Valerie sah auf meine ausgestreckte Hand, als hätte ich sie um etwas Ungeheuerliches gebeten.
„Willst du mich wirklich vor deinen Gästen hinauswerfen?“, fragte sie.
„Ich habe dich gebeten, mir den Schlüssel zu geben. Mehr noch nicht.“
„Das ist doch dasselbe.“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Hinauswerfen würde bedeuten, dass ich dich ohne deine Sachen und ohne eine Möglichkeit, darüber zu sprechen, vor die Tür setze. Das werde ich nicht tun. Aber ich möchte heute nicht so weitermachen, als sei nichts geschehen.“
Aus der Küche drang das Klappern von Geschirr. Sonst blieb es still. Ich spürte, dass mein Bein nachgab, und stützte mich stärker auf den Stock. Valerie bemerkte es sofort.
„Robert, setz dich doch erst einmal“, sagte sie plötzlich sanft. „Du bist erschöpft. Morgen sehen wir alles anders.“
Diese Stimme kannte ich. Mit ihr hatte sie mich in den vergangenen Monaten durch schlechte Nächte und Arzttermine begleitet. Es schmerzte, dass sie dieselbe Stimme jetzt benutzte, um eine Antwort zu vermeiden.
„Mein Bein hat mit dem, was ich gehört habe, nichts zu tun.“
Sie ließ die Hand in die Tasche gleiten und zog den silbernen Ring hervor. Zwei Schlüssel hingen daran. Der größere gehörte zur Haustür. Der kleinere war aus Messing, mit einem schwarzen Punkt auf dem Kopf.
Ich erkannte ihn sofort.
„Das ist der Schlüssel zu meinem Arbeitszimmer.“
Valerie sah auf den Ring. „Du hast ihn mir doch gegeben.“
„Nein. Den Haustürschlüssel habe ich dir gegeben.“
„Dann habe ich ihn wohl mitgenommen, als ich nach einem Brief gesucht habe. Es ist doch auch bald mein Zuhause.“
Ich hielt ihr weiter die Hand hin. Schließlich legte sie beide Schlüssel hinein. Ihre Fingerspitzen waren kalt.
„Wir werden unter vier Augen sprechen“, sagte ich. „Vorher möchte ich aber etwas anderes klären.“
Ich wandte mich den Gästen zu. „Der Empfang ist für heute beendet. Es tut mir leid, dass Sie auf diese Weise gehen müssen.“
Einige bewegten sich sofort in Richtung Garderobe. Andere blieben stehen, als warteten sie auf eine versöhnliche Bemerkung von mir. Mein alter Bekannter Matthias Beck näherte sich einen Schritt.
„Robert, vielleicht war das bloß ein unglücklicher Augenblick.“
„Für Isabelle war es kein unglücklicher Augenblick. Sie sollte sich vor zwanzig Menschen auf die Knie begeben.“
Matthias schwieg. Ich hatte ihn seit fünfzehn Jahren gekannt. Wir hatten Verträge zusammen verhandelt und uns in schwierigen Zeiten unterstützt. Gerade deshalb enttäuschte mich sein Versuch, das Geschehene kleinzureden.
Ich bat die beiden Servicekräfte, die noch im Durchgang standen, ihre Arbeit für den Abend einzustellen. Alle sollten bezahlt werden, als wäre der Empfang regulär zu Ende gegangen. Das versprach ich ihnen ausdrücklich, bevor einer von ihnen auf die Idee kommen konnte, die Absage werde von seinem Lohn abgezogen.
Isabelle stand noch immer nahe der Treppe. Ich fragte sie, ob wir in der Küche sprechen könnten. Sie nickte, aber ihre Schritte waren vorsichtig.
Dort zog ich einen Stuhl hervor. Auf dem Tisch lagen die Listen für das Abendessen, ordentlich nach Speisen und Allergien sortiert. Isabelle betrachtete die Zettel, als sei die Arbeit leichter zu verstehen als das, was gerade passiert war.
„Sie müssen mir nichts erzählen, wozu Sie nicht bereit sind“, sagte ich. „Aber ich möchte wissen, ob so etwas schon einmal vorgekommen ist.“
Sie setzte sich erst, nachdem ich es ebenfalls getan hatte.
„Nicht genau so.“
„Wie dann?“
„Frau Krüger hat mich oft vor den anderen zurechtgewiesen. Wegen Kleinigkeiten. Wenn ich fragte, warum meine Arbeitszeiten geändert worden waren, hieß es, ich sei undankbar.“
„Welche Arbeitszeiten?“
Sie zog ihr Telefon hervor. Auf dem Bildschirm lag der Stundenplan ihrer Weiterbildung zur Fachwirtin im Gastgewerbe. Daneben hatte sie die Dienstpläne fotografiert.
„Wir hatten vereinbart, dass ich dienstags und donnerstags um fünf gehen kann. In den vergangenen vier Wochen stand ich an diesen Tagen bis neun auf dem Plan.“
„Wer hat das angeordnet?“
„Frau Krüger. Sie sagte, Sie hätten die Entscheidung geändert.“
Ich konnte mich genau an unser Gespräch erinnern. Wir hatten am Schreibtisch gesessen, und ich hatte ihr zugesagt, dass die Ausbildung Vorrang haben dürfe, solange wir die Dienstzeiten rechtzeitig abstimmten.
„Ich habe daran nichts geändert.“
Isabelle starrte auf die Hände. „Das habe ich gehofft. Aber ich konnte nicht riskieren, meine Stelle zu verlieren. Ich bezahle von meinem Gehalt einen Teil der Miete meiner Mutter.“
Jetzt verstand ich wenigstens einen Teil ihres Schweigens. Mein Haus war für Valerie ein Statussymbol. Für Isabelle war es ein Arbeitsplatz, von dem andere Menschen abhingen.
Ich fragte, warum sie nicht zu mir gekommen sei.
„Ich habe es versucht“, sagte sie.
Sie zeigte mir drei Nachrichten, die sie an die allgemeine Hausadresse geschickt hatte. Sie hatte um ein kurzes Gespräch gebeten, zuerst höflich, dann dringlicher. Auf keine Nachricht war eine Antwort gekommen.
„Diese Adresse liest seit einem Monat Frau Krüger“, erklärte Isabelle. „Sie sagte, Sie brauchten Ruhe und sollten nicht mit Nebensachen belastet werden.“
Das hatte Valerie mir tatsächlich vorgeschlagen. Nach einer Untersuchung meines Beins war ich froh gewesen, weniger Anrufe zu bekommen. Ich hatte nicht gefragt, welche Nachrichten sie für mich aussortierte.
„Das war ein Fehler von mir“, sagte ich.
Ich bat sie, mir die Dienstpläne später als Kopien zu geben, wenn sie damit einverstanden sei. Ich wollte ihre Angaben nicht nur aus Empörung heraus glauben, sondern nachprüfen können, wo meine Verantwortung begann. Den versäumten Unterricht konnte ich nicht zurückgeben. Aber ich konnte dafür sorgen, dass künftig niemand mehr unter meinem Namen Entscheidungen über ihre Zeit traf.
„Morgen rufe ich die Schule an, falls Sie das möchten“, sagte ich. „Nicht um für Sie zu sprechen, sondern um zu klären, wie Sie die Stunden nachholen können.“
„Ich würde das lieber selbst machen“, antwortete Isabelle.
„Dann machen Sie es selbst. Ich werde Ihnen dafür frei geben.“
Zum ersten Mal an diesem Abend entspannte sich ihre Haltung ein wenig.
Isabelle sah auf. „Ich wollte Ihnen keinen Vorwurf machen.“
„Sie müssen mich nicht davor schützen.“
Vor der Küchentür wartete Valerie. Sie hatte ihr Lächeln abgelegt.
„Robert, wie lange willst du dich noch von ihr beeinflussen lassen?“
Ich stand langsam auf. „Isabelle hat Feierabend. Und du wirst sie heute nicht mehr ansprechen.“
„Du glaubst also einer Angestellten mehr als mir?“
„Ich glaube, was ich selbst gesehen habe. Den Rest werde ich prüfen.“
Valerie wollte etwas erwidern, hielt aber inne, als sie die Schlüssel in meiner Hand entdeckte. Dann sah sie zu der Tür, die zum Arbeitszimmer führte.
„Bitte öffne diesen Raum heute nicht“, sagte sie. „Ich muss dir vorher etwas erklären.“
Erst jetzt begriff ich, dass ihre Angst nicht allein mit unserer Verlobung zu tun hatte. Sie fürchtete etwas, das hinter jener Tür auf mich wartete.
Warum Valerie mich vom Arbeitszimmer fernhalten wollte, erfährst du in Teil 3.













