Ich ließ Matthias das Video noch einmal abspielen. Es dauerte nur wenige Sekunden. Valerie stellte die Tasche so dicht an das Glas, dass dessen Fuß über den Rand des Tisches rutschte. Danach zog sie die Tasche zurück, blickte zum Ausgang und rief Isabelle herbei.
„Warum haben Sie gestern nichts gesagt?“, fragte ich.
Matthias schob sein Telefon fort. „Weil ich dachte, Sie beide würden das untereinander regeln. Und weil ich mit Ihnen noch über den gemeinsamen Auftrag sprechen muss. Ich wollte mich nicht dazwischenstellen.“
Ich kannte diese Art von Erklärung. Man gab dem Schweigen einen vernünftigen Namen und hoffte, es müsse dann keine Entscheidung mehr sein.
„Ich habe selbst zu oft weggesehen“, sagte ich. „Aber Isabelle stand allein in diesem Raum. Einer von uns hätte eingreifen müssen.“
Matthias nickte langsam. „Ich werde ihr sagen, dass es mir leidtut.“
Er bot an, die Aufnahme an jeden zu schicken, der gestern dabei gewesen war. Ich lehnte ab. Isabelle war ohne ihr Einverständnis gefilmt worden. Ihr Gesicht und ihre Demütigung sollten nicht als Gesprächsstoff durch Hamburg wandern.
„Bewahren Sie die Originaldatei auf“, bat ich. „Falls wir klären müssen, wer den Wein verschüttet hat, werden wir sie geordnet verwenden.“
Als Matthias gegangen war, rief ich Isabelle an. Ich erklärte ihr, dass ein Gast eine Aufnahme habe, die ihre Aussage bestätige, und fragte, ob sie bereit sei, sie gemeinsam mit Nora anzusehen. Sie wollte zuerst wissen, ob Valerie ebenfalls anwesend sein würde.
„Nein“, antwortete ich. „Nicht ohne Ihre Zustimmung.“
Sie kam am Nachmittag. Diesmal trug sie keine Arbeitskleidung, sondern einen grauen Mantel und einen Rucksack. Sie blieb zunächst im Türrahmen der Bibliothek stehen, bis Nora ihr einen Platz anbot.
Isabelle sah sich die Aufnahme an, ohne ein Wort zu sagen. Als der Wein über den Boden lief, drückte sie auf Pause.
„Ich habe die Tasche gesehen“, sagte sie. „Aber ich dachte, sie hätte das Glas aus Versehen berührt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie danach behaupten würde, es sei meine Schuld.“
„Wissen Sie, weshalb sie Sie unbedingt loswerden wollte?“
Isabelle zog ein gefaltetes Blatt aus dem Rucksack. „Vielleicht deswegen.“
Es war eine Kopie der Stundenaufstellung, die sie für die geplante Feier erstellt hatte. Valerie hatte zusätzliche Schichten eingetragen, darunter mehrere Abende während Isabelles Unterricht. Am Rand stand handschriftlich: „Keine Ausnahmen mehr.“
„Ich habe Frau Krüger vor einer Woche gesagt, dass ich diese Änderungen nicht akzeptieren kann“, erklärte Isabelle. „Sie antwortete, ich würde spätestens nach der Hochzeit verstehen, dass nur noch ihre Anweisungen gelten.“
Sie hielt kurz inne. „Dann sah ich zufällig die Liste auf dem Drucker, auf der mein Name durchgestrichen war. Ich fragte, ob meine Stelle wegfällt. Sie sagte, ich würde sowieso nicht mehr lange hier arbeiten.“
Es war keine spektakuläre Enthüllung. Gerade die Gewöhnlichkeit machte mich wütend. Jemand hatte versucht, eine Beschäftigte aus einem Arbeitsplatz zu drängen, weil diese an einer schriftlich vereinbarten Regelung festhielt.
„Warum sind Sie geblieben?“, fragte ich.
„Ich wollte die Hochzeit abwarten und mir in Ruhe etwas Neues suchen. Außerdem dachte ich, wenn ich gehe, glaubt jeder, ich hätte wirklich etwas falsch gemacht.“
Nora holte inzwischen den Personalordner aus dem Verwaltungsschrank. Dort lag ein Entwurf einer Abmahnung gegen Isabelle, nicht unterschrieben, aber mit Valeries handschriftlichen Korrekturen. Als Anlass war „respektloses Verhalten während des Empfangs“ vorgesehen. Die genaue Behauptung über den verschütteten Wein fehlte noch.
Das Dokument bewies nicht allein, dass sie das Glas absichtlich angestoßen hatte. Zusammen mit ihren Notizen, der Aufnahme und den Dienstplänen ergab sich jedoch ein erschreckend klares Bild: Sie hatte eine Auseinandersetzung erwartet und die Folgen für Isabelle vorbereitet.
Ich fragte Isabelle, was sie jetzt brauche.
„Vor allem Ruhe“, sagte sie. „Und dass niemand meiner Schule erzählt, ich hätte meine Arbeit nicht ordentlich gemacht.“
„Das wird von meiner Seite nicht geschehen.“
„Und die Stunden, die ich zusätzlich gearbeitet habe?“
Nora schrieb sie sofort auf. Wir vereinbarten, die Abrechnung zu prüfen und ausstehende Vergütung nachzuzahlen. Ich wollte keinen großzügigen Gefallen daraus machen. Es war Geld, das Isabelle für geleistete Arbeit zustand.
Am frühen Abend verließ Valerie das Haus. Nora war anwesend, als sie ihre Koffer und persönlichen Unterlagen zusammenpackte. Wir hielten fest, welche Gegenstände sie später abholen wollte. Die Schlüssel hatte ich bereits zurückerhalten; die Zugänge und die Verwaltung der Hauspost ließ ich prüfen. Ich sprach nicht von einer Räumung und drohte ihr nicht mit der Polizei. Valerie hatte sich selbst entschieden, vorerst zu ihrer Cousine zu gehen.
Beim Abschied blieb sie vor der Treppe stehen.
„Du zerstörst unser Leben wegen einer Haushälterin“, sagte sie.
„Nein. Ich beende unsere Verlobung wegen der Art, wie du mit Menschen umgehst, sobald du glaubst, dass niemand widersprechen wird.“
Sie blickte auf meinen Stock. „Du wirst noch merken, wie schwer es ist, allein zurechtzukommen.“
Früher hätte mich dieser Satz verunsichert. Ich hatte mich daran gewöhnt, ihr für jede kleine Hilfe dankbar zu sein. Nun antwortete ich nur, dass Hilfe kein Recht auf Kontrolle begründe.
Am nächsten Tag sagte ich die Hochzeit beim Standesamt ab und informierte die gebuchten Dienstleister. Manche Leistungen waren bereits erbracht, andere Verträge ließen sich nur gegen Gebühren beenden. Ich nahm diese Kosten in Kauf. Es wäre teurer gewesen, die Hochzeit aus Angst vor peinlichen Fragen stattfinden zu lassen.
Ich musste auch die Gäste informieren. Nicht alle hatten den Vorfall vollständig gesehen, und ich wollte weder Gerüchte über Isabelle verbreiten noch Valerie vor Menschen anklagen, die nur Bruchstücke kannten. Deshalb schrieb ich eine kurze Nachricht: Die Verlobung sei beendet, die Hochzeit abgesagt, und das Verhalten gegenüber einer Mitarbeiterin am Empfang sei inakzeptabel gewesen. Ich übernehme die Verantwortung dafür, dass es in meinem Haus überhaupt so weit gekommen sei.
Zwei Gäste antworteten mit Fragen nach Einzelheiten. Ich schrieb zurück, dass ich darüber nicht sprechen werde. Eine Frau, die neben der Treppe gestanden hatte, schickte mir dagegen nur einen Satz: Sie hätte in diesem Moment einschreiten müssen. Ich zeigte Isabelle diese Nachricht nicht. Eine Entschuldigung, die den Verletzten erreicht, sollte nicht erst über den Arbeitgeber einen Umweg nehmen müssen.
Am späten Nachmittag meldete sich die Agentur Nordstern Events. Eine Mitarbeiterin schickte mir eine Rechnung für eine Anzahlung und verwies auf einen verbindlichen Auftrag. Ich erklärte, dass mir ein solcher Auftrag nicht bekannt sei, und bat um die Vertragsunterlagen.
Eine Viertelstunde später lag das Dokument in meinem Postfach. Die Summe betrug achtundzwanzigtausend Euro. Unter dem Text befand sich eine Unterschrift, die meiner täuschend ähnlich sah.
Aber ich hatte dieses Dokument nie unterschrieben.
Wie meine Unterschrift auf diesen Auftrag gelangt war, erfährst du in Teil 5.













