Im November bekam ich einen Brief von Hannahs Anwältin. Sie bat mich um eine kurze Erklärung, wann ich den unbekannten Mann zum ersten Mal fotografiert hatte, weshalb ich die Musik unterbrochen hatte und welche Originalaufnahmen noch vorhanden waren. Ich las den Brief dreimal. In meiner Arbeit war ich schon als Zeugin bei kleineren Unfällen gebraucht worden, aber noch nie hatte eine Hochzeitsserie etwas mit einem Brand vor sechs Jahren zu tun gehabt.
Ich schrieb auf, was ich selbst beobachtet hatte. Nicht, was ich inzwischen über Marius dachte. Nicht, welche Absicht ich Lukas unterstellte. Nur, wo die Menschen auf den Bildern standen, wann ich die Aufnahmen gemacht hatte und was am DJ-Pult gesagt worden war. Hannah hatte mich gebeten, zwischen den Dingen zu unterscheiden, die ich gesehen hatte, und denen, die ich später erfahren hatte. Nach diesem Abend fiel mir auf, wie oft Menschen diese beiden Arten von Wissen vermischen.
Die technischen Unterlagen waren inzwischen an die zuständige Ermittlungsstelle übergeben worden. Ein Sachverständiger prüfte, ob sich der Wartungsablauf aus den noch vorhandenen Akten und den wiedergefundenen Dateien nachvollziehen ließ. Hannah wusste, dass ein offenes Ermittlungsverfahren noch kein Beweis für die Ursache von Sophies Tod war. Trotzdem bedeutete es etwas, dass die Frage nach dem Fluchtweg nun nicht mehr allein zwischen Angehörigen und ehemaligen Mitarbeitern hin- und hergeschoben wurde.
An einem kalten Freitagnachmittag traf ich Hannah und Ingrid auf dem Wochenmarkt. Sie standen vor einem Blumenstand und diskutierten, ob Sophie weiße Chrysanthemen gehasst oder nur langweilig gefunden hatte. Ingrid lächelte zum ersten Mal, seit ich sie an der Hochzeit gesehen hatte.
„Sie hätte die gelben genommen“, sagte Hannah.
„Dann die gelben“, entschied Ingrid.
Wir tranken an einem Stehtisch Kaffee. Hannah erzählte, sie habe endlich mit Marius gesprochen, ohne dass Lukas oder irgendein Formular zwischen ihnen lag. Marius hatte sich dafür entschuldigt, am Hochzeitstag unangemeldet aufgetaucht zu sein. Er hatte zugleich erzählt, wie er sich damals nach dem Brand gefühlt hatte: als jemand, der den Defekt gesehen, gemeldet und anschließend geglaubt hatte, mit dieser Meldung alles Erforderliche getan zu haben.
„Er hätte energischer nachfragen müssen, warum auf einmal ‚erledigt‘ in der Akte stand“, sagte Hannah.
„Das weiß er. Aber er hat mir nicht eingeredet, seine Schuldgefühle seien größer als meine Fragen.“
Sie hatte auch mit dem früheren Vorarbeiter gesprochen, allerdings nicht allein. Henning Kruse, inzwischen im Ruhestand, behauptete zunächst, er könne sich an den einzelnen Auftrag nicht mehr erinnern. Nachdem ihm die E-Mail gezeigt worden war, bestätigte er, dass der Abschluss unter Zeitdruck erfolgt war. Ob die Anlage vor dem Brand noch von jemand anderem geprüft worden sei, konnte er nicht belegen.
„Das ist keine vollständige Antwort“, sagte ich.
„Nein“, erwiderte Hannah.
„Aber es ist mehr als dieses verdammte ‚alles erledigt‘.“
Ingrid hielt den Kaffeebecher mit beiden Händen fest.
„Ich wollte so lange jemanden finden, der eindeutig schuld ist. Jetzt wünsche ich mir manchmal nur, dass mir einer erklärt, warum Sophie an diesem Wochenende nicht nach Hause gekommen ist.“
Hannah legte ihre Hand auf den Arm ihrer Mutter. Es war eine kleine Bewegung. Ich erinnerte mich an die Hochzeitsbilder, auf denen Ingrid wenige Stunden vor der Unterbrechung hinter ihrer Tochter gestanden hatte. Damals hatte ich ihre Nähe schön gefunden. Jetzt begriff ich besser, woraus sie entstanden war.
Nach dem Markt zeigte Hannah mir eine Nachricht auf ihrem Telefon. Lukas hatte geschrieben, dass er bei seiner Befragung bestätigt habe, die Warnung damals gelesen und das Prüfblatt ohne eigene Kontrolle unterschrieben zu haben. Er habe außerdem die frühere Aussage korrigiert, soweit sie seine Kenntnis der Meldung betraf. Mehr könne er im Moment nicht tun, schrieb er, aber er werde den Kontakt zu den Ermittlern nicht abbrechen.
„Glaubst du ihm?“, fragte ich.
„Dass er es gesagt hat? Ich lasse es überprüfen. Dass er es ernst meint? Vielleicht. Nur macht es unsere Ehe nicht wieder wahr.“
Ich war froh, dass sie nicht von mir verlangte, Lukas zu verurteilen oder zu entschuldigen. An der Hochzeit hatte er verzweifelt und echt gewirkt. Auch seine Angst war echt gewesen. Doch sie hatte ihn nicht daran gehindert, Hannah die Entscheidung über ihre eigene Zukunft vorzuenthalten.
Im Dezember meldete sich der Redakteur eines regionalen Onlineportals bei mir. Jemand hatte erzählt, bei einer Hochzeit im Gutshof sei der erste Tanz wegen eines alten Brandfalls abgebrochen worden. Er fragte, ob ich Bilder der Braut und des Mannes hätte. Eine Aufnahme, auf der Marius hinter Hannah stand, würde seine Geschichte „visuell großartig“ machen, sagte er.
Ich lehnte ab. Der Redakteur argumentierte, die Fotos könnten das öffentliche Interesse an den Ermittlungen stärken. Vielleicht meinte er das sogar. Trotzdem hätte ein Bild von Hannahs entsetztem Gesicht nichts darüber ausgesagt, ob ein technischer Defekt unbehoben geblieben war. Es hätte vor allem gezeigt, wie sie aussah, als jemand ihr einen Teil ihrer Lebensgeschichte zurückgab, den man ihr verschwiegen hatte.
Einige Tage später rief Hannah mich an. Sie hatte von der Anfrage erfahren und bedankte sich. Dann fragte sie nach dem Rest der Galerie. Es gebe dort doch auch ganz gewöhnliche Bilder: Ingrid, die beim Essen lachte, die beiden Kinder unter dem Tisch, die alte Schulfreundin aus Bremen. Sie wolle nicht, dass alles, was an diesem Tag geschehen sei, nur noch auf Marius und Lukas zusammenschrumpfe.
Ich bereitete eine private Auswahl vor, die sie selbst freigeben konnte. Beim Sortieren fiel mir auf, dass der letzte Tanz nie stattgefunden hatte, aber viele andere kleine Begegnungen sehr wohl: ein Onkel, der seiner Schwester Wasser brachte; Hannah, die einer Freundin beim Schließen des Kleides half; Ingrid, die Sophie durch ein altes Armband ganz still mit zur Hochzeit genommen hatte.
Kurz vor Weihnachten erklärte Hannah Lukas, dass sie getrennt bleiben wolle und die notwendigen Schritte für eine spätere Scheidung mit rechtlicher Beratung vorbereite. Es war keine Entscheidung gegen die Jahre, in denen sie glücklich gewesen war. Es war eine Entscheidung darüber, was sie von diesem Tag an noch gemeinsam tragen konnte.
Als ich sie fragte, ob sie sich damit sicher sei, antwortete sie:
„Ich muss nicht wissen, ob ich ihm irgendwann vergeben kann. Ich muss nur wissen, dass ich jetzt nicht mehr neben ihm aufwachen möchte und mich fragen muss, welchen Teil meiner Geschichte er wieder ausgelassen hat.“
Einige Tage danach schickte sie mir eine letzte Bitte für die Galerie: Das Bild vom leeren Tanzparkett solle darin bleiben. Nicht, weil es schön sei. Sondern weil es zu diesem Tag gehöre.













