Luca blieb vor Lilli auf den Knien.
Er fragte nicht sofort nach dem Namen des Mannes.
Stattdessen nahm er die Hände seiner Tochter in seine und wartete, bis sie wieder ruhiger atmete.
„Du hast nichts falsch gemacht“, sagte er.
Lilli blickte an ihm vorbei zu Vanessa.
Ihr Gesicht zeigte eine Angst, die ein Kind vor dem eigenen Vater nicht haben sollte: die Angst, wegen eines ausgesprochenen Satzes bestraft zu werden.
„Lilli, geh mit Emma ins kleine Wohnzimmer“, sagte Luca. „Bruno kommt mit.“
Vanessa setzte zu einem Einwand an.
Luca hob nur eine Hand.
„Nein. Du hast heute genug mit ihr gesprochen.“
Ich nahm Lilli vorsichtig an der Schulter.
Bruno stand mühsam auf und folgte uns über den langen Flur.
Hinter uns hörte ich Gläser klirren und einen Gast hastig nach seinem Mantel fragen.
Im kleinen Wohnzimmer brannte eine Stehlampe.
Hier hatte Lillis Mutter früher mit ihr Bilderbücher angeschaut; zumindest erzählte Lilli das manchmal, wenn sie das Foto auf dem Kaminsims betrachtete.
Ich setzte mich mit ihr aufs Sofa, während Bruno sich unmittelbar vor unsere Füße legte.
„Muss ich jetzt weg?“, fragte sie.
„Nein, Lilli.“
„Vanessa hat gesagt, Papa glaubt immer den Erwachsenen.“
Ich strich nicht über die Wahrheit hinweg.
Vor wenigen Minuten hatte ich selbst nicht gewusst, ob Luca mir glauben würde.
„Dein Papa hat dich gerade angehört“, sagte ich. „Und ich bleibe hier, solange du mich brauchst.“
Auf der anderen Seite der Tür wurden Stimmen lauter.
Vanessa erklärte offenbar den verbliebenen Gästen, Lilli sei übermüdet.
Ein Mann widersprach ihr ruhig.
Dann hörte ich Lucas Stimme.
„Die Feier ist beendet. Bitte lassen Sie uns heute allein.“
Nach und nach verstummten die Schritte.
Kurz darauf klopfte es.
Luca kam herein, ohne Vanessa.
Er hatte sein Jackett ausgezogen und sah zum ersten Mal nicht aus wie der Mann, vor dem im Haus alle verstummten.
Er sah aus wie ein Vater, der nicht wusste, wie viel er übersehen hatte.
„Ich habe Herrn Neumann gebeten, die Haustür zu bewachen“, sagte er zu mir.
Neumann leitete den Sicherheitsdienst der Villa.
Er war ein ruhiger Mann, der Bruno jedes Mal heimlich ein Stückchen Wurst gab, obwohl der Tierarzt es ausdrücklich verboten hatte.
„Lilli, ich muss dich noch etwas fragen“, begann Luca. „Wenn du nicht reden möchtest, hören wir auf.“
Das Mädchen nickte.
„Der Mann war schon öfter hier“, flüsterte sie. „Immer wenn du weg warst.“
„Hast du gehört, wie er heißt?“
Sie überlegte lange.
„Vanessa hat einmal Viktor zu ihm gesagt. Aber vor mir sollte ich ihn Papa nennen.“
Luca atmete hörbar ein.
„Hat er dir wehgetan?“
„Er hat mich am Arm festgehalten, als Bruno gebellt hat. Nicht doll. Aber ich sollte still sein.“
Sie schob ihren Nachthemdärmel hoch.
Ein dunkler Fleck war nicht zu sehen.
Trotzdem schämte ich mich, weil ich ihre Angst wochenlang für ein Problem gehalten hatte, das ich mit Geduld lösen konnte.
„Und Vanessa?“, fragte Luca.
„Sie hat gesagt, Bruno kommt ins Tierheim, wenn ich es dir erzähle.“
Bruno hob den Kopf, als hätte er seinen Namen verstanden.
Lilli umklammerte sein Halsband.
„Ich wollte nicht, dass er allein ist.“
Luca zog sie an sich.
Er sagte nichts Großes, nichts Beruhigendes, das er nicht garantieren konnte.
Er hielt sie einfach fest.
Als Lilli später mit einer vertrauten Kinderbetreuerin in ihr Zimmer ging, blieb ich mit Luca zurück.
Neumann stand in der Tür.
„Ich habe die Aufzeichnungen des Eingangs gesichert“, sagte er. „In den letzten drei Wochen gab es mehrere Besuche, die Frau Bellini selbst angemeldet hat.“
„Warum habe ich davon nichts erfahren?“, fragte Luca.
„Weil Sie mir ausdrücklich gesagt hatten, Frau Bellini dürfe Gäste empfangen.“
Diese Antwort traf Luca härter als jede Ausrede.
Er hatte Vanessa Vollmachten im Alltag eingeräumt und war davon ausgegangen, dass Nähe Vertrauen bedeutete.
Jetzt schien jede seiner Abwesenheiten einen Preis zu haben.
Vanessa tauchte im Flur auf.
Ihre Handtasche hing über ihrer Schulter.
„Ich fahre zu meiner Schwester“, sagte sie kühl. „Morgen reden wir, wenn du wieder vernünftig bist.“
„Du wirst heute Nacht nicht hierbleiben“, antwortete Luca. „Aber bevor du gehst, sagst du mir, wer Viktor ist.“
„Ein Bekannter. Er hat mir beim Organisieren geholfen.“
„Wobei?“
„Bei der Hochzeit, Luca. Du hast dich schließlich um nichts gekümmert.“
Er hielt ihrem Blick stand.
„Dann wird er sicher erklären können, warum meine Tochter ihn Papa nennen sollte.“
Vanessa schüttelte den Kopf.
„Du glaubst einer Angestellten und einem Kind mehr als mir?“
„Ich glaube zunächst meiner Tochter. Alles andere lassen wir prüfen.“
Sie ging an uns vorbei.
Niemand versuchte, sie festzuhalten.
Neumann notierte, wann sie das Haus verließ, und Luca rief anschließend die Polizei.
Er schilderte die Drohung, die wiederholten Besuche und Lillis Aussage.
Die Beamtin am Telefon stellte konkrete Fragen.
War Luca unmittelbar bedroht?
War der Mann noch im Haus?
Konnte Lilli an einem sicheren Ort bleiben?
Luca antwortete, so genau er konnte.
Ich hätte gehen dürfen.
Mein Dienst war längst zu Ende.
Aber ich musste noch aufschreiben, was ich am Nachmittag gesehen hatte, bevor Schlaf und Angst meine Erinnerung verwischten.
Ich nahm das schmale Notizbuch aus meiner Schürzentasche.
Darin standen Einkaufslisten, Medikamentenzeiten für Bruno und kleine Dinge, die ich im Haus erledigen sollte.
Auf einer Seite hatte ich bereits am selben Tag notiert: „15.40 Uhr: Bruno kratzt an Lillis Tür. Vanessa schickt ihn weg.“
Luca las den Eintrag.
„Warum haben Sie das aufgeschrieben?“
„Weil Bruno an dem Tag ungewöhnlich unruhig war. Ich wollte den Tierarzt fragen, falls es wieder passiert.“
Er sah mich lange an.
„Gut, dass Sie es getan haben.“
Dann kam Neumann mit einem Ausdruck aus dem elektronischen Besucherbuch zurück.
Dreimal war ein Mann unter dem Namen Viktor Falk angemeldet worden.
Die Einträge stammten von Vanessas Zugang.
„Das ist noch nicht alles“, sagte Neumann.
Er legte einen zweiten Ausdruck daneben.
Für Sonntag war eine neue Fahrt im Kalender eingetragen.
Lucas langjähriger Fahrer sollte nach der Trauung freihaben.
Stattdessen war ein unbekannter Wagen bestellt worden, und als Auftraggeberin stand dort Vanessa Bellini.
„Ich habe keinen anderen Fahrer bestellt“, sagte Luca.
Neumann senkte die Stimme.
„Und die Fahrt führt nicht zurück zur Villa.“
Ich schaute auf die Adresse, die unter Lucas Namen eingetragen war.
Der Ort lag weit außerhalb der geplanten Hochzeitsfeier.
Zum ersten Mal wirkte Lillis Satz wie die Beschreibung eines konkreten Plans.
Wer hatte entschieden, wohin Luca am Sonntag gebracht werden sollte? Finde es in Teil 3 heraus.













