Emilia blieb hinter der Glastür stehen, obwohl der Restaurantleiter ihr längst den Weg freigemacht hatte.
Der Mann draußen hob die Fotografie nicht wie eine Drohung, sondern so, als wisse er nicht, wohin mit seinen Händen.
Margarete trat neben Emilia, während Thomas mit einigen Schritten Abstand folgte.
„Wer sind Sie?“, fragte Emilia durch die geöffnete Tür.
„Johannes Feld. Ich habe vor langer Zeit in der Klinik am Fleet gearbeitet.“
Bei dem Namen der Klinik griff Margarete nach der Lehne des nächsten Stuhls.
Emilia sah dagegen zuerst auf den Umschlag in seiner Manteltasche.
Darauf stand mit schwarzer Tinte ihr eigener Name.
„Warum suchen Sie mich bei der Arbeit?“
„Weil Sie im Frühjahr beim Archiv von St. Anna nach Ihrer Herkunft gefragt haben. Eine frühere Mitarbeiterin hat mich gebeten, Ihnen zu antworten. Ich hätte anrufen sollen.“
„Sie haben mich also einfach verfolgt?“
„Nein. Ich wusste, wo Sie arbeiten, weil Sie es in Ihrem Brief als Kontaktadresse angegeben haben. Ich warte seit einer Stunde und wollte Ihnen nach Feierabend die Entscheidung überlassen, ob Sie mit mir reden.“
Es war nicht die ganze Entschuldigung, die Emilia verdient hätte.
Immerhin machte er keine Anstalten, näher zu kommen.
Sie erinnerte sich an ihren Brief, den sie in einer Nacht geschrieben hatte, in der ihre Pflegemutter Ruth wieder von ihrer eigenen Krankheit gesprochen hatte.
Emilia wollte ihre Vergangenheit kennenlernen, bevor sie eines Tages niemanden mehr danach fragen konnte.
Thomas war plötzlich an der Tür.
„Johannes, nicht hier“, sagte er.
Feld schüttelte langsam den Kopf.
„Sie haben bereits lange genug entschieden, wo darüber gesprochen wird, Herr Adler.“
Emilia sah zwischen den Männern hin und her.
Thomas hatte den Fremden beim Namen genannt, ohne dass sie einander vorgestellt worden waren.
„Sie kennen sich“, stellte sie fest.
„Wir kennen denselben alten Vorgang“, erwiderte Feld. „Das ist nicht dasselbe.“
Der Restaurantleiter bat sie, den Eingang freizuhalten.
Emilia schlug vor, in den kleinen Nebenraum zu gehen, den das Personal für Besprechungen nutzte.
Sie wollte weder auf dem Bürgersteig noch vor den Gästen erfahren, wer sie möglicherweise war.
Margarete fragte sie leise, ob sie mitkommen dürfe.
Emilia nickte, nicht weil sie ihr bereits vertraute, sondern weil die Frau mindestens ebenso erschrocken war wie sie selbst.
Im Nebenraum legte Feld das Foto auf den Tisch.
Auf der Rückseite stand ein Datum aus dem Herbst vor zweiundzwanzig Jahren, außerdem der Name der Klinik und eine Nummer.
Margarete erkannte das gelbe Tuch, in das man ihre Tochter für das Erinnerungsfoto gewickelt hatte.
„Das ist meins“, flüsterte sie. „Die Schwester hat damals zwei Aufnahmen gemacht.“
„Eine bekam Ihr Mann“, erklärte Feld. „Die andere blieb in der Patientenmappe. Ich war der Mitarbeiter, der nach dem Brand beschädigte Unterlagen sortieren musste.“
„Und Sie haben das Bild all die Jahre behalten?“, fragte Emilia.
Feld atmete hörbar aus.
„Ich habe eine Kopie behalten, weil die Unterlagen, die ich anschließend zur Vernichtung geben sollte, nicht zusammenpassten. Ich war jung und hatte Angst, einen Fehler zu melden, den niemand hören wollte.“
„Das Mädchen ist gestorben“, unterbrach Thomas ihn.
Margarete hob den Kopf.
„Du hast vorhin gesagt, das Medaillon beweise nichts. Jetzt redest du wieder, als wärst du dabei gewesen. Welche Aussage soll ich dir glauben?“
Thomas zog einen Stuhl heran, setzte sich aber nicht.
Er erklärte, es habe im Brandchaos widersprüchliche Listen gegeben, Menschen hätten unter Schock gestanden und Feld suche seit Jahren einen Schuldigen.
Es klang wie eine Erklärung, die er schon oft geübt hatte.
Emilia legte ihre Hand neben das Foto.
Das Muttermal wirkte plötzlich noch deutlicher.
Sie schob die Hand zurück.
„Ich will nicht, dass jemand aus einem Fleck auf meiner Haut eine fertige Geschichte macht. Gibt es einen Beleg, dass das Baby auf diesem Foto ich bin?“
„Noch nicht“, sagte Feld sofort. „Deshalb bin ich gekommen.“
Die Offenheit überraschte Emilia mehr als jede Behauptung.
Feld zeigte ihr eine alte Kopie des Aufnahmebogens aus der Klinik.
Das Geburtsdatum war lesbar, der Name der Mutter ebenfalls.
Die Zeile für die Entlassung war dagegen mit einem dunklen Stempel überdeckt.
„Ich kann Ihnen keine amtliche Wahrheit versprechen“, sagte er. „Aber ich kann Ihnen zeigen, wo die Fragen beginnen.“
Ruths Nummer stand als oberster Kontakt in Emilias Telefon.
Sie ging auf den Flur und rief an.
Die ältere Frau meldete sich nach dem dritten Klingeln, mit ihrer gewohnten warmen Ungeduld.
„Ist etwas passiert, Spatz? Du klingst, als müsstest du gegen den Wind sprechen.“
Emilia erzählte ihr vom Muttermal, von Margarete und dem Medaillon.
Am anderen Ende blieb es so lange still, dass Emilia nachfragte, ob die Verbindung abgebrochen sei.
„Nein“, sagte Ruth schließlich. „Ich bin noch da. Komm bitte nach Hause. Und bring nichts mit, das du nicht selbst sehen möchtest.“
„Wusstest du, dass mich jemand sucht?“
„Ich wusste, dass jemand wieder Fragen stellt. Mehr wollte ich dir erst sagen, wenn ich es erklären kann.“
Emilia fühlte einen Stich, weil selbst Ruth Informationen zurückgehalten hatte.
Aber sie hörte auch die Furcht in ihrer Stimme und beschloss, die Frage nicht am Telefon zu beantworten.
Als sie in den Nebenraum zurückkehrte, stand Margarete am Fenster.
Sie hielt ihr Medaillon in der offenen Hand, ohne Emilia damit näherzukommen.
„Ich weiß nicht, wie man sich in so einem Moment richtig verhält“, sagte sie. „Ich möchte Sie nicht verlieren, bevor wir überhaupt wissen, was wahr ist.“
„Sie haben mich noch gar nicht“, erwiderte Emilia.
Margarete schluckte und nickte.
„Sie haben recht.“
Für das erste Mal an diesem Abend fühlte Emilia sich nicht wie ein Beweisstück.
Sie schrieb Felds Telefonnummer auf, fotografierte nur die Rückseite des Bildes und ließ sich die Kopie des Aufnahmebogens geben.
Das Originalfoto sollte bei ihm bleiben, bis jemand fachkundig die Herkunft der Unterlagen geprüft hatte.
Thomas verlangte, dass Margarete mit ihm nach Hause fahre.
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich fahre allein. Du kannst mir morgen sagen, warum du Johannes kennst.“
Als die beiden hinausgingen, blieb Feld noch einen Moment bei Emilia stehen.
„Auf dem Aufnahmebogen ist nicht nur eine fehlende Entlassung“, sagte er. „Es gab nach dem Feuer einen zweiten Transport. Ich habe ihn damals selbst gesehen.“
Emilia sah auf den dunklen Stempel.
„Wohin?“
Feld antwortete erst, als sie ihn wieder ansah.
„Nach St. Anna. Und auf dem Durchschlag steht der Name des Mannes, der ihn freigegeben haben soll.“
Wer hatte die Fahrt eines Babys aus einer brennenden Klinik bestätigt, das offiziell gestorben war?
Emilia nahm ihren Mantel und wusste, dass sie zuerst Ruth fragen musste, bevor sie noch einem fremden Dokument vertraute.
Was Ruth über diese Nacht wusste und weshalb sie so lange geschwiegen hatte, erzählt die Geschichte in Teil 3 weiter.













