Ich hätte Lukas gern eine beruhigende Antwort gegeben. Einen Hinweis auf einen harmlosen Onkel, der zu spät gekommen war, oder auf einen Mitarbeiter, den ich übersehen hatte. Aber ich wusste nur, dass der Mann vor wenigen Minuten drei Meter hinter Hannah gestanden hatte und nun verschwunden war.
„Hast du ihn erkannt?“, fragte ich noch einmal.
Lukas fuhr sich mit der Hand über den Mund.
„Sag dem DJ, er soll die Musik wieder anmachen. Irgendetwas. Hauptsache, die Leute merken nichts.“
„Die Leute haben längst etwas gemerkt.“
„Dann sag ihnen, es gibt ein technisches Problem.“
Sein Blick wanderte zur Tür hinter der Bar. Ich kannte diesen Gesichtsausdruck von Menschen, die nicht nach einer Person suchen, sondern nach einer Möglichkeit, ein Gespräch zu verhindern.
Hannah kam auf uns zu. Ihr Kleid raschelte über die Holzdielen, und an ihrem Handgelenk klirrte ein schmales silbernes Armband. Sie hatte während der Trauung kaum ihre Nervosität verbergen können; jetzt wirkte sie vor allem müde.
„Warum stehen hier alle herum?“, fragte sie. „Lea, ist mit der Technik etwas passiert?“
Ich sah Lukas an und wartete auf seine Erklärung. Er schob sich zwischen uns.
„Nur eine Verwechslung. Wir fangen gleich an.“
„Was für eine Verwechslung?“
„Ein Gast, der hier vermutlich nicht hingehört.“
Hannah sah an ihm vorbei auf mein Kameradisplay. „Welcher Gast?“
Bevor Lukas die Hand heben konnte, drehte ich die Kamera zu ihr. Ich zeigte nicht zuerst das letzte Bild. Ich ließ sie die Aufnahmen in der Reihenfolge sehen, in der sie entstanden waren. Hannah betrachtete jede Aufnahme schweigend. Beim vierten Bild runzelte sie die Stirn.
„Den kenne ich nicht.“
„Ich kenne ihn“, sagte Lukas.
Hannah wandte sich ihm zu. „Eben hast du etwas anderes gesagt.“
„Ich war mir nicht sicher.“
Der DJ ließ die Lautsprecher leise knacken. Ein paar Gäste begannen zu tuscheln, jemand lachte zu laut. Hannahs Mutter sah vom Tisch neben der Tanzfläche zu uns herüber. Sie lächelte noch, aber es war das angestrengte Lächeln einer Frau, die sich gerade entschlossen hatte, nicht vor aller Augen nachzufragen.
Ich bat Romy, die Veranstaltungsleiterin, zu uns. Sie kannte jeden Durchgang des alten Gutshofs und hatte am Nachmittag die Lieferanten empfangen. Während sie kam, fragte ich Hannah, ob wir kurz in den Nebenraum gehen sollten.
„Nein“, antwortete sie. „Erst will ich wissen, warum mein Mann so aussieht.“
Lukas ließ die Arme sinken.
„Der Mann heißt Marius Voss. Wir haben früher zusammengearbeitet.“
„Wo?“
„Bei einer alten Firma. Das ist Jahre her.“
Hannah wartete. Als nichts kam, fragte sie:
„Warum steht dein ehemaliger Kollege auf unserer Hochzeit und läuft hinter mir her?“
„Genau deshalb muss ich mit ihm reden.“
Romy trat neben uns. Ich zeigte ihr das Foto und fragte, ob sie den Mann beim Einlass gesehen habe. Sie schüttelte den Kopf. Ihre Mitarbeiter hätten die Gästeliste kontrolliert; am späten Nachmittag seien allerdings Kellner und Musiker durch den Wirtschaftseingang gekommen.
„Ich schaue nach“, sagte sie. „Und ich bitte meinen Kollegen, den Eingang im Blick zu behalten.“
Lukas ging sofort los. Ich rief ihn zurück.
„Nicht allein. Wenn du nicht weißt, was er will, wäre das unvernünftig.“
Er blieb stehen, hörte aber nicht wirklich zu. Hannah nahm seinen Arm.
„Du hast gesagt, du kennst ihn. Dann sag mir, was zwischen euch war.“
„Hannah, bitte. Nicht jetzt.“
„Doch. Genau jetzt.“
Es war kein lauter Streit. Die Gäste konnten die Worte wahrscheinlich nicht verstehen. Trotzdem fühlte sich der Raum plötzlich enger an. Romy bat den DJ, ein ruhiges Instrumentalstück als Hintergrund laufen zu lassen, und erklärte den wartenden Gästen über das Mikrofon, es gebe eine kurze Pause im Ablauf. Einige gingen wieder zu ihren Tischen.
Ich wusste, dass ich meine Zuständigkeit als Fotografin längst überschritten hatte. Aber ich hatte die Gefahr sichtbar gemacht und konnte nicht einfach wieder anfangen, glückliche Gesichter zu fotografieren.
Romy kehrte nach wenigen Minuten zurück.
„Mein Kollege hat ihn am Seitenausgang gesehen. Er ist noch auf dem Gelände. Er sagt, er wolle mit der Braut sprechen.“
„Auf keinen Fall“, sagte Lukas.
Hannah sah ihn an. „Das entscheide ich.“
„Du weißt nicht, wer das ist.“
„Dann erklär es mir.“
Seine Wangen wurden rot. Er blickte auf ihre linke Hand, auf den Ring, den er ihr erst wenige Stunden zuvor angesteckt hatte.
„Ich wollte dir den Tag nicht verderben.“
Hannah trat einen Schritt zurück. In meiner Arbeit hörte ich diesen Satz häufig: beim Streit um Sitzplätze, wenn eine Verwandte nicht eingeladen worden war, wenn ein alter Familienkonflikt aufbrach. Normalerweise war er eine schlechte Entschuldigung für eine kleine Rücksichtslosigkeit. Hier klang er wie die Einleitung zu etwas, das lange verschwiegen worden war.
Romy bot an, die Polizei zu verständigen, falls sich der Fremde weigere zu gehen. Hannah bat stattdessen darum, ihn zunächst in den kleinen Besprechungsraum neben dem Büro zu führen. Romy sollte dabei bleiben. Lukas widersprach, bis Hannah ihn nur noch ansah.
„Ich habe vorhin Ja gesagt, Lukas. Nicht dazu, dass du an meiner Stelle entscheidest, was ich hören darf.“
Wir gingen durch den Flur, vorbei an einer Garderobe mit Mänteln und kleinen Körben voller verlorener Haarnadeln. Hinter der Glastür zum Hof stand ein Mann im dunklen Anzug. Aus der Nähe wirkte er älter als auf meinen Fotos. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten. In der rechten Hand hielt er einen schwarzen, flachen Gegenstand, der kaum größer als ein Feuerzeug war.
Er sah zuerst Hannah an. Dann Lukas. Er senkte die Hand, als hätte er bemerkt, dass wir etwas Bedrohliches darin vermuteten.
„Ich wollte niemanden erschrecken“, sagte er.
„Und ich hätte früher kommen sollen.“
„Sie hätten gar nicht kommen sollen“, erwiderte Lukas.
Marius ging nicht auf ihn ein.
„Hannah, mein Name ist Marius Voss. Ich habe damals im Haus an der Leine gearbeitet.“
Hannahs Gesicht verlor jede Farbe. Sie fragte nicht, welches Haus er meinte.
„Das kann nicht Ihr Ernst sein“, sagte sie leise.
Ich sah von ihr zu Lukas. Zum ersten Mal begriff ich, dass ich zwar eine Person auf meinen Bildern entdeckt hatte, aber nicht die Geschichte, die sie mitbrachte.
Marius öffnete seine Hand. Der schwarze Gegenstand war ein USB-Stick mit zerkratztem Gehäuse.
„Ich habe Unterlagen gefunden, die du sehen solltest“, sagte er.
„Es geht um die Nacht, in der deine Schwester gestorben ist.“
Hannah drehte sich zu Lukas. Er hielt ihrem Blick nicht stand.
„Du hast mir gesagt, du hättest mit dieser Nacht nichts zu tun gehabt.“













