Am Samstagmorgen hörte ich zum ersten Mal, wie Lilli im Nebenzimmer lachte.
Es war nur ein kurzes Lachen, weil Bruno sich beim Aufstehen auf seine eigene Decke gesetzt hatte.
Aber ich blieb vor der Tür stehen, als hätte jemand in diesem Haus ein Fenster geöffnet.
Luca hatte die Nacht auf dem Sofa vor Lillis Zimmer verbracht.
Am Frühstückstisch sah er erschöpft aus.
Seine Tochter schob ihm wortlos eine Scheibe Toast zu.
Er lächelte müde und aß sie, obwohl sein Kaffee längst kalt war.
„Fahren wir heute wirklich zu Tante Clara?“, fragte Lilli.
„Ja. Und ich bleibe bei dir.“
„Nicht nur bis zum Abend?“
Luca legte das Messer ab.
„Nicht nur bis zum Abend.“
Ich sah, wie sie versuchte, dieses Versprechen in ihrem Gesicht unterzubringen.
Es war für sie offenbar ungewohnt, dass ihr Vater Zeit nicht nur ankündigte, sondern tatsächlich freihielt.
Gegen zehn Uhr kam Kommissarin Roth wieder.
Sie sprach zuerst allein mit Luca und Neumann, dann mit mir.
Ihre Kollegin hatte Lillis Aussage in einem geschützten Gespräch aufgenommen.
Das Kind sollte nun nicht ständig dieselben Fragen beantworten müssen.
„Sie hat den Mann wiedererkannt“, erklärte Roth. „Aber allein deshalb ist noch nicht bewiesen, was er beabsichtigt hat.“
„Hat sie noch etwas erzählt?“, fragte ich.
Roth überlegte kurz.
„Sie sagte, Vanessa habe ihr erklärt, eine neue Familie müsse sich an neue Regeln gewöhnen. Über ihre Mutter dürfe sie dann nicht mehr sprechen.“
Mir wurde kalt.
Ich erinnerte mich an Lillis nächtliches Flüstern, an Bruno vor ihrer Tür und an die Wochen, in denen ich mir eingeredet hatte, das Kind brauche vielleicht einfach mehr Zeit, um Vanessa zu akzeptieren.
„Warum wollte sie das?“, fragte ich.
„Das ist eine Frage an Vanessa“, antwortete Roth.
Sie klang weder verärgert noch beschwichtigend.
Sie wollte nicht aus der Erinnerung eines Kindes eine Erklärung basteln, die das Kind selbst nicht gegeben hatte.
Kurz vor Mittag erhielt Luca einen Anruf von seinem Anwalt, Dr. Seidel.
Der Anwalt hatte die Unterlagen der Hochzeitsplanung überprüft und mit dem zuständigen Büro gesprochen.
Ein Teil der Ausgaben war über eine Firma abgerechnet worden, mit der weder Luca noch sein Team zuvor gearbeitet hatte.
Die Firma gehörte einer Person aus dem früheren Geschäftsumfeld von Viktor Falk.
Mehrere Rechnungen waren auffällig hoch und erst vor wenigen Tagen eingereicht worden.
„Das erklärt möglicherweise Geldbewegungen“, sagte Seidel am Telefon. „Aber es erklärt noch nicht die Drohung.“
Luca ließ die Informationen an Roth weitergeben.
Er widerstand dem Drang, Viktor selbst anzurufen.
Später erzählte er mir, wie schwer ihm das gefallen war.
„Ich hätte ihm früher gedroht, bevor er überhaupt das erste Wort gesagt hätte“, gab er zu.
„Und dann?“, fragte ich.
„Dann hätte ich wahrscheinlich nicht erfahren, was er vorhat.“
Es war keine heldenhafte Einsicht.
Es war etwas Schwierigeres für Luca: die Erkenntnis, dass Macht und Kontrolle nicht dasselbe waren.
Nach dem Mittagessen packten wir Lillis Sachen.
Sie nahm drei Bücher mit, das Foto ihrer Mutter und die kleine rosa Lampe, die sie neben ihrem Bett einschaltete, wenn sie nachts aufwachte.
Für Bruno brauchten wir seine Medikamente, die Decke und eine Rampe, damit er in den Wagen steigen konnte.
Als ich die Medikamente in eine Tasche legte, bemerkte Lilli meine zitternden Hände.
„Hast du auch Angst vor Vanessa?“, fragte sie.
Ich hätte einfach Nein sagen können.
Ein Erwachsener, der unerschütterlich wirkt, beruhigt vielleicht schneller.
Aber Lilli hatte zu lange mit Erwachsenen gelebt, deren Worte nicht zu ihren Gesichtern passten.
„Ja“, sagte ich. „Manchmal schon.“
Sie sah mich überrascht an.
„Aber du hast ihr trotzdem widersprochen.“
„Weil du und Bruno Hilfe gebraucht habt.“
Lilli dachte nach.
„Dann kann man Angst haben und trotzdem etwas sagen?“
„Ja. Manchmal geht das.“
Sie legte einen Arm um Brunos Hals.
Später, als wir bereits an der Haustür standen, klingelte Lucas Telefon erneut.
Es war Roth.
Sie bat ihn, nicht loszufahren, bevor sie noch einmal mit ihm gesprochen hatte.
Ein Mann hatte sich bei der Polizei gemeldet, der für Sonntag als Fahrer angefragt worden war.
Er hieß Jan Peters.
Er hatte geglaubt, eine gewöhnliche private Fahrt zu übernehmen.
Dann waren die Anweisungen mehrfach geändert worden.
Der Auftraggeber hatte verlangt, dass er Luca nach dem Empfang an einen anderen Ort bringen solle, ohne darüber mit Lucas eigenem Fahrdienst zu sprechen.
Peters hatte Fragen gestellt.
Daraufhin war ihm zusätzliches Geld angeboten worden.
Als er ablehnte, sollte er seine bereits erhaltene Anzahlung behalten und niemandem etwas erzählen.
„Er hat die Nachrichten aufbewahrt“, sagte Roth. „Wir prüfen ihren Inhalt und ihre Herkunft.“
Ich hielt die Tasche mit Brunos Medikamenten so fest, dass der Henkel in meine Hand schnitt.
Luca fragte:
„Hat er gesagt, was dort geschehen sollte?“
„Er kann nicht bestätigen, was andere am Zielort vorhatten. Aber er hat eine Nachricht erhalten, in der davon die Rede ist, dass Sie nach der Fahrt nicht wieder in der Villa ankommen werden.“
Luca schloss die Augen.
Zum ersten Mal sagte er laut, was seit Donnerstag zwischen uns stand.
„Sie wollten mich verschwinden lassen.“
Roth antwortete nicht sofort.
„Wir haben Hinweise auf eine schwere geplante Straftat“, sagte sie schließlich. „Darum handeln wir jetzt nicht mehr nur wegen einer familieninternen Drohung.“
Sie bat darum, Lilli zunächst im gesicherten Haus zu behalten, bis ihre Kollegen die Fahrt zur Tante begleiten konnten.
Keiner von uns widersprach.
Eine Viertelstunde später kam eine weitere Nachricht von Roth.
Vanessa und Viktor waren über die geplante Fahrt hinaus auch wegen Geldtransfers ins Blickfeld geraten.
Für mehrere notwendige Maßnahmen lagen inzwischen richterliche Anordnungen vor.
Ich ging zu Bruno und kniete mich neben ihn.
Er hob müde den Kopf, als wollte er wissen, warum schon wieder alle Menschen so angespannt waren.
„Du hattest recht“, flüsterte ich, obwohl ich wusste, dass er keine Pläne und Namen verstand.
Er hatte nur gespürt, dass Lilli Angst hatte, und war zu ihrer Tür gelaufen.
Dann vibrierte mein Handy.
Auf dem Display erschien erneut die unbekannte Nummer.
Diesmal stand dort nur ein Satz:
„Morgen ist es zu spät, um alles zurückzunehmen.“
Ich zeigte die Nachricht sofort Roth.
Wenn Vanessa und Viktor wussten, dass wir gesprochen hatten, blieb die Frage, ob sie den Plan aufgeben oder gerade deshalb handeln würden.
Würde die Polizei sie erreichen, bevor aus der Drohung Wirklichkeit wurde? Lies in Teil 6, was geschah, als der Sonntag kam.













