Am nächsten Morgen lag das Foto noch auf Isabellas Bildschirm.
Die unbekannte Nummer war inzwischen nicht mehr erreichbar.
Abigail hatte die Nacht über kaum geschlafen, aber die Ärztin war mit ihrer Untersuchung zufrieden und erlaubte ihr, nach Hause zu gehen, sofern sie sich schonte und bei Beschwerden sofort wiederkam.
„Du musst dich nicht mit der Vergangenheit meiner Familie beschäftigen“, sagte Isabella, als sie ihr die Tasche reichte.
Abigail sah sie an.
„Du hast dich gestern mit meiner Gegenwart beschäftigt.
Das vergesse ich nicht.“
Zunächst gab sie bei der Polizei ihre Aussage über den Schlag ab.
Isabella begleitete sie, blieb aber im Wartebereich.
Abigail wollte selbst erzählen, was geschehen war, ohne dass ein berühmter Name jedes Wort schwerer machte.
Der Beamte notierte die Zeugen, den Krankenhausbesuch und die mögliche Videoaufnahme.
Auf seine Frage, ob sie bedroht worden sei, erzählte Abigail auch vom Anruf ihres Arbeitgebers.
„Bewahren Sie Nachrichten und Unterlagen auf“, sagte er. „Und besprechen Sie arbeitsrechtliche Fragen gegebenenfalls mit einer Beratungsstelle.“
Danach gingen sie in ein ruhiges Café.
Isabella hatte Matteo gebeten, nicht mit einer Kolonne von Sicherheitsleuten zu erscheinen.
Er kam allein und setzte sich ihnen gegenüber.
„Meine Anwältin hat die ursprüngliche Polizeidokumentation angefordert“, sagte er. „Aber es kann dauern, bis wir wissen, was davon noch vorhanden ist.“
Isabella schob ihm ihr Telefon hin.
„Was hältst du von dem Bild?“
„Es könnte alles Mögliche zeigen.
Wir brauchen Herkunft, Datum und jemanden, der bestätigt, was fotografiert wurde.“
„Ich hatte gehofft, du würdest sagen, wir hätten endlich den Beweis.“
„Dann würde ich dich anlügen.“
Eine halbe Stunde später kam eine weitere Nachricht, diesmal von einer anderen Nummer.
Die Absenderin bat um ein Treffen in einem kleinen Büro einer freien Kfz-Sachverständigen in Altona.
Sie wollte nicht mit Richard Sinclair in Verbindung gebracht werden.
Matteo schlug vor, seine Anwältin mitzunehmen.
Die drei stimmten zu.
Abigail hätte lieber zu Hause gelegen, aber sie bestand darauf, dass auch ihre Fragen gehört wurden.
Es war längst nicht mehr nur eine Geschichte aus Isabellas Vergangenheit.
Die Frau im Büro hieß Nora Beck.
Sie war neunundzwanzig Jahre alt, trug einen schlichten Pullover und hielt einen abgegriffenen Ordner vor sich.
„Ich habe das Foto geschickt“, sagte sie, bevor sie sich setzten.
Nora erklärte, dass sie vor acht Jahren als Auszubildende in einer Karosseriewerkstatt gearbeitet hatte.
Eines Morgens sei ein dunkler Wagen auf einem Anhänger gebracht worden.
Der rechte Scheinwerfer war zerbrochen, die Stoßstange eingedrückt.
„Mein Chef sagte, wir sollten den Auftrag nicht in das normale System eingeben.“
„Wer hat das angeordnet?“, fragte die Anwältin.
„Richard Sinclair.
Er war selbst dabei.“
Matteo blieb reglos.
Isabella dagegen griff unwillkürlich nach der Tischkante.
„Und Vanessa?“, fragte sie.
Nora schluckte.
„Sie saß hinten in Richards Wagen.
Sie hatte eine Jacke um die Schultern.
Ich erinnere mich daran, weil es noch warm war und sie trotzdem fror.“
„Haben Sie gesehen, wer das beschädigte Auto gefahren hat?“
„Nein.
Es wurde auf einem Anhänger gebracht.
Ich will nichts behaupten, was ich nicht gesehen habe.“
Diese Antwort machte Abigail aufmerksam.
Nora klang nicht wie jemand, der eine sensationelle Geschichte verkaufen wollte.
Sie schien jedes Wort abzuwägen.
Aus dem Ordner holte Nora eine Kopie des Arbeitszettels.
Darauf standen die Fahrgestellnummer, die ausgetauschten Teile und ein Datum, das zum Unfall passte.
Unter der Bemerkung „außerplanmäßige Reparatur“ war ein Kürzel angebracht.
„Das ist meins“, sagte Nora. „Ich habe den Zettel geschrieben.
Mein Chef wollte ihn danach vernichten.
Ich habe eine Kopie gemacht.“
Die Anwältin fotografierte nichts, bevor Nora ausdrücklich zugestimmt hatte.
Dann notierte sie, wo das Original liegen könnte und wer den Transport ausgeführt hatte.
„Warum melden Sie sich erst jetzt?“, fragte Matteo.
Nora verschränkte die Hände.
„Mein Vater war damals in der Werkstatt angestellt.
Richard hat nach der Reparatur einen Vertrag mit unserem Betrieb abgeschlossen.
Mein Chef sagte, wenn ich Fragen stellte, würden alle ihre Arbeit verlieren.“
„Und jetzt?“
„Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben.
Gestern habe ich das Video von der Gala gesehen.
Ich habe erkannt, dass Ihre Schwester die junge Frau von damals ist.“
Isabella senkte den Kopf.
Abigail berührte ihren Unterarm, so vorsichtig wie Isabella am Abend zuvor ihren gehalten hatte.
„Ich habe Ihre Schwester nicht verletzt“, sagte Nora. „Aber ich habe acht Jahre so getan, als wäre nichts passiert.“
„Sie können heute noch entscheiden, etwas zu ändern“, antwortete Isabella.
Matteo fragte nach dem Abschleppunternehmen.
Nora kannte den damaligen Fahrer: Jörg Albers.
Er arbeitete inzwischen bei einem kleinen Betrieb am Hafen.
Die Anwältin schrieb den Namen auf und erklärte, dass man Nora nicht ohne ihr Einverständnis öffentlich nennen werde.
Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei.
Für einen Augenblick war das Brummen lauter als jedes Gespräch im Büro.
Dann stellte Abigail eine Frage, die bisher niemand gestellt hatte.
„Wussten Sie damals, dass ein siebzehnjähriges Mädchen im Krankenhaus lag?“
„Am Anfang nicht“, sagte Nora. „Erst als ich später einen Bericht über den Unfall las.“
„Warum haben Sie die Kopie behalten?“
Nora öffnete den Ordner noch einmal.
Hinter dem Arbeitszettel steckte ein handgeschriebener Vermerk.
Ihre Schrift war kleiner und unregelmäßiger als auf dem Formular.
„Weil Vanessa im Hof etwas sagte.
Richard war kurz ins Büro gegangen.
Ich stand hinter der Tür zur Werkhalle.“
Isabella hob langsam den Blick.
„Was hat sie gesagt?“
„Sie fragte: ‚Papa, wenn das Mädchen aufwacht, kann sie mich dann erkennen?‘“
Nora schloss die Mappe.
Sie begann zu weinen, aber sie wiederholte den Satz nicht.
Niemand verlangte es.
Matteo atmete langsam aus.
Die Worte waren belastend, aber auch sie bewiesen noch nicht, wer gefahren war.
Er wollte nicht den Fehler machen, eine Erinnerung zur Verurteilung werden zu lassen.
Die Anwältin fragte Nora, ob sie bereit sei, ihre Beobachtungen offiziell zu schildern.
Nora nickte.
Als sie das Büro verließen, klingelte Matteos Telefon.
Es war sein Sicherheitschef.
Ein Mann habe am Grand Atoria nach Abigail gefragt und sich als Beauftragter der Sinclair-Stiftung ausgegeben.
Er habe wissen wollen, ob sie noch im Krankenhaus sei.
Abigail blieb stehen.
Sie hatte Richard nie etwas getan.
Trotzdem suchten seine Leute jetzt nach ihr.
Warum interessierte sich der Mann, dessen Tochter sie geschlagen hatte, plötzlich so sehr dafür, wo sie sich aufhielt?
In Teil 4 zeigt sich, was Richard zu verbergen versucht und welche Entscheidung Abigail selbst treffen muss.













