Am Freitagmorgen hatte die Villa ihren gewohnten Klang verloren.
Kein Geschirr klapperte im Speisesaal, keine Musik lief aus der Küche.
Hinter den Fenstern lag Berlin unter einem grauen Himmel, und auf dem Flur stand noch eine Vase mit weißen Rosen, die für die Hochzeit geliefert worden waren.
Ich hätte die Blumen gern weggetragen.
Stattdessen führte ich Bruno langsam in den Garten.
Seine Hinterbeine bewegten sich steif, und nach wenigen Schritten blieb er stehen, um sich an meinem Knie abzustützen.
„Du musst heute nichts beweisen“, flüsterte ich.
Er hob den Kopf.
Im ersten Tageslicht bemerkte ich eine empfindliche Stelle an seiner rechten Schulter.
Als ich sie vorsichtig berührte, wich er aus.
Ich rief den Tierarzt an und vereinbarte einen Termin.
Luca hatte in der Nacht kaum geschlafen.
Er wartete mit Neumann in seinem Arbeitszimmer auf eine Kriminalbeamtin, die den Vorgang aufgenommen hatte.
Kommissarin Roth kam ohne große Gesten, mit einem Kollegen und einer schmalen Aktenmappe.
Sie ließ sich zuerst schildern, was jeder von uns selbst wahrgenommen hatte.
„Was das Kind gehört hat, darf nicht nachträglich zu Ihrer eigenen Erinnerung werden“, erklärte sie.
„Wir müssen Aussagen sauber voneinander trennen.“
Ich erzählte vom Flur am Donnerstag.
Ich hatte Bruno winseln hören, ihn vor Lillis Tür gefunden und Vanessa gesehen, die mir befahl, ihn herunterzubringen.
Ich hatte keinen fremden Mann gesehen.
Und ich hatte auch nicht gehört, was hinter der geschlossenen Tür gesprochen worden war.
„Gut, dass Sie das so deutlich sagen“, meinte Roth.
Luca legte meinen Eintrag aus dem Notizbuch auf den Tisch.
Er wollte ihn unbedingt als Beweis verstanden wissen.
Die Kommissarin fotografierte die Seite, fragte nach der Uhrzeit und ließ sich auch die Einträge davor und danach zeigen.
„Es ist eine zeitnahe Notiz“, sagte sie. „Mehr und weniger behaupten wir vorerst nicht.“
Dann befragte sie Neumann nach dem Besucherbuch.
Auf den Eingangsaufnahmen war ein kräftiger Mann mit dunklem Mantel zu erkennen.
Er hatte die Villa an drei verschiedenen Nachmittagen betreten.
Vanessa hatte ihn jedes Mal persönlich eingelassen.
„Das ist Viktor Falk“, sagte Neumann und zeigte auf das Standbild.
„Kennen Sie ihn?“, fragte Roth.
„Nicht persönlich. Ich habe den Namen erst gestern gelesen.“
Die Beamtin notierte die Aussage.
Sie erklärte, man werde prüfen, ob Viktor Falk sein wirklicher Name sei und in welcher Beziehung er zu Vanessa stand.
Luca zeigte ihr anschließend die geänderte Fahrplanung.
Nach der Trauung in einer kleinen Kirche sollte er mit Vanessa in einem Wagen zu einem Empfang fahren.
Später am Abend war eine zusätzliche Fahrt an einen abgelegenen Treffpunkt am Rand von Potsdam vorgesehen.
Eine private Firma sollte den Fahrer stellen.
„Diesen Termin habe ich nie bestätigt“, sagte Luca.
„Wer konnte Ihren Kalender ändern?“
„Meine Assistentin. Und Vanessa.“
„Hatte die Assistentin einen Auftrag von Ihnen?“
Er schüttelte den Kopf.
Roth betrachtete die ausgedruckte Bestätigung.
„Eine veränderte Fahrplanung beweist noch kein Verbrechen“, sagte sie. „In Verbindung mit der Äußerung über Sonntag müssen wir sie aber überprüfen.“
Das klang vorsichtig, fast enttäuschend.
Ich merkte, wie Luca die Hände zusammenpresste.
Er war gewohnt, mit einem Anruf Entscheidungen herbeizuführen.
Diesmal musste er aushalten, dass Fragen nicht sofort beantwortet wurden.
Lilli hatte bei einer vertrauten Betreuerin gefrühstückt.
Roth schlug vor, ihre weiteren Angaben in einem ruhigen, kindgerechten Gespräch durch eine dafür geschulte Kollegin aufnehmen zu lassen.
Luca war einverstanden.
Er fragte Lilli nicht noch einmal aus, obwohl ich sah, wie schwer es ihm fiel.
Gegen Mittag fuhr ich mit Bruno zum Tierarzt.
Neumann brachte uns, weil Bruno nicht mehr gut in einen gewöhnlichen Wagen einsteigen konnte.
Die Untersuchung ergab eine schmerzhafte Prellung und fortgeschrittene Gelenkbeschwerden.
Die Tierärztin konnte nicht sagen, wodurch die Prellung entstanden war.
„Er wurde vielleicht gestoßen, vielleicht ist er gestürzt“, erklärte sie. „Seine Untersuchung beweist nicht, wer ihm etwas getan hat.“
Ich war ihr für diese Ehrlichkeit dankbar.
Gleichzeitig machte mich der Gedanke wütend, dass Bruno möglicherweise ausgerechnet dann verletzt worden war, als er zu Lilli wollte.
Mit Medikamenten und einer Empfehlung für Schonung kehrten wir zurück.
Im Haus wartete Luca bereits auf uns.
Er war ungewöhnlich still.
„Wie geht es ihm?“
„Er braucht Ruhe. Und jemanden, der ihm beim Aufstehen hilft.“
Luca strich Bruno über den Rücken.
„Das bekommt er.“
Als ich in der Küche eine Schüssel Wasser abstellte, klingelte mein Handy.
Mein Vater war dran.
Seine Stimme klang müde, aber freundlich.
„Emma, du wolltest doch heute vorbeikommen. Ist alles in Ordnung?“
Ich hatte den Besuch vergessen.
Ich entschuldigte mich und sagte, es gebe Schwierigkeiten bei der Arbeit.
„Du klingst, als würdest du wieder alles allein tragen“, meinte er.
Seit seinem Umzug in die betreute Wohneinrichtung wollte er mich entlasten, obwohl er selbst Hilfe brauchte.
Ich versprach, ihn am Wochenende zu besuchen.
Dann betrachtete ich die Überweisungserinnerung auf meinem Handy.
Die nächste Zuzahlung war in wenigen Tagen fällig.
Ich hatte Angst, dass Vanessa mir eine Geschichte anhängen würde.
Die Angst war nicht neu.
Neu war nur, dass mir inzwischen klar geworden war, wofür ich bereit gewesen war, still zu bleiben.
Am Nachmittag rief Roth erneut an.
Sie hatte herausgefunden, dass die angebliche Fahrfirma die Buchung nicht bestätigen konnte.
Die angegebene Telefonnummer führte zu einem Anschluss, der erst vor Kurzem eingerichtet worden war.
„Bitte geben Sie uns jede weitere Nachricht dazu unverändert weiter“, bat sie Luca.
Kurz danach betrat Neumann die Küche.
In seiner Hand hielt er ein Protokoll der elektronischen Seitentür.
Er wirkte unglücklich.
„Emma, ich muss Sie etwas fragen“, sagte er.
Er zeigte mir mehrere Uhrzeiten, an denen die Tür im Obergeschoss geöffnet worden war.
Die ersten Einträge stammten von der Woche, in der Lilli angefangen hatte, nachts nicht mehr allein schlafen zu wollen.
„Was haben diese Zeiten mit mir zu tun?“
Neumann schluckte.
„Die Zutritte sind auf Ihre Mitarbeiterkennung gebucht.“
Ich starrte ihn an.
An zwei der Tage war ich nachweislich gar nicht im Haus gewesen.
Ich dachte an die Schichtbücher, die in der Küche abgelegt wurden, und an die Quittungen, die ich jeden Abend sorgfältig abzeichnete.
Zum ersten Mal war ich dankbar für diese langweilige Ordnung.
Vielleicht konnte ein Blatt Papier belegen, wo ich wirklich gewesen war, bevor jemand mich beschuldigte.
Trotzdem stand auf dem Ausdruck immer wieder derselbe Name.
Emma Weber.
Wieso hatte jemand meine Kennung benutzt, während Lilli Angst hatte? Lies in Teil 4, wie ich herausfand, wer mich in diese Geschichte hineingezogen hatte.













