Markus griff nach meinem Handy, hielt aber inne.
„Nicht antworten.“
„Hatte ich nicht vor.“
Wir riefen Krüger an. Er sagte, ich solle die Nachricht nicht löschen, keinen Screenshot an andere schicken und das Telefon am nächsten Morgen mitbringen.
„Kann man herausfinden, von wem sie ist?“, fragte ich.
„Vielleicht. Wichtig ist zuerst, dass wir sie sauber sichern.“
In dieser Nacht schlief ich kaum. Nicht weil ich glaubte, dass jemand vor meiner Wohnung stand. Sondern weil ich zum ersten Mal verstand, wie klein der Abstand zwischen einer Beobachtung und einer Katastrophe gewesen war.
Ein gelber Strich.
Ein paar Millimeter.
Mehr hatte ich zuerst nicht gehabt.
Am nächsten Morgen war die Werkstatt geschlossen. Markus hatte ein Schild an die Tür gehängt: Technische Prüfung. Heute kein Kundenbetrieb.
Sven kam trotzdem.
Kurz nach acht stand er draußen und hämmerte gegen die Scheibe.
„Mach auf.“
Markus wollte ihn wegschicken. Krüger, der bereits im Büro war, sagte: „Lassen Sie ihn rein.“
Sven trat ein, sah mich und blieb stehen.
„Du hast die Polizei auf mich gehetzt.“
„Nein“, sagte ich. „Du hast Fragen verursacht.“
„Du hältst dich für besonders schlau.“
Krüger kam aus dem Büro.
„Herr Reuter, setzen Sie sich.“
Sven sah ihn an. „Ich will meine Sachen.“
„Später.“
„Sie haben nichts gegen mich.“
Krüger legte einen Ausdruck auf den Tisch.
„Die Prepaid-Nummer vom Anruf am Montag war gestern Abend erneut aktiv.“
Sven sagte nichts.
„In derselben Funkzelle wie Ihre Wohnung.“
Markus setzte sich langsam.
Krüger legte einen zweiten Ausdruck daneben.
„Und die Nachricht an Frau Berger wurde über eine zweite Prepaid-Karte verschickt. Ebenfalls aus diesem Bereich.“
Sven lachte, aber es klang trocken.
„Da wohnen tausend Leute.“
„Richtig. Deshalb frage ich weiter.“
Krüger ließ sich nicht provozieren.
„Der USB-Stick vom Diagnoserechner enthält ein Programm, mit dem Logdateien des Kamerasystems kopiert und verändert werden können. Außerdem befinden sich darauf drei Textdateien.“
Svens Blick ging unwillkürlich zum Stick, der inzwischen in einer Beweistüte lag.
„Eine davon enthält Uhrzeiten“, sagte Krüger. „11:45. 11:50. 12:15. 17:30.“
Alexander war an diesem Morgen ebenfalls gekommen. Er stand an der Tür und sagte kein Wort.
Krüger sah Sven an. „17:30 war die geplante Abholung.“
Sven rieb sich die Hände.
„Jeder konnte den Stick dahinstecken.“
„Natürlich. Aber auf einer der Dateien steht auch ein Kennzeichen, das zu Ihrem privaten Wagen gehört.“
Sven sah Markus an.
„Ich habe Mist gebaut.“
Markus wurde starr.
Krüger sagte: „Dann erzählen Sie jetzt vollständig.“
Sven setzte sich.
Lange passierte nichts.
Dann hob er den Kopf zu Alexander.
„Es sollte nicht so laufen.“
Alexander antwortete leise. „Wie sollte es denn laufen?“
„Sie sollten losfahren.“
Die Luft in der Halle schien dünner zu werden.
Sven presste die Lippen zusammen.
„Ein paar Kilometer. Dann sollte etwas auffallen. Spiel in der Lenkung. Geräusch. Irgendwas. Sie sollten anhalten.“
Dr. Vogel, der ebenfalls für eine ergänzende Dokumentation gekommen war, stand hinten und schüttelte kaum sichtbar den Kopf.
Alexander sagte: „Sie haben mehrere Befestigungen gelöst.“
„Nicht komplett.“
„Das ist Ihre Verteidigung?“
„Ich wollte niemanden umbringen.“
Krüger trat näher. „Wer hat Sie beauftragt?“
Sven schwieg.
„Herr Reuter.“
„Christian.“
Alexander schloss die Augen.
Markus flüsterte: „Vogt?“
Sven nickte.
„Wie kennen Sie ihn?“
„Über meinen Bruder. Die beiden kennen sich aus einem Sportverein.“
„Was wollte er?“
„Er sagte, der Wagen müsse unterwegs Probleme machen. Nicht hier. Unterwegs.“
Krüger fragte: „Warum?“
„Keine Ahnung.“
Alexander lachte einmal, vollkommen ohne Freude.
„Sie haben für Geld an meiner Lenkung gearbeitet und behaupten, Sie hätten nicht gefragt, warum?“
Sven starrte auf den Boden.
„Wie viel?“, fragte Krüger.
„Fünftausend.“
„Bar?“
„Zweieinhalb vorher. Der Rest danach.“
„Wo ist das Geld?“
„Zu Hause.“
„Gibt es Nachrichten?“
„Er wollte keine normalen Nachrichten.“
„Was heißt das?“
„Eine App. Nachrichten löschen sich.“
Krüger nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet.
„Und trotzdem haben Sie den USB-Stick behalten.“
Sven hob die Schultern. „Ich dachte, wenn etwas schiefgeht, brauche ich irgendwas.“
„Was sollte auf dem Stick sein?“
„Die Zeiten. Die Kopie von den Kameralogs. Ein paar Sachen, die zeigen, dass ich nicht allein war.“
„Welche Sachen?“
Sven sah Alexander an.
„Eine Audiodatei.“
Niemand bewegte sich.
Krüger ließ den Stick von seinem Kollegen an den dafür vorgesehenen Rechner anschließen. Nicht direkt, sondern über ein gesichertes System. Nach einigen Minuten fanden sie eine Datei, die nicht in der ersten Übersicht aufgetaucht war.
Krüger spielte nur einen kurzen Ausschnitt ab.
Eine männliche Stimme.
Nicht laut.
„Nach der Endkontrolle. Sonst finden sie es vorher.“
Alexander wurde weiß.
„Das ist Christian.“
Sven sagte schnell: „Sehen Sie? Ich habe nicht alles erfunden.“
Alexander ging auf ihn zu. Krüger stellte sich dazwischen.
„Herr Kern.“
Alexander blieb stehen.
„Er wusste, dass dort Menschen arbeiten“, sagte er. „Er wusste, dass jemand den Wagen prüft. Er hat genau deshalb gesagt, danach.“
Sven antwortete: „Ich wollte nur, dass Sie stehen bleiben müssen.“
„Sie wollten, dass ich auf der Autobahn merke, dass etwas mit der Lenkung nicht stimmt.“
Sven schwieg.
Dr. Vogel trat nun nach vorn.
„Herr Reuter, Sie sind lange genug Mechaniker, um zu wissen, dass Sie das Ergebnis nicht kontrollieren konnten.“
Sven sah ihn nicht an.
Krüger fragte nach dem Ablauf. Sven erzählte, wie Christian ihn am Sonntag getroffen hatte. Wie er von Alexanders Fahrt wusste. Wie er ihm die 2.500 Euro in einem Umschlag gegeben hatte. Wie Sven am Montagabend den Anruf vorbereitete und am Dienstag die Ersatzkarte aus Markus’ Schreibtisch nahm, den Porsche-Schlüssel über den Sammelzugang holte und die Kamera neu startete.
„Warum die Nachricht an Lena?“, fragte Markus.
Sven sah mich zum ersten Mal direkt an.
„Weil sie immer alles sehen muss.“
Der Satz traf mich stärker als die Drohung.
Nicht weil er wahr war.
Sondern weil er zeigte, was ihn an mir störte.
Ich sollte sehen.
Nur nicht sprechen.
Krüger stand auf.
„Herr Reuter, ab jetzt machen Sie keine weiteren Angaben ohne Belehrung und gegebenenfalls rechtlichen Beistand.“
Sven wurde abgeführt.
Alexander blieb in der Halle.
Er sah die gelbe Markierung am Porsche lange an.
Dann sagte er: „Christian sitzt gerade vermutlich in meinem Büro und denkt, ich sei gestern Abend nicht nach München gefahren, weil die Werkstatt mich aufgehalten hat.“
Krüger nickte.
„Dann lassen Sie ihn das noch ein bisschen denken.“













