
Luca schwieg einen Augenblick.
„Sie sollte lernen, den Mann zu akzeptieren, der danach bei Vanessa sein würde. Sie haben über ihr Leben geredet, als dürfte sie nicht mitentscheiden.“
Ich drückte das Telefon fester ans Ohr.
„Sie hat Ihnen die Wahrheit gesagt“, erwiderte ich.
„Ja“, sagte er. „Und ich war fast nicht da, um sie zu hören.“
Später sprach ich kurz mit Roth.
Sie bat mich, über Einzelheiten der Ermittlungen nicht öffentlich zu reden und die Nachrichten auf meinem Handy unverändert aufzubewahren.
Eine abschließende Entscheidung über Schuld und Strafe würde Zeit brauchen.
Das, was wir wussten, genügte aber, um Lilli und Luca vorerst zu schützen.
Am Nachmittag kehrte ich für meine persönlichen Sachen zur Villa zurück.
Die Blumen im Speisesaal waren welk geworden.
Auf dem langen Tisch lag noch eine Sitzordnung, auf der Vanessa neben Luca eingeplant war.
Jemand hatte die Karte mit ihrem Namen auf die Rückseite gedreht.
Ich stand davor und dachte an die vierzig Gäste.
Damals hatte ich mich klein und austauschbar gefühlt.
Jetzt sah ich, wie leicht auch ein Mann wie Luca in seinem eigenen Haus nicht bemerkte, was vor seinen Augen geschah.
Neumann half mir, meinen Spind zu öffnen.
„Sie müssen nicht kündigen“, sagte er vorsichtig.
„Das weiß ich noch nicht.“
„Ich habe auch weggehört, wenn Frau Bellini jemanden zurechtgewiesen hat“, gab er zu. „Ich dachte, das gehe mich nichts an.“
Wir sahen beide auf die leere Stelle, an der Brunos Futternapf sonst stand.
„Es ging uns alle etwas an“, sagte ich.
Kurz darauf kam Luca mit Lilli und Clara zurück.
Die unmittelbare Gefahr war nach Einschätzung der Ermittler gebannt; die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen blieben zunächst bestehen.
Lilli stieg aus dem Wagen und ging langsam auf mich zu.
„Emma, muss ich wieder ohne dich hier sein?“
Ich kniete mich zu ihr.
Ich wollte nichts versprechen, bevor ich wusste, ob ich es halten konnte.
„Ich bin heute hier“, sagte ich. „Und morgen reden wir darüber, wie es weitergeht.“
Lilli nickte, als hätte sie verstanden, wie viel in diesem einen ehrlichen Satz steckte.
Luca wartete, bis sie mit Bruno ins Haus gegangen war.
Dann sagte er:
„Ich möchte Sie bitten zu bleiben. Aber diesmal nicht unter denselben Bedingungen.“
Ich sah ihn an.
Es war die erste Entscheidung, die nicht die Polizei, Vanessa oder die Angst um meinen Vater für mich treffen konnten.
Ob ich in diesem Haus wieder arbeiten konnte, würde nicht von Lucas Dankbarkeit abhängen dürfen. Lies in Teil 7, wie ich meine Entscheidung traf.













