Ruth öffnete die Wohnungstür, bevor Emilia den Schlüssel ins Schloss stecken konnte.
Sie trug noch die gestrickte Strickjacke, die sie an kalten Abenden immer anzog, und stellte keine Fragen im Hausflur.
Erst als Emilia am Küchentisch saß, schob sie ihr eine Tasse Tee hin.
„Ich habe dir nie gesagt, dass ich alles über deinen Anfang weiß“, begann Ruth. „Aber ich hätte dir früher erzählen müssen, was ich wirklich wusste.“
Emilia zog das Medaillon über den Kopf und legte es zwischen die beiden Tassen.
„Dann erzähl es jetzt. Bitte ohne den Satz, dass du mich nur beschützen wolltest.“
Ruth senkte den Blick.
Sie arbeitete früher als Erzieherin und hatte Emilia als Pflegekind aufgenommen, als diese noch keine zwei Jahre alt war.
Die amtlichen Unterlagen nannten ein ausgesetztes Kind unbekannter Herkunft, das zunächst in St. Anna betreut worden war.
Ruth hatte die Geschichte vom Fremden vor dem Klostertor nicht erfunden; sie war ihr genau so erzählt worden.
„Die Frau vom Jugendamt sagte, bei dir sei eine Kette gefunden worden. Sie legte sie in einen kleinen Stoffbeutel. Ich durfte sie dir geben, wenn du alt genug warst.“
„Aber ich trage sie schon, seit ich mich erinnern kann.“
„Weil du sie jedes Mal gesucht hast, wenn ich sie weggelegt habe. Ich wollte dir etwas lassen, das sich nach deiner eigenen Geschichte anfühlt.“
Emilia fuhr mit dem Finger über die verschlossene Silberkante.
Sie erinnerte sich an Ruths Hände, die den Verschluss vor Schulaufführungen prüften, und an ihre Geduld, wenn Emilia nach ihren Eltern fragte.
Was jetzt fehlte, war nicht diese gemeinsame Zeit.
Es war der Teil davor.
Ruth holte eine Pappschachtel aus dem Schrank.
Darin lagen Kopien der damaligen Pflegevereinbarung, Briefe der Behörde und ein schmaler Umschlag mit dem Namen einer Sachbearbeiterin.
Ein Datum fiel Emilia auf: Die erste dokumentierte Aufnahme in St. Anna lag mehrere Tage nach dem Klinikbrand.
„Warum wurde niemand nach einem vermissten Baby gefragt?“, wollte Emilia wissen.
„Ich habe gefragt. Man sagte, die Polizei prüfe die Herkunft. Später hieß es, es gebe keine Hinweise und du bräuchtest vor allem ein Zuhause.“
„Und du hast es geglaubt?“
„Damals warst du eine kleine Person, die nachts nach jemandem rief. Ich habe mich um diese Person gekümmert. Ja, ich habe den Unterlagen geglaubt.“
Ruth ließ ihre Hand neben Emilias liegen, berührte sie jedoch nicht.
Emilia verstand, dass auch Ruth Angst hatte: nicht vor einer strafrechtlichen Untersuchung, sondern davor, in Emilias neuer Geschichte plötzlich als Irrtum dazustehen.
„Du bist meine Mutter“, sagte Emilia. „Das ändert sich nicht, wenn wir etwas herausfinden.“
Ruths Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich weiß. Ich muss trotzdem lernen, dass du selbst entscheidest, was du wissen willst.“
Am Morgen vereinbarte Emilia mit Margarete ein Treffen in einer unabhängigen Beratungsstelle für Menschen mit unklarer Herkunft.
Sie bat Ruth mitzukommen, nicht als Zeugin gegen irgendwen, sondern weil sie bei ihr bleiben sollte, falls das Gespräch zu viel wurde.
Margarete kam allein.
Sie hatte ihre elegante Kleidung gegen einen dunklen Pullover getauscht und brachte einen Ordner mit alten Briefen mit.
Die Beraterin hörte zu, ohne die Medaillons zum Beweis einer Verwandtschaft zu erklären.
Sie erläuterte, wie ein freiwilliger Verwandtschaftstest in einem akkreditierten Labor durchgeführt werden konnte und welche Fragen bei der Korrektur von Personenstandsdaten später gesondert zu klären wären.
Margarete und Emilia ließen sich die Bedingungen erklären, bevor sie beide einwilligten.
Die Proben sollten getrennt, mit Identitätsprüfung und schriftlicher Dokumentation genommen werden.
„Ich habe Angst vor dem Ergebnis“, sagte Margarete.
„Ich auch“, gab Emilia zu. „Aber noch mehr Angst habe ich davor, weiter nur Vermutungen zu sammeln.“
Ruth blieb während der Probenentnahme auf dem Flur.
Als Emilia wieder herauskam, fragte sie nicht nach dem Muttermal, sondern, ob Emilia etwas essen wolle.
Die gewöhnliche Frage war eine Erleichterung.
Am Nachmittag traf Emilia Johannes Feld in einem Café gegenüber dem Stadtarchiv.
Er hatte sich inzwischen anwaltlich beraten lassen und wollte seine Unterlagen nicht einfach öffentlich verteilen.
Er zeigte ihr den Durchschlag, von dem er gesprochen hatte.
Auf einem Formular war die Verlegung eines Säuglings in der Nacht nach dem Feuer vermerkt.
An der Stelle für die Zieladresse stand St. Anna, daneben eine unleserliche Namenskürzung und eine handschriftliche Ergänzung: „Freigabe durch Angehörigenvertretung“.
Unter der Ergänzung befand sich eine Unterschrift, die nach „T. Adler“ aussah.
„Ist das echt?“, fragte Emilia.
„Die Kopie stammt aus meinem damaligen Arbeitsordner. Ob die Unterschrift echt ist, muss jemand prüfen. Ich habe sie nie untersucht.“
„Warum nicht vor zweiundzwanzig Jahren?“
Feld schaute auf die Risse in seiner Tasse.
„Weil ich die Kopie versteckte und mir danach jeden Monat sagte, dass ich mich nicht noch einmal einmischen sollte. Ich schäme mich dafür.“
Er erzählte, wie er nach dem Brand beobachtet hatte, dass ein Kind mit Sauerstoffunterstützung aus einem Nebengebäude gebracht wurde.
Die medizinischen Mitarbeiter hätten von einer vorübergehenden Verlegung gesprochen.
Am nächsten Tag habe in der Liste derselben Station ein Todesvermerk gestanden.
Feld hatte den Widerspruch gemeldet und anschließend eine Versetzung erhalten.
„Ich kann nicht bezeugen, welches Kind im Wagen lag“, sagte er. „Aber ich weiß, dass die Akten verändert wurden.“
Emilia wollte hören, dass er sicher sei.
Stattdessen war sie dankbar, dass er die Grenze seiner Erinnerung benannte.
Sie fotografierte den Beleg mit seiner Erlaubnis und notierte die Nummer des Arbeitsordners.
Margarete meldete sich am Abend.
Sie hatte in ihrem Ordner einen alten, nie beantworteten Brief gefunden, den sie drei Monate nach dem Brand an die Klinikleitung geschickt hatte.
Sie fragte darin nach dem Bestattungsort ihrer Tochter und nach einer Bescheinigung, die den medizinischen Tod bestätigte.
Antwort erhalten hatte sie nur durch Thomas: Er habe alles erledigt, sie müsse sich damit nicht noch einmal verletzen.
„Ich habe das damals für Fürsorge gehalten“, sagte Margarete am Telefon. „Heute weiß ich nicht, was es war.“
Emilia setzte sich auf ihr Bett, während Ruth in der Küche das Geschirr abtrocknete.
„Lassen Sie uns warten, bis das Labor antwortet“, schlug sie vor. „Und bitte sprechen Sie mit einem Anwalt, bevor Sie Thomas beschuldigen.“
Margarete versprach es.
Zum ersten Mal hatte Emilia das Gefühl, dass sie gemeinsam eine Richtung fanden, statt einander mit Hoffnungen zu überrennen.
Kurz vor Mitternacht kam von Feld eine Nachricht mit einem Foto der Rückseite des Transportdurchschlags.
Dort war eine zweite Nummer notiert, die er zunächst übersehen hatte.
Emilia verglich sie mit Ruths Pflegevereinbarung.
Die Ziffernfolge stimmte bis auf den letzten Buchstaben überein.
Eine Verbindung war damit noch nicht bewiesen.
Aber zwei Dokumente, die angeblich nichts miteinander zu tun hatten, benutzten offenbar denselben Fallcode.
Und neben diesem Code stand auf dem einen Blatt die Unterschrift von Thomas Adler.
Wer hatte diesen Code weitergegeben und warum war er im Pflegeakt eines namenlosen Kindes gelandet?
Die Antwort könnte nur bei jemandem liegen, der damals an beiden Orten gearbeitet hatte.
Welche Rolle Thomas‘ Schwester bei der Übertragung der Unterlagen spielte, wird in Teil 4 sichtbar.













