Ich ging nicht sofort ins Arbeitszimmer. Stattdessen bat ich Valerie, mich im kleinen Salon zu treffen. Isabelle war bereits durch den Personaleingang gegangen. Ich hatte sie ausdrücklich gebeten, sich nicht länger um das Haus zu kümmern.
Valerie stellte sich ans Fenster. Draußen fuhr das letzte Taxi mit Gästen vom Grundstück. Hinter der Scheibe sah ich ihr Spiegelbild, das vertraute dunkelrote Kleid und das Gesicht, das ich noch am Morgen hatte küssen wollen.
„Was muss ich vor dem Öffnen wissen?“, fragte ich.
Sie verschränkte die Arme. „Ich habe einige Unterlagen für unsere Zukunft vorbereitet. Du hättest es ohnehin erfahren.“
„Welche Unterlagen?“
„Für den Fall, dass mit deinem Bein mehr gemacht werden muss. Für das Haus. Für unsere Organisation.“
Ich hatte seit Monaten Schmerzen, doch ich war weder geschäftsunfähig noch auf fremde Entscheidungen angewiesen. Das wusste Valerie. Trotzdem sprach sie über mein Leben, als stehe mein Rückzug bereits fest.
„Warum liegen diese Unterlagen in meinem verschlossenen Zimmer?“
„Weil ich nicht wollte, dass das Personal sie sieht.“
„Und warum hast du den Schlüssel?“
Valerie antwortete nicht. Schließlich sagte sie, sie sei müde. Wenn wir jetzt redeten, würden wir uns nur verletzen. Ich erklärte, dass ich die Unterlagen am Morgen mit meiner Hausverwalterin durchsehen würde. Valerie könne dabei sein. Für diese Nacht durfte sie im Gästezimmer bleiben; ihre persönlichen Sachen würden wir in Ruhe regeln.
Sie ging an mir vorbei, ohne mich zu berühren.
Ich schlief kaum. Nicht, weil ich Angst um mein Vermögen hatte, sondern weil ich immer wieder Isabelles Blick vor mir sah, kurz bevor sie die Knie beugte. Ich versuchte zu erinnern, wann Valerie begonnen hatte, mit den Angestellten statt mit ihnen zu sprechen. Dabei merkte ich, wie oft ich weggehört hatte, weil unsere Beziehung für mich ein Ort der Ruhe sein sollte.
Am nächsten Morgen kam Nora Peters, die seit Jahren die Verwaltung des Hauses betreute. Sie war an diesem Abend krank gewesen und erfuhr erst durch meinen Anruf von dem Vorfall. Als ich ihr die Vorgänge schilderte, zog sie ein kleines Notizbuch hervor.
„Ich habe Sie im letzten Monat zweimal um einen Rückruf gebeten“, sagte sie. „Frau Krüger erklärte, Sie wollten sämtliche Personalfragen an sie abgeben.“
„Das habe ich nie gesagt.“
„Ich fand es merkwürdig. Aber sie kannte Ihre Termine und wusste, wo die Unterlagen liegen. Ich habe angenommen, Sie hätten eine neue Regelung getroffen.“
Wieder stand ich vor derselben unangenehmen Erkenntnis. Valerie hatte meine Abwesenheit nicht nur genutzt. Ich hatte ihr aus Bequemlichkeit die Gelegenheit dazu gegeben.
Wir öffneten das Arbeitszimmer. Nichts war durchwühlt. Bücher standen gerade, der Schreibtisch war sauber. Auf dem Beistelltisch lag jedoch eine Mappe, die ich nicht kannte. Auf dem Deckblatt stand: „Organisation nach der Hochzeit“.
Darin befanden sich drei Arten von Unterlagen. Ein Entwurf für die Neuverteilung der Aufgaben im Haus. Ein Angebot einer Veranstaltungsagentur für weitere Hochzeitsfeiern. Und eine Liste mit den Namen sämtlicher Beschäftigten, neben denen handschriftliche Bemerkungen standen.
Bei Isabelle las ich: „Nach Hochzeit ersetzen. Zu viele Fragen. Weiterbildung stört Ablauf.“
Nora beugte sich über die Seite. „Die Handschrift ist von Frau Krüger.“
Ich wusste nicht, was schlimmer war: diese Worte oder die Selbstverständlichkeit, mit der Valerie sie notiert hatte. Es ging offenbar nicht um einen verschütteten Wein. Es ging darum, eine Frau loszuwerden, die sich nicht widerspruchslos in jeden Plan fügen konnte.
Das zweite Dokument machte die Sache komplizierter. Das Angebot kam von einer Hamburger Agentur namens Nordstern Events. Auf einer beigefügten Kontaktseite stand als Ansprechpartnerin Nadine Krüger. Valerie hatte mir von einer Cousine mit diesem Namen erzählt, die in der Veranstaltungsbranche arbeitete. Ich hatte nicht gewusst, dass sie für unsere Feier ein Angebot über fast achtundzwanzigtausend Euro vorbereitet hatte.
Noch war nichts unterschrieben. Auch meine Konten waren dadurch nicht belastet. Trotzdem hätte ich von einer so engen Verbindung erfahren müssen, bevor ich über Geld und Auftrag entschied.
„Bitte fertigen Sie Kopien für unsere Unterlagen an“, bat ich Nora. „Nicht für die Presse, nicht für die Gäste. Wir müssen zuerst wissen, was tatsächlich geschehen ist.“
Valerie erschien in der Tür, bevor Nora die Mappe schließen konnte.
„Jetzt führst du Buch über mich?“
„Ich versuche zu verstehen, was du hinter meinem Rücken organisiert hast.“
Sie sah auf die Personalliste und zuckte nicht einmal zusammen.
„Du wolltest dich doch nicht mehr um jeden Stundenplan kümmern.“
„Ich wollte Verantwortung teilen. Nicht, dass du in meinem Namen Menschen drohst.“
„Isabelle hat ständig diskutiert.“
„Sie hat darum gebeten, ihre Weiterbildung fortsetzen zu dürfen. Eine Zusage, die ich ihr gegeben habe.“
Valerie lachte trocken. „Du wirst bald merken, wie schnell dich solche Leute ausnutzen, wenn sie merken, dass du nachgibst.“
„Es ging nicht um Nachgeben. Es ging um eine vereinbarte Arbeitszeit.“
Ich hielt ihr den Agenturvertrag hin. „Wolltest du mir auch erklären, dass Nadine deine Cousine ist?“
„Natürlich. Irgendwann. Ich wollte dir Arbeit abnehmen.“
„Und was sollte ich unterschreiben?“
Auf dem hintersten Blatt war die Einladung zu einem Termin bei einem Rechtsanwalt notiert. Das Thema lautete „Vollmachten und Verwaltung privater Angelegenheiten“. Ich kannte den Anwalt nicht und hatte keinen Termin vereinbart.
Valerie blickte mich an. „Falls du operiert wirst, muss doch jemand handeln können.“
„Dann bespreche ich mit einem Anwalt meiner Wahl, wem ich welche Befugnisse geben möchte.“
„Denkst du wirklich, ich wollte dich bestehlen?“
„Das habe ich nicht behauptet. Ich sage, dass du über mein Eigentum und meine Mitarbeiter entscheiden wolltest, ohne mich zu fragen.“
Nora schob die Mappe zu sich. Sie wirkte unbehaglich, aber sie blieb sitzen. Zum ersten Mal seit gestern Abend war ich froh, dass jemand nicht einfach den Raum verließ, sobald das Gespräch schwierig wurde.
„Valerie“, sagte ich, „unsere Hochzeit wird nicht stattfinden.“
Sie wurde still. Dann griff sie nach ihrem Telefon.
„Wenn du das durchziehst, wirst du es bereuen. Deine Freunde werden erfahren, was du für ein Mensch bist.“
„Sie dürfen erfahren, dass ich eine Verlobung beendet habe. Über Isabelle wirst du keine Geschichten verbreiten.“
Valerie verließ den Raum. Eine Stunde später erhielt ich eine Nachricht von Matthias Beck. Er bat um ein persönliches Gespräch und schrieb nur, er müsse etwas richtigstellen, was er am Vorabend gesehen habe.
Als wir uns trafen, legte er sein Telefon auf den Tisch. Darauf war ein kurzes Video aus unserer Eingangshalle zu sehen, aufgenommen noch bevor ich zurückgekehrt war.
„Meine Frau hat eigentlich die Blumen fotografiert“, sagte er. „Ich habe erst später bemerkt, was am Rand des Bildes passiert.“
Er startete den Clip. Valerie stand neben dem Tisch mit den Rotweingläsern. Isabelle befand sich mehrere Schritte entfernt. Dann bewegte Valerie ihre Abendtasche gegen den Fuß eines Glases.
Der Wein lief auf den Boden.
Sie hatte das Missgeschick nicht nur Isabelle angelastet. Sie hatte es selbst ausgelöst.
Was Valerie mit der inszenierten Szene erreichen wollte, erfährst du in Teil 4.













