„Entweder dieser dreckige Hund verschwindet heute noch aus meinem Haus, oder du kannst gleich mitgehen!“
Vanessa Bellinis Stimme hallte durch den Speisesaal der Moretti-Villa in Berlin-Grunewald.
Vierzig Gäste verstummten.
Vanessa zeigte auf Bruno, einen vierzehn Jahre alten Deutschen Schäferhund, der neben meinen Füßen lag.
Ich trug noch meine schwarze Dienstkleidung.
Meine Hände zitterten, aber ich wich keinen Schritt zurück.
„Bitte, Frau Bellini. Bruno hat niemandem etwas getan.“
Sie lachte verächtlich.
„Ach nein? Heute Nachmittag hätte er mich beinahe gebissen!“
„Bruno hat noch nie jemanden gebissen.“
Vanessas Augen verengten sich.
„Willst du mich etwa eine Lügnerin nennen?“
Mein Name ist Emma Weber.
Ich bin fünfundzwanzig und arbeite seit dreizehn Monaten für die Familie Moretti.
Ich brauchte diese Stelle dringend.
Mein Vater war vor Kurzem in eine betreute Wohneinrichtung gezogen.
Jeden Monat musste ich einen erheblichen Teil der Kosten selbst bezahlen.
Was mir nach Miete und Rechnungen blieb, reichte kaum zum Leben.
Aber Bruno war für mich niemals nur ein Hund, um den ich mich neben der Hausarbeit kümmerte.
Er war das letzte Geschenk, das Lucas verstorbene Frau ihm hinterlassen hatte.
Und jede Nacht schlief der alte Schäferhund vor der Schlafzimmertür seiner Tochter.
Vanessa schnippte mit den Fingern und deutete auf die Sicherheitsleute.
„Schafft ihn weg.“
Bruno versuchte aufzustehen.
Seine Hinterbeine zitterten, und für einen Augenblick verlor er beinahe das Gleichgewicht.
Ich kniete mich sofort neben ihn.
„Ganz ruhig, mein Großer.“
Vanessa verzog das Gesicht.
„Seht ihn euch doch an! Er kann kaum noch laufen.“
Einige Gäste senkten beschämt den Blick.
Da hörte ich eine leise Stimme von der Treppe.
„Bitte nehmt Bruno nicht weg.“
Lilli Moretti stand barfuß auf den Stufen.
Sie war neun Jahre alt, trug ihr rosafarbenes Nachthemd und hatte Tränen auf den Wangen.
„Lilli, geh sofort wieder ins Bett“, befahl Vanessa.
„Aber Bruno hat doch gar nichts gemacht!“
„Lilli!“
Das Mädchen zuckte zusammen.
In genau diesem Moment betrat Luca Moretti den Speisesaal.
Er war fünfunddreißig, trug einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug und hatte eine Art, einen Raum zum Schweigen zu bringen, ohne laut werden zu müssen.
In Berlin kannte man seinen Namen.
Niemand sprach offen darüber, womit er wirklich sein Geld verdiente.
Luca betrachtete zuerst seine Tochter, dann Bruno und schließlich mich.
„Was ist hier los?“
Vanessa eilte zu ihm.
„Schatz, zum Glück bist du da! Deine Hausangestellte weigert sich, meine Anweisungen zu befolgen. Dieser Hund hat mich angegriffen, und Emma will ihn nicht wegbringen.“
Luca antwortete nicht.
Er ging zu Bruno und hockte sich vor ihn.
Der alte Hund legte seine graue Schnauze vorsichtig auf Lucas Knie.
„Na, mein Alter“, murmelte Luca.
Für einen Augenblick wurde sein Gesicht weich.
Dann sah er zu Vanessa auf.
„Wo hat er dich gebissen?“
Sie zögerte.
„Er ist auf mich losgegangen. Ich konnte gerade noch ausweichen.“
„Du hast gesagt, er hätte dich angegriffen.“
„Das hat er auch!“
„Wo war das?“
„Oben auf dem Flur.“
Mir wurde flau im Magen.
Denn ich hatte Bruno am Nachmittag genau dort gefunden.
Er hatte leise gewinselt und mit seinen Pfoten an Lillis Schlafzimmertür gekratzt.
Vanessa hatte mir sofort befohlen, ihn nach unten zu bringen.
Luca drehte sich zu seiner Tochter.
„Lilli, hast du gesehen, was passiert ist?“
Das Mädchen schaute ängstlich zu Vanessa.
„Luca, sie ist erst neun“, sagte Vanessa hastig. „Du weißt doch, wie schnell Kinder etwas durcheinanderbringen.“
„Ich habe meine Tochter gefragt.“
Lilli begann zu weinen.
„Papa, Bruno wollte mich beschützen.“
Niemand sagte ein Wort.
„Wovor, mein Schatz?“, fragte Luca.
Vanessa machte einen Schritt nach vorn.
„Jetzt reicht es. Emma hat ihr diesen Unsinn eingeredet!“
Ich stand auf.
„Nein, Frau Bellini.“
Alle sahen mich an.
„Wie bitte?“
„Ich habe Lilli nichts eingeredet.“
Vanessas Lächeln verschwand.
„Dann solltest du dich daran erinnern, wer dein Gehalt bezahlt.“
Mir schnürte es die Kehle zu.
Ich dachte an meinen Vater, seine Rechnungen und daran, wie schnell ich meine Wohnung verlieren könnte, wenn Luca mich entließ.
Aber Lilli sah mich an.
Ich konnte sie nicht alleinlassen.
„Herr Moretti, Ihre Tochter hat seit fast drei Wochen jeden Abend Angst, wenn Sie nicht zu Hause sind.“
Luca richtete sich langsam auf.
„Seit wann genau?“
„Seit fast drei Wochen.“
„Warum hat mir niemand etwas gesagt?“
„Weil Frau Bellini behauptet hat, Lilli benehme sich schlecht. Und weil sie mir mit der Kündigung gedroht hat, falls ich mich einmische.“
Vanessa griff plötzlich nach ihrer Handtasche.
„Das ist lächerlich. Ich lasse mich doch nicht von einer Angestellten beleidigen.“
Lucas Stimme blieb vollkommen ruhig.
„Leg die Tasche hin, Vanessa.“
Sie erstarrte.
Er wandte sich wieder seiner Tochter zu.
„Mein Schatz, was ist oben passiert?“
Lilli wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab.
„Bruno hat angefangen zu bellen, als der Mann kam.“
Lucas Gesicht veränderte sich.
„Welcher Mann?“
Vanessa flüsterte:
„Lilli, Liebes, denk daran, was wir besprochen haben.“
Die Schultern des Mädchens begannen zu beben.
Ich trat näher zu ihr.
Luca sah Vanessa direkt in die Augen.
„Sprich nicht mit ihr.“
Dann sagte Lilli etwas, das ich niemals vergessen werde.
„Papa, ich wollte ihn nicht so nennen. Ich habe Vanessa gesagt, dass ich doch schon einen Papa habe.“
Luca kniete sich vor seine Tochter.
„Wie solltest du ihn nennen, mein Schatz?“
Lilli blickte zu Vanessa.
„Sie hat gesagt, ich muss üben, ihn Papa zu nennen, bevor du weg bist.“
Lucas Gesicht wurde vollkommen regungslos.
Dann flüsterte Lilli:
„Und Papa … der Mann hat Vanessa gesagt, dass du nach Sonntag nicht mehr nach Hause kommst.“
Bis Sonntag waren es noch drei Tage.
An diesem Sonntag sollten Luca und Vanessa heiraten.
Ich sah den alten Hund zwischen uns liegen und begriff, dass seine Angst vielleicht die einzige Warnung gewesen war, die jemand ernst genommen hatte.
Aber niemand wusste, was am Hochzeitstag geschehen sollte.
Warum war Bruno der Einzige gewesen, der sich dem fremden Mann entgegengestellt hatte? Lies weiter in Teil 2.













